Olympia

"Hey Langer, wie schaut's aus? Morgen schon was vor?"

Seoul-Bronzemedaillengewinner Michael Schulz im Interview

"Hey Langer, wie schaut's aus? Morgen schon was vor?"

Als Bronze wie Gold glänzte: Michael Schulz (re.) lässt mit seinen Mitspielern Hannes Löhr hochleben.

Als Bronze wie Gold glänzte: Michael Schulz (re.) lässt mit seinen Mitspielern Hannes Löhr hochleben. imago/Sven Simon

Herr Schulz, haben Sie ihr Selfie mit Carl Lewis noch?

Nein, das habe ich tatsächlich nicht. Es war auch weniger ein Selfie, ich habe mich hingestellt und irgendjemand hat fotografiert. Aber diese Devotionalien-Sammlerei, das ist nicht mein Ding. Ich könnte noch nicht mal genau sagen, wo meine Medaille ist. Ich weiß aber, dass ich sie noch irgendwo habe, aber eher in einer Kiste.

Wie war der Kontakt zu anderen Sportlern während Olympia 1988?

Wir sind leider erst die letzte Woche im olympischen Dorf gewesen. Ich weiß noch, wie wir damals mit dem Bus quer durchs Land gefahren sind, an den Reisfeldern vorbei - das war ein richtiges Abenteuer. Im olympischen Dorf hat man sich meist vor der Mensa getroffen, da haben wir mit ausländischen Sportlern unsere Jacken und Hemden getauscht. Da haben wir auch zum Beispiel Steffi Graf getroffen.

Sie haben damals in einer Art Wohnblock mit den deutschen Sportlern gelebt.

Ja, und das war manchmal nicht unproblematisch. Einige waren ja gerade fertig und haben ihren Schlusswettkampf abends lautstark und mit Alkohol gefeiert, und andere wollten am nächsten Tag um ihre Medaille kämpfen. Da kam dann auch mal der eine oder andere Eimer Wasser aus dem dritten Stock auf die Feiernden runter. Viel Kontakt hatten wir mit den Fechterinnen, mit Zita Funkenhauser oder Anja Fichtel, die Jürgen Klinsmann aus der baden-württembergischen Heimat kannte. Oder auch mit den Hockeyspielern.

An was können Sie sich sonst noch vom olympischen Dorf erinnern?

Es gab noch den "Ost-West-Konflikt", ich glaube, die DDR-Sportler durften gar nicht so richtig Kontakt mit uns aufnehmen. Generell hatte ich aber immer das Gefühl, dass die Zeit stillsteht. Es war irgendwie friedlich - es gab ja nur Olympia. Das Gefühl hat man heute nicht mehr so. Man konnte damals kaum nach Hause telefonieren, die Schlangen an den Telefonzellen waren endlos, es kostete ein Schweinemoos und ging auch nicht immer. In drei Wochen habe ich drei-, viermal nach Hause telefoniert. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen.

Eigentlich hätten Sie gar nicht dabei sein dürfen.

Ich war einmal bei einem Testspiel dabei, aber es war für mich klar, dass ich nicht im Kader stehen würde. So kam es auch. Die Nominierungsbekanntgabe war an meinem Geburtstag, auf der Party haben mich meine Gäste getröstet. Ich habe aus Spaß gesagt: 'Macht euch mal keine Sorgen, ich bin sowieso noch dabei.'

Ich dachte: Spielen werde ich da nicht. Ich habe mir am Flughafen erstmal einen Reiseführer von Südkorea gekauft.

Michael Schulz

Sie sollten recht behalten.

Ja, es klingelte Samstagabend nach dem letzten Bundesligaspieltag vor Olympia tatsächlich das Telefon. Hannes Löhr sagte: 'Hey Langer, wie schaut's aus? Morgen schon was vor?' Ich sagte: Eigentlich nicht. Und Löhr: 'Dann komm morgen mal nach Frankfurt, wir fliegen ab, du bist dabei.' Am letzten Spieltag hatten sich mehrere Spieler verletzt. Aber ich dachte: Spielen werde ich da nicht. Ich habe mir am Flughafen erstmal einen Reiseführer von Südkorea gekauft.

Löhr hatte andere Pläne mit Ihnen. Schon beim 3:0 gegen China, ganze drei Tage nach Ankunft, standen Sie in der Startelf.

Löhr kam schon nach dem ersten Training und sagte 'Hör mal Langer, morgen spielen?' Ich sagte: 'Ja, warum nicht?'

Können Sie sich noch gut an die Spiele erinnern?

Nein, ich war da so im Tunnel. Gegen Tunesien, hat mir letztens jemand erzählt, habe ich ein Tor und eine Vorlage gemacht, aber ich kann mich nicht mehr dran erinnern.

