Bundesliga

Wettskandal um Hoyzer - "Hinter Manipulation steckt häufig Organisierte Kriminalität"

Bochumer Ermittler Bahrs im Interview

"Hinter Manipulation steckt häufig Organisierte Kriminalität"

Hat eine klare Meinung: Michael Bahrs.

Hat eine klare Meinung: Michael Bahrs. privat / imago

Als er 2004 das von Robert Hoyzer verschobene DFB-Pokalspiel SC Paderborn gegen den Hamburger SV am TV-Bildschirm sah, noch dazu als Fan der Hanseaten, dachte Bahrs, der Referee sei betrunken. Heute, mit der langjährigen Erfahrung als Ermittler im Wettsumpf, sagt er: "Mit dem Wissen von heute hätte ich wahrscheinlich damals schon eine Ahnung gehabt." Im Rahmen des großen kicker-Reports zum Thema Spielmanipulation entstand dieses Interview mit Michael Bahrs.

Herr Bahrs, wenn Sie als HSV-Fan an das damals von Hoyzer verschobene Pokalspiel gegen Paderborn zurückdenken. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Ich war zwar schon bei der Polizei, wusste aber noch gar nichts von Matchfixing. Am Bildschirm dachte ich, der Hoyzer wäre besoffen. Mir kam das Spanisch vor, aber in einem anderen Kontext. Mit dem Wissen von heute hätte ich wahrscheinlich damals schon eine Ahnung gehabt. Wer sich mit dem Thema nicht auskennt, geht in so einem Fall von Fehlentscheidungen aus und in 90 oder 95 Prozent der Fälle ist das auch korrekt. Aber eben nicht in allen.

Wie kamen Sie zu dem Thema Wettmanipulation?
Vor dem Verfahren in Bochum wusste ich nichts über das Thema. Das Interesse wuchs zum einen, weil ich Fußball-Fan bin, zum anderen, weil ich festgestellt habe, dass in diesem Bereich kaum ermittelt wird. Ich möchte Behörden und Verbände sensibilisieren.

Wie kam das Verfahren in Bochum eigentlich ins Rollen?
Wir hatten ein laufendes Verfahren und haben im Rahmen der Telefonüberwachung festgestellt, dass die Tätergruppierung hohe Wetten platziert, sich mit Fußballern getroffen und Funktionären und Vereinen beschäftigt hat. Das passte eigentlich nicht zu den Verdächtigen, die eher aus dem Bereich Rotlicht und Drogen kamen.

Sind das typische Zusammenhänge: Rotlicht, Drogen, Sportwetten?
Das Täterverhalten hat sich gewandelt. Viele sind aus dem Rotlichtmilieu ausgestiegen und beschäftigen sich jetzt mit Fußballwetten und Manipulation. Berührungspunkte gibt es zwischen beiden Feldern schon lange in der Glücksspielszene.

Geht es da nur um Geld oder auch Geldwäsche?
Sowohl als auch. Mit Wettmanipulation ist extrem viel Geld zu verdienen. Ich habe mal erlebt, dass auf ein Spiel der zweiten italienischen Liga 6,7 Millionen Euro gesetzt wurden. Wer illegal Geld generieren will, findet sich irgendwann da wieder. Ganoven switchen um, weil sie sehen, dass das Risiko beispielsweise geringer ist als beim Drogenschmuggel.

2017 machte der Gesetzgeber Sportbetrug zum Straftatbestand. Hilft das?
Die Erfahrungswerte sind noch nicht da. Natürlich lassen sich Täter von einer Gesetzeslage nicht abschrecken, sonst gäbe es ja auch keinen Mord. Es ist ein Werkzeug für Ermittler, dahingehend war das gut, weil es die Kausalkette im Bereich der Beweisführung erleichtert.

Ihre Sonderkommission nannte sich Flankengott und war bis zu 20 Mann stark. Und heute?
Bin ich übriggeblieben zusammen mit dem Bochumer Oberstaatsanwalt Andreas Bachmann. Dabei müsste man den Fokus genauso darauf lenken wie auf andere Deliktsbereiche, denn die Straftatbestände gibt es ja nach wie vor.

