Südwest

Hessen Kassel feiert ein ungewöhnliches Vereinsjubiläum

Ziemlich schnell gealtert

Hessen Kassel feiert ein ungewöhnliches Vereinsjubiläum

Ein Bild aus dem Jahr 1970. Damals spielte Kassel ebenfalls in der Regionalliga, die allerdings noch zweitklassig war.

Ein Bild aus dem Jahr 1970. Damals spielte Kassel ebenfalls in der Regionalliga, die allerdings noch zweitklassig war. imago/WEREK

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Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Sagt man. Sagt auch der KSV Hessen Kassel, der neuerdings mit einer stolzen 75-jährigen Vereinsgeschichte kokettiert. Am 23. November 1947 sei der Verein gegründet worden, so liest es sich nicht zuletzt bei Wikipedia. Beim nächsten Heimspiel gegen Wormatia Worms am 19. November wird daher groß gefeiert und in Erinnerungen geschwelgt.

Dumm nur, dass es sich bei diesem Termin um eine fragwürdige Jahreszahl mit einem falschen Datum handelt. Irgendwie passend zu einem Verein, der nach drei Konkursen und vielen unglücklichen Jahren als "Drama-Queen" des hessischen Fußballs bezeichnet werden darf und in seiner eigenen Satzung den 3. Februar 1998 als Gründungsdatum nennt.

Aber woher kommt das Chaos? Die Wurzeln des KSV reichen bis ins Jahr 1893 zurück, als einige wackere Kicker die "Urvereine" Hassia und Union gründeten, welche sich wenig später zum Casseler FV zusammenschlossen. Kassel wurde damals noch mit "C" geschrieben und Fußball wurde auf Viehweiden gespielt. Die Tore baute man extra zu den Spielen auf und ab, um keinen unnötigen Ärger mit den ortsansässigen Landwirten zu provozieren.

Immerhin brachte dieser CFV im allerersten Länderspiel, das Deutschland am 5. April 1908 mit 3:5 in Basel gegen die Schweiz verlor, einen Nationalspieler hervor. Gustav Hensel hieß der Rechtsaußen, der allerdings zu keinem weiteren Einsatz für den DFB kam.

1919 gab es eine weitere Fusion, sodass aus dem Casseler FV der SV Kurhessen 1893 wurde. Mit dem Ende des 2. Weltkrieges und dem Untergang des Dritten Reiches wurden jedoch alle Vereine aufgelöst und von den Alliierten verboten - auch die ruhmreichen Kurhessen, die mit Heinrich Weber, der zwischen 1928 und 1931 zwölfmal für Deutschland spielte, einen weiteren Nationalspieler hervorbrachten. Anders als in anderen Städten brach man in Kassel nach dem Zusammenbruch von Nazi-Deutschland komplett mit der Vergangenheit. Während überall im Lande Vereine wie der VfB Stuttgart, Bayern München oder Eintracht Frankfurt bereits Ende 1945 ohne große Pause weiterspielen konnten, war die Zeit der Kurhessen für immer zu Ende.

Die Idealvorstellung der örtlichen Sportführung waren lokale Gruppen, ähnlich wie im sozialistisch geprägten Ostdeutschland, der späteren DDR. So entstand am 17. November 1945 für den Kasseler Süden die sogenannte "Sportgruppe Süd", aus der aber bald - nach Lockerungen der Bestimmungen - der VfL Hessen Kassel entstand. Dieser VfL Hessen fusionierte am 9. Juni 1947 mit dem Kasseler SV zum ersten KSV Hessen Kassel. Dieser spielte zwischen 1980 und 1990 acht Jahre lang in der 2. Liga und verpasste dabei mehrmals knapp den Aufstieg in die Bundesliga.

Wie kam es aber nun zu dem falschen Wikipedia-Eintrag? Als Gründungsdatum des 1993 in Konkurs gegangenen KSV Hessen galt ebendieser 17. November 1945. Der Zusammenschluss aus dem Jahr 1947 spielte für die Vereinschronisten in den 70er und 80er Jahren aber offenbar keine große Rolle. So tauchte in einer Vereinsschrift irgendwann das Datum 23. November 1947 auf. An diesem Tag fand allerdings lediglich die erste Jahreshauptversammlung des bereits mehr als fünf Monate zuvor gegründeten Vereins statt.

Auch der Nachfolgeverein des KSV, der FC Hessen Kassel, meldete Konkurs an und wurde im Januar 1998 aufgelöst. Daraufhin wurde am 3. Februar 1998 der heutige KSV Hessen Kassel gegründet, der 2008 noch stolz seinen 10. Geburtstag feierte und dieses Datum auch bis heute in seine Satzung schreibt.

Ein Verein also, der innerhalb von nicht ganz 15 Jahren arg gealtert ist. Anfang der 2010er Jahre haben die Nordhessen des Öfteren den Aufstieg in die 3. Liga verpasst, mussten 2017 erneut in die Insolvenz und stiegen ein Jahr später in die Hessenliga ab. Kein Wunder, dass viele im Vereinsumfeld - trotz der Rückkehr in die Regionalliga vor zwei Jahren - graue Haare und einige zusätzliche Falten bekommen haben. "Jahre beim KSV zählen doppelt", philosophierte Klubchef Jens Rose vor einiger Zeit. Inzwischen muss der Satz in "Jahre beim KSV zählen dreifach" abgeändert werden.

Oliver Zehe