"Mister Olympia" im Einsatz: Michael Schulz im Halbfinale gegen Brasilien.

"Mister Olympia" im Einsatz: Michael Schulz im Halbfinale gegen Brasilien. imago/Horstmüller

Nach dem 4:1 gegen Tunesien folgte ein 1:2 gegen Schweden, dann ein 4:0 gegen Sambia. Im Halbfinale gab es die bittere 2:3-Niederlage im Elfmeterschießen gegen Brasilien.

Daran kann ich mich erinnern! Wir haben geführt, bekommen den doofen Ausgleich und kriegen dann kurz vor Schluss einen Elfmeter für uns. Wolfgang Funkel war ja der sicherste Elfmeterschütze überhaupt, gefühlt hat er jeden verwandelt, und wenn ich mich recht erinnere, immer in die gleiche Ecke. Nur gegen Brasilien hat er sie gewechselt. Da weiß ich noch, dass wir danach noch drüber gesprochen haben. Nach dem verschossenen Elfer hatten wir dann Beton in den Schenkeln.

Es blieb das Spiel um Bronze gegen Italien.

Da waren wir überraschend gut. Das hat auch die Mannschaft ausgezeichnet, dass uns das Halbfinale nicht das Genick gebrochen hat. Wir haben uns gesagt: Wir wollen unbedingt eine Medaille! Das hat in zu vielen von uns dringesteckt. Und ich hatte das Gefühl, die Italiener wollten das nicht so. Die haben wir dann relativ problemlos mit 3:0 weggenudelt. Sie haben uns ziemlich malträtiert, die haben auf alles getreten. Aber das war ja durchaus eine Spielweise, die mir gelegen hat.

Ein herzensguter Mensch.

Schulz über Hannes Löhr

Wieviel Anteil hatte Löhr am Erfolg?

Das war schon ein außergewöhnlicher Typ und super beliebt. Er hat uns die lange Leine gegeben, er hat uns vertraut und wir haben es zurückgezahlt. Das hat auch diese Mannschaft ausgezeichnet - dass wir uns eben trotzdem nicht den Arsch zugesoffen haben. Löhr war authentisch, es gab keine Eitelkeiten und Querelen unter ihm, und das bei so einem zusammengewürfelten Haufen. Ein herzensguter Mensch.

Wie ist der Kontakt zu den anderen Bronzemedaillengewinnern?

Den gibt es immer wieder mal. Mit Christian Schreier habe ich noch regelmäßigen Kontakt, auch mit Frank Mill hin und wieder. Generell spürt man immer eine gewisse Verbindung, wenn man einen von damals trifft.

Stefan Kuntz hatte große Probleme, einen Olympiakader zusammenzubekommen. Wie denken Sie darüber?

Wenn das 1988 einer gesagt hätte, hätte ich gesagt: Du hast sie ja nicht alle! Aber Olympia hatte noch einen anderen Stellenwert, heute ist Olympia ziemlich traurig. Da geht's nur noch um "höher, schneller, weiter" und um Kohle, Kohle, Kohle. Dieses Olympia-Gefühl von damals, das gibt es heute nicht mehr. Deswegen habe ich auch Verständnis, gerade für junge Spieler, die abgesagt haben, auch wegen der heutigen Belastung und Corona. Keiner weiß, wie sich das auswirkt. Als ich von Olympia kam, bin ich übrigens auf dem Feld rumgelaufen wie ein Idiot. Ich war auch wegen des Rummels völlig im Arsch, auch psychisch.

"Wer in Gottes Namen ist Baggio?"

Trotzdem war Olympia für Sie ein Sprungbrett, Sie waren einer der überragenden Akteure und wurden sogar als "Mister Olympia" bezeichnet. Dabei waren Sie noch nicht mal lange im Profigeschäft.

Eigentlich wollte ich es nicht mal werden, mir gefiel mein Beruf als Polizist. Ich bin immer zu den Probetrainings gefahren, um mal mit den Großen zu trainieren und 200 Mark Tagegeld einzustreichen. Profi wurde ich dann erst mit 26 Jahren bei Kaiserslautern, Hannes Bongartz hat mich überzeugt, und ich hätte bei der Polizei auch wieder eingestellt werden können, wenn es schiefgegangen wäre.

1992 feierten Sie ihr A-Länderspiel-Debüt mit 30 Jahren unter Berti Vogts. Stimmt es, dass Sie Roberto Baggio nicht kannten?

(Lacht) Das werde ich nie vergessen. Da kam Michael Rummenigge, der so ziemlich jeden Fußballer kannte, in die Kabine und sagte: 'Ey Langer, geil, in Italien gegen Baggio'. Ich sagte: 'Wer in Gottes Namen ist Baggio?' Ich wollte ihn gar nicht verarschen, ich wusste es wirklich nicht. Rummenigge ist wie Rumpelstilzchen durch die Kabine gerannt und hat geschrien: 'Das kann doch nicht wahr sein, dass der Baggio nicht kennt!'

