Bundesliga

Kommentar - Hertha und Dardai: Zurück in die Zukunft

Auf den neuen alten Trainer wartet eine anspruchsvolle Mission

Hertha und Dardai: Zurück in die Zukunft

Soll dem launischen Berliner Ensemble wieder Realismus und Seriosität eintrichtern: Pal Dardai.

Soll dem launischen Berliner Ensemble wieder Realismus und Seriosität eintrichtern: Pal Dardai. Getty Images

Es war einer der Sätze, die im Frühjahr 2019 von ihm so oder so ähnlich fast im Wochentakt kamen. "Ich habe es schon 100-mal gesagt", sprach Pal Dardai und schaute grimmig, was er ziemlich gut kann. "Wenn ich die Weiterentwicklung hier blockiere, muss man es mir sagen." Wenige Tage später sagte es ihm Michael Preetz, und Hertha verkündete das Ende des Engagements von Dardai als Cheftrainer der Bundesliga-Mannschaft zum Ende der Saison 2018/19. Jetzt - 21 Monate und uninspiriert versenkte 150 Millionen Euro Transferausgaben später - ist einigen in der Hauptstadt und im Klub die Erkenntnis gekommen, dass es vermutlich doch eher Preetz war, der die Weiterentwicklung blockierte.

Unter allen Pointen der mit Pointen gespickten Geschichte des Klubs, der seit Jahren als uneingelöstes Versprechen im Startblock hockt, ohne loszulaufen, ist die am Sonntag beschlossene und am Montag verkündete Volte eine der spektakulärsten: Mit Dardai kommt jetzt der Mann zurück, dem Preetz und damit der Klub 2019 den sportlichen Aufbruch zu neuen Ufern nicht zutrauten - und den sie, mit fatalen Folgen, erst durch den Bundesliga-Novizen Ante Covic und nach Covics Scheitern durch den Vollzeit-Reformer und Gelegenheits-Trainer Jürgen Klinsmann ersetzten.

Ein Hauch von Müdigkeit und ein latentes Missvergnügen

Der Fußball Dardais galt nicht wenigen als zu bieder und zu sehr auf Sicherheit angelegt. Dass der Rekordspieler des Klubs in Jahren, in denen die Kassen chronisch leer waren, mit Hertha im Abschluss-Klassement die Ränge 7, 6, 10 und 11 eingefahren hatte, vergaßen manche schnell - dass eingangs seiner Abschiedssaison 2018/19 sein Team in begeisternden Heimauftritten Borussia Mönchengladbach (4:2) und den FC Bayern (2:0) düpiert hatte, auch. Es hatte sich, auf beiden Seiten übrigens, ein Hauch von Müdigkeit in die Beziehung geschlichen und zwischen Preetz und Dardai ein latentes Missvergnügen am jeweils anderen.

Jetzt ist Preetz Geschichte, und mit Dardai will der Klub zurück in die Zukunft. Hertha hat sich ein Wochenende lang geschüttelt und geht einen Schritt zurück, um - irgendwann und vielleicht, ganz vielleicht - zwei Schritte nach vorn zu kommen. Die Vertragslaufzeit bis 2022 überrascht manche, aber sie drückt die angemessene Wertschätzung aus für den Mann, der über viereinhalb Jahre bewiesen hat, dass er Bundesliga kann, und der im Herbst 2019 eine Offerte des 1. FC Köln ausgeschlagen hatte.

Dardai weiß, was er will - und kennt seinen Wert

Mit weniger als jenen knapp eineinhalb Vertragsjahren im Gepäck kamen Herthas CEO Carsten Schmidt und Sportdirektor Arne Friedrich am Sonntag nicht zum Gespräch in Dardais Haus, das nur einen Steinwurf vom Olympiastadion entfernt liegt. Und mit weniger hätten sie vermutlich auch gar nicht zu kommen brauchen. Bei allem blau-weißen Blut, das durch seine Adern fließt: Dardai weiß, was er will - und kennt seinen Wert.

Nicht die Vision, aber die Wunschlösung

Der Mann, dem jeder Grashalm des Trainingsplatzes vertraut ist und der in seiner ersten Amtszeit bereits mit einer Reihe von Profis aus der aktuellen Mannschaft gearbeitet hat, war für die Nachfolge von Bruno Labbadia, der zu Ende probiert und zu Ende geredet hatte, die Wunschlösung des Klubs. Seine Berufung steht nicht für jene Vision, die vielen Beobachtern bei Hertha seit Jahren fehlt, aber sie strotzt vor Pragmatismus und zeigt, dass zumindest die Bosse den Ernst der Lage erkannt haben. Bei den Spielern, die bisher ohne Kompass und mit einem verhängnisvollen Faible für Schludrigkeiten durch diese Saison irrlichtern, kann man sich da nicht so sicher sein.

Kader mit Solisten, die zwischen Kunst und Hybris changieren

Der mit den Millionen des Investors getunte Kader hat jede Menge Solisten zu bieten, die zwischen Kunst und Hybris changieren und im Zweifel lieber eine Pirouette zu viel als zu wenig drehen. In den Momenten, in denen sich Spiele entscheiden, schauen sie allerdings bevorzugt auf sich oder aktivieren den Abwesenheits-Assistenten. Manche schaffen sogar beides gleichzeitig. Diesem begabten, aber bemerkenswert launischen Ensemble Eitelkeit und Egoismus auszutreiben und zügig Realismus und Seriosität einzutrichtern, ist Dardais Kernaufgabe.

Ein Maximum an Vereins-DNA

Der von Preetz verantwortete Kader ist nicht für den Abstiegskampf komponiert worden. Das Problem ist nur, dass das nach allem, was man weiß, den Abstiegskampf nicht interessiert. Gegen die kommenden fünf Gegner - Frankfurt, Bayern, Stuttgart, Leipzig, Wolfsburg - holte Hertha in der Hinrunde kumuliert einen Punkt. Dardai, sein Co-Trainer "Zecke" Neuendorf, dazu Sportdirektor Friedrich als neuer Frontmann im bisherigen Preetz-Ressort: Hertha BSC stellt sich an der Seitenlinie mit einem Maximum an Vereins-DNA auf. Die drei kommen in Summe auf 666 Bundesliga-Einsätze für den Klub und haben auf dem Platz etliche Schlachten gemeinsam geschlagen, die meisten davon mit Erfolg. Die schwierigste Mission des Trios hat am Montag begonnen.

So lange laufen die Verträge der Bundesliga-Trainer