Wo schnelles Geld gemacht werden kann, ist die Kriminalität nicht weit.

Wo schnelles Geld gemacht werden kann, ist die Kriminalität nicht weit. picture alliance

Und Sie erfahren über Ihr Netzwerk immer wieder davon?
Ja, sogar weltweit. Ich gebe diese Hinweise weiter, dazu habe ich als Polizeibeamter die Pflicht. Nur: Wenn ich einen Tipp zu einer Manipulation in Bayern bekomme, muss ich es dorthin schicken, zudem geht es auch ans BKA in Wiesbaden. Allerdings fehlt oft Erfahrung mit dem Thema. Es bräuchte Schwerpunktstaatsanwaltschaften und Ermittlungsgruppen, wo Expertise gebündelt ist. Die aktuelle Lösung wird der Sache nicht gerecht, denn hinter dem Phänomen Spielmanipulation steckt häufig die Organisierte Kriminalität.

Wie stellen sich die Verbände auf?
Ich habe leider nicht so gute Erfahrungen gemacht. Die Verbände sind halt daran interessiert, keine großen Skandale zu haben und den Fußball als sauberes Produkt zu verkaufen. Bestimmte Abläufe sind kontraproduktiv.

Dass Vereine und Verbände Verträge mit Wettanbietern abschließen, halte ich für absurd.

Kriminalhauptkommissar Michael Bahrs

Zum Beispiel?
Der DFB beauftragt Sportradar, um den Wettmarkt zu analysieren. Auffälligkeiten meldet man dem DFB. Die Behörde bekommt erstmal gar keine Rückmeldung, wie viele Spiele verdächtige Quotenverläufe aufweisen. Der DFB entscheidet also, was er weitergibt. Da entfällt ein Kontrollmechanismus.

Aber ist es nicht gut, dass der DFB überhaupt einen Anbieter beauftragt?
Sich auf die Fahnen zu schreiben, man könne das System kontrollieren, indem man Sportradar beauftragt, ist weit hergeholt. Es ist gut, dass man sich mit der Entwicklung der Wettquoten beschäftigt, aber man soll nicht so tun, als hätte man dadurch alles unter Kontrolle. Das ist fatal.

Was wäre sinnvoller?
Die Verbände müssen überlegen, wie sie sich im Jugendbereich präventiv aufstellen. Dass Vereine und Verbände Verträge mit Wettanbietern abschließen, halte ich für absurd. Ehemalige Nationalspieler treten als Testimonials auf und sagen: "Hey, ihr könnte jetzt in der Halbzeit noch schnell wetten." Ich möchte nichts verteufeln und sagen, bei Sportwetten geht es grundsätzlich nicht mit rechten Dingen zu. Doch wenn die Idole als Profis selbst suggerieren, dass Wetten toll ist, funktioniert Prävention nicht. Man könnte stattdessen versuchen, ehemalige Nationalspieler dafür zu gewinnen, vor den Gefahren des Wettens zu warnen. Der DFB säße ja an der Quelle. Fußballer sind Mittel zum Zweck. Sie sind zwar die kleinsten Fische in diesem großen Netzwerk, aber ohne sie ist keine Manipulation möglich. Deshalb müssen sie geschützt werden.

Überdurchschnittlich gute Gehälter können auch ein Schutz sein vor Situationen, in denen man aus wirtschaftlicher Not eine Dummheit begeht...
Es gibt genug Fußballer, die in die Insolvenz geschlittert sind. Das sind ganz normale Menschen - manche achten auf ihr Geld, andere verprassen ihre Kohle. Täter suchen sich genau diese Leute aus, weil sie leicht beeinflussbar sind.

Leichtgemacht: Um auf Sport zu wetten, braucht es heutzutage nicht viel.