Warum Schulz bei Ecken die Gegner umdrehte

Woran lag das?

Ich habe für mein Leben gerne Fußball gespielt, aber das Theater drumherum hat mich kalt gelassen. Bei Bremen habe ich bei Ecken oft die Gegenspieler umgedreht. Danach fragten die meine Kollegen: Was macht denn der Schulz da? Und die sagten dann: Der sucht seinen Gegenspieler. Einmal sollte ich den Soldo decken von Stuttgart. Ich wusste aber nicht, wie der aussieht, ich wusste nur die Rückennummer.

Es gab auch den anderen Michael Schulz. Sie haben sich selbst mal als "geisteskrank" auf dem Platz bezeichnet, auf dem Sportfoto des Jahres 1990 treten Sie mit voller Wucht gegen einen Eimer. Zu einem Linienrichter sagten Sie: "Ich hau' dir auf die Fresse, du blinde Nuss." Woran lag ihr Hang zum Ausrasten?

Ich war natürlich knallhart, das war schon teilweise grenzwertig. Für mich war da schon mal - im übertragenen Sinne - Krieg auf dem Platz. Ich hatte eben einen unglaublichen Ehrgeiz, gerade nach dem Wechsel nach Dortmund habe ich auch den Druck gespürt. Auf dem Feld war ich teilweise nicht mehr ansprechbar und habe mich vor den Spielen heiß gemacht, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Das war too much: Irgendwann sagte BVB-Manager Michael Meier: 'Langer, du kannst in Deutschland nicht mehr spielen.' Sogar eine Fachzeitung wie der kicker hat glaube ich geschrieben: "Nehmt ihm die Spiellizenz weg." Da sieht man mal, was ich für einen Status hatte.

Der legendäre Eimertritt: Schulz lässt seinem Frust freien Lauf.

Der legendäre Eimertritt: Schulz lässt seinem Frust freien Lauf. Sportfoto des Jahres 1990

Wie haben Sie den wieder losbekommen?

Ein alter Polizeikollege war auch gleichzeitig Antistress-Trainer. Der hat mir empfohlen, mal bei mir selber anzufangen, ob ich nicht selbst schuld bin und nicht alle anderen. Er hat mir ein Buch über Antistress-Training gegeben. Danach bin ich ein anderer Mensch geworden - und vom Arschloch der Bundesliga zum Nationalspieler, wie ich immer selbst sage.

Aus Ihrer eher unrühmlichen Zeit stammt auch ihr Kult-Spitzname, "Schulz, du Sau", den Sie mal von Duisburg-Fans verpasst bekommen haben. Wann hat Sie das letzte Mal jemand so gerufen?

Das passiert ständig. Auf der Straße, auf dem Dorf, im Stadion, immer wieder. Aber immer aus Spaß, das ist halt ein Running Gag geworden. Die Fans freuen sich, und ich freue mich auch.

Ihr Ex-Klub Bremen ist im Sommer abgestiegen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung dort?

Man hatte so das Gefühl, dass sie das mit ihrer norddeutschen Gelassenheit irgendwie über die Zeit retten - dieses typische Werder-Gefühl. Das gab es ja schon, dass es alles dort bisschen ruhiger ist, das habe ich immer als positiv empfunden. Vielleicht ist der Abstieg die Quintessenz daraus, dass du das einfach nicht mehr durchkriegst heutzutage. Am Ende, das muss man wirklich leider sagen, sind sie damit gescheitert.

Lange Haare, langes Bein: Schulz packt in einem Legendenspiel 2019 gegen Luca Toni die Grätsche aus.

Lange Haare, langes Bein: Schulz packt in einem Legendenspiel 2019 gegen Luca Toni die Grätsche aus. imago images/HJS

Was macht Michael Schulz heute eigentlich so?

Ich wohne in Bergisch-Gladbach und mache eigentlich alles, was so kommt. Ein bisschen Spielerberatung, Moderation, viel Radio, oder auch den Podcast "Die Vorstopper". Vor Corona spielte ich auch bei den Traditionsteams von Werder Bremen, Borussia Dortmund oder in der Traditionsnationalmannschaft. Jetzt werde ich aber bald 60 Jahre alt. Ob ich ein Comeback feiere, weiß ich nicht. Aber gesundheitlich geht es mir gut. Meistens habe ich ja auch eher ausgeteilt als eingesteckt.

Und außer Fußball?

Skifahren, da war ich eine Zeit lang richtig durchgeknallt. Und ich hatte nach meiner Karriere für den Iron Man trainiert. Ich habe auch alle Disziplinen geschafft. Aber nicht alle an einem Tag.

Interview: Christoph Laskowski

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