Bundesliga

Historischer Walter - aber kann er auch Geschichte schreiben?

Seit 16 Jahren saß kein Trainer länger auf der HSV-Bank

Historischer Walter - aber kann er auch Geschichte schreiben?

HSV-Trainer Tim Walter bleibt seinem Credo treu.

HSV-Trainer Tim Walter bleibt seinem Credo treu. IMAGO/Michael Schwarz

Dass der Weg ans Traumziel Bundesliga ausgerechnet über Stuttgart führt, tut Tim Walter als Nebensache ab. "Das ist egal. Das ist Vergangenheit." Schmerzhafte Vergangenheit. Einen Tag vor Heiligabend wurde Walter 2019 nach nur einem halben Jahr bei den Schwaben entlassen. Eigentlich hatte ihn die Unterschrift beim VfB schon ans Ziel führen sollen. Nach einem erfolgreichen Einstand als Profitrainer bei Holstein Kiel in der Spielzeit 2018/19 hatte der frühere Nachwuchstrainer des FC Bayern den Stuttgartern sein Ja-Wort gegeben, ehe diese - als bislang letzter Bundesligist - in der Relegation gegen den 1. FC Union verloren.

Als im Sommer darauf die Rückkehr gelang, war Walter schon weg, und über die Gründe gibt es verschiedene Aussagen. Ein zu riskanter Spielstil habe Zweifel geschürt, hieß es aus einer Richtung, ein irreparables Verhältnis zum Boss Sven Mislintat sei ursächlich gewesen, aus der anderen. Walter sagt vor der 90-minütigen Rückkehr an diesem Donnerstag: "Der VfB ist ein toller Verein und ich habe dort viel gelernt." Aber: Was hat er wirklich gelernt? Und was seitdem verändert?

"Wir haben eine Identität geschaffen"

Auffällig ist: In Hamburg eckt der dreifache Familienvater weitaus weniger an als im Ländle. Der Badener polarisiert außerhalb der Hansestadt, vor allem bei Trainerkollegen und Schiedsrichtern, ist aber bei den HSV-Fans überaus beliebt, weil er sich im Umgang mit ihnen deutlich nahbarer gibt als seine öffentlichen Auftritte vermuten lassen. Außerdem pflegt er eine enge Verbindung zu Sportvorstand Jonas Boldt - ein extremer Gegensatz zum belasteten Verhältnis mit Mislintat. "Wir haben hier in den gemeinsamen zwei Jahren eine Identität geschaffen", sagt Walter gern und meint: Eine tatsächlich lange vermisste Mentalität und einen ansehnlichen Spielstil. Einen, über den aber jetzt auch sein Relegations-Kontrahent Sebastian Hoeneß sagt: "Hinten ist er anfällig."

Der VfB-Coach ist nicht der Erste, der das so analysiert und im Vorfeld des Aufeinandertreffens auch öffentlich äußert. Der Grund: Es ist gewisser Verlass darauf, dass Walter nichts verändern wird. "Wir bleiben bei uns", lautet noch ein Credo des Hamburger Trainers und es bedeutet übersetzt: "So und nicht anders". So klar und konsequent er seine Gruppe führt und damit eine Wagenburg geschaffen hat, so unbeirrt hält er auch an seinem Stil fest. Der ist spektakulär, hat aber zum zweiten Mal auf Rang 3 geführt, und klar ist: Diese Platzierung war im Vorjahr hinter Schalke und Werder Bremen ein Erfolg, in dieser Saison hinter Heidenheim und Darmstadt jedoch nicht. Deshalb geht es für Walter am Donnerstag und kommenden Montag auch um die eigene Zukunft.

Boldt gewährt Walter große Rückendeckung

Sein Vertrag ist im Januar bis 2024 verlängert worden, ein erneutes Scheitern im Kampf um die Bundesliga-Rückkehr galt lange als K.o.-Kriterium. Inzwischen scheint die Situation um ihn offen: Boss Boldt hat in seinem Kontrakt eine Kündigungs-Klausel bei Nicht-Aufstieg, es wäre sein vierter gescheiterter Versuch. Aber: Der frühere Leverkusener hat im neu zusammengesetzten Aufsichtsrat inzwischen eine Mehrheit. Und er gewährt Walter große Rückendeckung. Als Boldt dem Konkurrenten 1. FC Heidenheim am Sonntag zum Aufstieg gratulierte, lohnte sich durchaus ein Hinhören bei den Zwischentönen. "Dort wurde über Jahre kontinuierliche Arbeit geleistet, und das führt irgendwann eben auch ans Ziel." Das klingt nicht danach, als hinge Walters Job ausschließlich am Ausgang der Relegation. Zumindest aber hängt davon ab, ob er einen Eintrag in die Geschichtsbücher des HSV bekommt.

Sebastian Wolff

STUTTGART, GERMANY - MAY 27: Sebastian Hoeness, head coach of Stuttgart addresses the media after the Bundesliga match between VfB Stuttgart and TSG Hoffenheim at Mercedes-Benz Arena on May 27, 2023 in Stuttgart, Germany. (Photo by Johannes Simon/Getty Images)

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