Leichtgemacht: Um auf Sport zu wetten, braucht es heutzutage nicht viel. imago

Wie geraten Nachwuchsspieler, die ja noch keine Millionen verdienen, in solche Kreise?
Täter sprechen die Jungs an, sagen: "Schon wieder nur auf der Bank? Mensch, du wirst hier ganz falsch eingeschätzt, ich bring dich groß raus!" Da werden Kontakte vorgegaukelt, es wird geschmeichelt. Man stärkt das Ego der Jugendlichen. Die hören das gerne. Dann fährt der Typ mit ner dicken Karre zum Training vor, lädt einen ein zum Essen oder zu einem Bundesligaspiel - und irgendwann steckt so ein 17-Jähriger in einer moralischen Abhängigkeit und wird um einen Gefallen gebeten. Wenn er den ausführt, ist er ab diesem Moment erpressbar. Der große Mafiaboss, der droht: "Wenn du das nicht machst, schneide ich dir die Kehle durch" - das ist eher nicht der Fall.

Sind die Schulungen, die in den Klubs und speziell den Nachwuchsleistungszentren gehalten werden, zielführend?
Man müsste sich anders aufstellen. Momentan sind das Pflichtveranstaltungen mit immer dem gleichen Programm.

Borussia Dortmund engagierte einen Schauspieler, der Talente nach dem Training wenig seriös ansprach. Eine gute Idee?
Alles ist sinnvoll, was sensibilisiert. Ob man Schauspieler braucht, weiß ich nicht. Man könnte mit einfachen Mitteln denselben Effekt erzielen, indem man Vertrauen schafft, mehr Personal für bessere und praxisnähere Schulungen einstellt und dem Thema mehr Präsenz einräumt.

Es gibt ja beispielsweise den Ombudsmann, Rechtsanwalt Dr. Carsten Thiel von Herff, als Vertrauensmann von DFL und DFB...
Ist es zielführend, wenn ich einen Ansprechpartner habe, der irgendwo in Deutschland sitzt, den die Jungs vielleicht nicht einmal kennen? Man verlangt, dass Spieler sich einem wildfremden Menschen öffnen, das ist total unrealistisch. Es braucht Vertrauenspersonen im Verein.

Aber es gibt ja neuerdings auch eine Integrity App für anonyme Hinweise...
Es hat sich in einigen Ländern bewährt. Gerade in Skandinavien. Dort haben sich die Verbände nach 2009 der Sache wirklich angenommen, in Finnland und Norwegen gibt es diese App schon seit mehreren Jahren. Hier dagegen findet Prävention im absoluten Schneckentempo statt.

Warum ist das aus Ihrer Sicht so?
Ich glaube, man hat kein Konzept. Die Verbände suchen nach dem Wie, die Vereine sehen Schulungen als lästige Pflicht. Wir brauchen einen Erziehungseffekt, dafür müsste jeder Coach im Jugendbereich schon so geschult werden, dass das bei ihm in Fleisch und Blut übergeht in der Fußballerziehung.

Marijo Cvrtak, der im Bochumer Prozess zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde, sagte kürzlich im WDR, dass Manipulation genauso leicht wie früher sei. Hat er recht?
Warum sollte es jetzt auf einmal schwieriger sein, einen Fußballer anzusprechen, damit er ein Spiel beeinflusst?

Anlässlich der Wiederauflage des Duells Paderborn - HSV im diesjährigen DFB-Pokal-Viertelfinale hat der kicker in seiner aktuellen Printausgabe mit einem großen Report (Montagsausgabe) das Thema Spielmanipulation betrachtet. Neben einem großen Interview mit Sergej Barbarez, der sich an die Skandal-Begegnung von damals erinnert, wird auch der Frage nachgegangen, ob der Fußball heutzutage noch sicher ist.

Sehen Sie sich selbst gefährdet? Hier finden Sie Hilfe:

gemeinsam-gegen-spielmanipulation.de

bzga.de/infomaterialien/suchtvorbeugung/gluecksspielsucht/verzockt-informationen-zur-spielsucht-fuer-jugendliche

dfl.de/de/hintergrund/ombudsmann/unabhaengiger-ansprechpartner-der-ombudsmann/

Interview: Benni Hofmann