Bundesliga

Hollywood im Spitzenfußball: Ist das der Sinn?

Der "Scheinwerfer" von kicker-Herausgeber Rainer Holzschuh

Hollywood im Spitzenfußball: Ist das der Sinn?

Rainer Holzschuh als Laudator bei der Verleihung des Walter-Bensemann-Preises 2019.

Rainer Holzschuh als Laudator bei der Verleihung des Walter-Bensemann-Preises 2019. imago images

Im Rückblick war es eine unvermutete "Liebesbeziehung", die ich im Frühjahr 1971 einging, und die ich über den Zwischenhalt als Pressechef des DFB fast täglich genossen habe. Schon als Junge stillte ich meinen Hang zum Fußball mit der Lektüre von kicker und Sportmagazin - dass ich eines Tages dort landen würde, entsprang eher einem jugendlichen Hirngespinst.

Ein Zufall führte mich während meines Studiums in Regensburg, das ich mir als freier Mitarbeiter einer lokalen Zeitung mitfinanzierte, in den Sportjournalismus und bereits nach knapp drei Jahren zum kicker. Als Reporter in die Westredaktion, danach als Leiter der Nordredaktion, um 1988 dann im lebenswerten Nürnberg mit Wohnsitz im liebenswerten Altdorf vor den Toren der Frankenmetropole den schönsten Job antreten zu können, den ich mir je hatte vorstellen können: als Chefredakteur und Nachfolger der von mir verehrten kicker-Ikone, meinem Mentor Karl-Heinz Heimann. Um schließlich, vor genau elf Jahren, zum Herausgeber zu avancieren.

Was mich in den vielen Jahren besonders beeindruckt hat, war zum einen die Hingabe von Verlag und Redaktion, ein seriöses Fußball-Fachblatt mit Eifer und Fachkompetenz gestalten zu dürfen. Was mich ebenso faszinierte, war das ebenso kritische wie konstruktive Feedback des überwältigenden Teils unserer Leserschaft in vielen Gesprächen, Telefonaten und Schreiben.

Dank dieser Symbiose ist es gelungen, die Qualität über Jahrzehnte hinweg zu halten, die rasante Entwicklung des Fußballs fachlich zu begleiten und die Digitalisierung der Medienwelt gerade mit dem kicker zu vollziehen. Herzlichen Dank Ihnen allen, liebe Leser, dafür!

Im Rückblick auf die 50 Jahre meiner Tätigkeit im Sportjournalismus bleibt vor allem das Staunen über eine Entwicklung zu einem professionellen Fußballbetrieb, den man heute durchaus als einen Zweig der Unterhaltungsindustrie sehen muss. Eine Entwicklung, die in diesem Maße nicht zu prognostizieren war - mit allen Reizen, die der Fußball bietet, aber auch allen Risiken und Abgründen.

Vier Stunden mit Dettmar Cramer

Auch in den Siebzigern, ja Achtzigern, wurde schon gut verdient, aber der innere Motor bei jedem Spieler und Trainer war die Liebe zum Ballsport. Der Teamgeist war in diesem Kampfspiel das dominante Merkmal. Doch nach den 90 Minuten auf dem Platz stand der Mensch im Vordergrund. Was hatten wir für Vertrauen zueinander, für Spaß, gelegentlich auch mal Zoff. Was führten wir für tiefschürfende Gespräche! Ich erinnere mich an einen Abend mit dem Fußball-Weisen Dettmar Cramer, zu einer Zeit, da ich als Chefredakteur glaubte, schon sehr viel Erfahrung und Wissen aufgesogen zu haben. Nach vier Stunden schwirrte mir der Kopf, voll mit neuen Einblicken und Erkenntnissen - die meine Gedanken und Ideen beflügelten und durchaus in die tägliche Arbeit einflossen.

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Treffen mit FIFA-Granden ohne das Thema Korruption

Befruchtend waren ebenso meine Treffen mit FIFA- und UEFA-Granden, die damals nicht geprägt waren von Korruptions-Inhalten, sondern von Entwicklungsgedanken zum Wohle des Fußballs. Ebenso wie private oder dienstliche, meist vertrauliche Fachgespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der EM 2008 oder mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Diskussionen mit dem Fußball-Romantiker und heutigem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier; aber auch mit Künstlern wie Jan-Josef Liefers, Udo Jürgens oder Placido Domingo - alle ausgewiesene Fußball-Liebhaber. Und immer wieder Anregungen aus Gesprächen mit Lesern oder bei zufälligen Begegnungen mit Fans auf der Straße, in Hotels oder eben in Stadien.

Nach der Jahrtausendwende hat sich der Fußball peu à peu, aber sehr stark verändert: sportlich zum Vorteil dank neuer Trainingsmethoden, sozial eher in Richtung Fragwürdigkeit. Außerhalb der Stadien ist Fußball Showgeschäft, mit der Jagd nach noch mehr Geld, noch mehr Followern, noch mehr Marketing. Und stolpert damit in Richtung der Formel 1, der Popszene, der Reality-Shows. Wenn als ein Beispiel für viele andere das "Dschungel-Camp" regelmäßig bis zu acht Millionen Zuschauer anlockt, dann muss man sich fragen, ob die Welt nicht letztlich nach den brutalen und obszönen Publikumsbefriedigungen im antiken Rom giert. Wenn der fünfte Lamborghini in der Garage, der Learjet, das goldene Steak als Statussymbol herhalten, dann haben wir Hollywood im Spitzenfußball! Ist das der Sinn?

Der letzte "Scheinwerfer"

Diese Auswüchse zu bremsen ist eine Aufgabe der gesamten Fußball-Gesellschaft - vom Vereinsmanager über die (zu) oft versagenden Berater, auch die Medien, über die gesamte Community rund um diesen so wundervollen Sport! Der einst von Erich Menzel, Richard Kirn und vor allem meinem Vorgänger Karl-Heinz Heimann verfasste "Scheinwerfer", den ich mit Stolz weiterführen durfte, erscheint an diesem Montag ein letztes Mal. Meinungsstark wird der kicker mit einer neuen Kolumne bleiben.

Ich wünsche der Redaktion, dem Verlag sowie vor allem Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie den richtigen Weg zum Fußball einschlagen.

Rainer Holzschuh