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Kommentar: Was Chelseas Spiel gegen Newcastle beweist

Kommentar

Hinrichtungen? Nächste Frage: Was Chelseas Spiel gegen Newcastle beweist

"Es ist nicht der Krieg der Fans", betont dieser Chelsea-Fan am Sonntag beim Spiel Chelsea gegen Newcastle.

"Es ist nicht der Krieg der Fans", betont dieser Chelsea-Fan am Sonntag beim Spiel Chelsea gegen Newcastle. IMAGO/Sportimage

Schon immer wurde im Fußball geköpft und geschossen, doch dass es diesmal bei einem Spiel tatsächlich um Hinrichtungen ging, um die reale, absichtliche Tötung von Menschen, das war neu. Willkommen in der Premier League des Jahres 2022.

Als am Sonntag, eine Woche vor Frühlingsanfang, der FC Chelsea Newcastle United empfing, sah sogar ein Krawallblatt wie die "Daily Mail", das sich im Düsteren eigentlich ziemlich wohlfühlt, "einen der dunkelsten Tage im englischen Fußball aller Zeiten" gekommen.

"Wir sind reicher als ihr", sangen die Newcastle-Fans

Der Gastgeber: ein Traditionsklub, der 19 Jahre lange bestens vom dubiosen Geld eines russischen Oligarchen lebte, ohne je eine kritische Frage zu stellen; und dem jetzt sogar die Insolvenz droht, weil diesem Oligarchen eine klebrige Nähe zu Vladimir Putin nachgesagt wird, dem Initiator eines Angriffskriegs mitten in Europa.

Der Gast: ein Traditionsklub, den vor wenigen Monaten ein Konsortium des saudi-arabischen Staatsfonds übernehmen durfte, einem Land, in dem am Tag vor dem Spiel nach offiziellen Angaben 81 Menschen hingerichtet wurden, und das seit Jahren Krieg im Jemen führt.

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Und dann waren da noch die Fans. Hier die von Chelsea, unter denen es einige einmal mehr nicht lassen konnten, "ihren" Roman Abramovich zu besingen, und unter denen offenbar niemand auf die Idee gekommen war, das Banner mit der Russland-Flagge und der Aufschrift "The Roman Empire" (Romans Imperium) abzuhängen; dort die von Newcastle, die sich teilweise in Saudi-Arabien-Fahnen hüllten und "Wir sind reicher als ihr" sangen.

Nach dem Schlusspfiff blamiert sich auch noch Newcastle-Trainer Howe

So eindrucksvoll war selten der Beweis erbracht worden: Sportswashing, das Bestreben, sein Ansehen über Investitionen in den Sport zu verbessern, funktioniert ganz hervorragend. Wer meinen Lieblingsverein unterstützt, den unterstütze ich auch. Und wer kritische Fragen stellt, der will meinem Verein nur schaden.

Als Eddie Howe nach dem Spiel auf die 81 Exekutionen angesprochen wurde, wollte er "nur Fragen zum Spiel beantworten", als ginge das so einfach, wenn man Newcastle-Trainer ist. "Mein Fokus liegt darauf, genug Punkte zu holen, um in der Liga zu bleiben", gab er die blamable Haltung zu vieler Fans wieder. "Bitter enttäuscht" war er nur von der 0:1-Niederlage. Was ist schon wichtiger als der Klassenerhalt?

Die Premier League ist mitverantwortlich dafür, dass solche etwas anderen, etwas blutigeren "Derbys" wie an der Stamford Bridge überhaupt möglich sind und immer häufiger - siehe ManCity, siehe Everton - ausgetragen werden. Bis heute spielen in ihrem Eignungstest, mit dem sie prüft, ob ein potenzieller Investor "fit and proper", also passend und geeignet ist, Menschenrechte keine Rolle. Hier muss die beliebteste Fußballliga der Welt dringend nachbessern, und jüngsten Berichten zufolge zieht sie das nach Gesprächen mit "Amnesty International" inzwischen sogar in Betracht.

Es wäre ein erster kleiner Schritt aus der Sackgasse, in die sie sich allen Warnungen zum Trotz schon vor langer Zeit begeben hat, Wendemöglichkeiten stur ignorierend. Vielleicht versteht bald auch sie, die bereitwillig das Image zwielichtiger Regime poliert, dass ihr Image dabei ebenfalls Schaden nimmt.

Jörn Petersen