Bundesliga

Uwe Seeler im Interview: "Herr Seeler? Das sagt keiner"

Uwe Seeler 2016 im großen kicker-Interview

"Herr Seeler? Das sagt keiner"

"Ich verstelle mich nicht": Uwe Seeler.

"Ich verstelle mich nicht": Uwe Seeler. picture-alliance/ dpa

Für dieses Sonderheft sind Sie mit uns viele Stunden durch Hamburg gelaufen und haben uns Ihre Stadt gezeigt. Überall haben die Leute gerufen: Moin, Uwe! Sagt eigentlich niemand Herr Seeler?

Nee. Herr Seeler? Das sagt keiner. Ich war schon früh und immer nur der Uwe. Und das bin ich immer geblieben. Das ist doch auch okay so.

Viele Ihrer Freunde sagen, die Karriere und die Popularität habe Sie gar nicht verändert. Wie geht das?

Über sich selbst zu urteilen ist natürlich immer schwer. Aber ganz ehrlich: Ich wüsste nichts, was mich verändern könnte. Ich bin so, wie ich bin.

Gibt es Momente, wo Ihnen die Zuneigung der Leute mal zu viel wird?

Wenn ich unterwegs bin, dann wird mir das nicht zu viel. Dann bin ich gerne für die Leute da. Wenn es mal etwas viel wird, ziehe ich mich halt zurück und verstecke mich ein bisschen.

Ich wäre kein guter Trainer geworden, ich verlange zu viel.

Uwe Seeler

Sind Sie gerne berühmt?

Nein, das würde ich nicht sagen, aber es hat sich so ergeben durch den Fußball.

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Viele sagen, Uwe Seeler wäre als Verkäufer oder Arbeiter so wie der Fußballstar. Haben die Leute recht?

Ja, das wäre bestimmt so. Ich verstelle mich ja nicht.

Dann müsste Sie an der heutigen Spielergeneration ja einiges stören.

Ich sage es mal so: Für mich galt immer, dass das nächste Spiel bei null anfängt, dass du also auch nach einem guten Spiel nicht abheben darfst.

Haben Sie diese Lektion damals bei Herberger gelernt?

Ja, auch. Und das galt ganz besonders auch nach meinen Toren. Wenn du getroffen hast, dann weißt du, dass du im nächsten Spiel noch mehr geben musst, weil dir die Gegner bestimmt noch mehr auf den Füßen stehen werden. Herberger hat uns das klargemacht: Du kannst dich einen Tag freuen nach einem Sieg oder einem guten Spiel, aber dann musst du wieder umschalten. Bei der heutigen Spielergeneration fehlt mir das manchmal.

Wenn wir Sie so reden hören: Warum sind Sie kein Trainer geworden?

Ich wäre kein guter Trainer geworden, ich verlange zu viel. Außerdem hatte ich ja einen Beruf, der war für mich das Wichtigste. Nein, ich kenne mich ja. So sauer, wie ich war, wenn ich selbst schlecht gespielt hatte - da war ich ja schon ungenießbar. Ich bin ein ruhiger Mensch, aber auf dem Feld war ich anders. Da bin ich auch mal nach hinten gelaufen nach einem Abwehrfehler und habe meine Mitspieler angeraunzt: Was spielt ihr denn für einen Ball hier? Die haben dann aber zurückgemotzt: Geh’ du nach vorne und schieß lieber mal ein Tor! Aber wie gesagt: Trainer, das wäre nichts für mich gewesen. Unter Herberger damals gab es das Angebot, dass ich einen verkürzten Trainerlehrgang hätte machen können als verdienter Nationalspieler.

Aber Sie haben das abgelehnt?

Ja, und im Nachhinein habe ich damit doch alles richtig gemacht.

Die Millionen aus Italien haben mich nicht reizen können. So einer bin ich halt einfach nicht.

Uwe Seeler

Sie haben auch den Verlockungen widerstanden, ins Ausland zu wechseln. Trotz des Millionen-Angebotes von Inter Mailand.

(lacht) Der Koffer mit dem Geld war einfach so schwer, dass ich ihn nicht tragen konnte. Die Italiener haben sich richtig Mühe gegeben, mich zu überreden. Drei Tage hat es gedauert. Aber ich habe abgesagt. Das hat damals keiner verstanden, auch meine Mitspieler erklärten mich für verrückt. Ich habe mich aber bewusst für den HSV und Deutschland, auch für den Beruf bei Adidas und für meine Familie entschieden. Die Millionen aus Italien haben mich nicht reizen können. So einer bin ich halt einfach nicht. Sicher, mit diesem ganzen Geld wäre vieles einfacher gewesen, denn mit der Arbeit und dem Fußball war das manchmal eine ganz schöne Quälerei. Aber mir geht es doch gut, was will ich mehr? Es ist ein großes Glück, dass ich auch heute noch zufrieden bin mit der Entscheidung.

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Auch von Angeboten spanischer Topklubs wird oft erzählt. Wie konkret war das?

Es gab öfters Angebote aus Spanien, die kamen schriftlich. Aber das habe ich immer gleich abgelehnt. Real Madrid und der FC Barcelona waren interessiert, auch andere. Aber ich wollte ja nicht weg. Ich habe mir nur das Angebot aus Italien mal angehört, weil die damals vor Spanien das Nonplusultra waren. Mit Dolmetscher natürlich, was ganz lustig war. Denn als ich höflich absagte, obwohl neben dem Gehalt auch das Drumherum vom Feinsten war mit einem tollen Haus für meine Familie, da schüttelte Inters Trainer Helenio Herrera nur mit dem Kopf. Ich dachte erst, dass ich etwas Falsches gesagt hätte. Aber der Dolmetscher erklärte: Nein, nein, er schüttelt nur deshalb den Kopf, weil er noch nie einen Menschen erlebt hat, der so ein Angebot ablehnt. Dann habe ich ihm das kurz erklärt, und damit war das dann auch gut.

Mit der Weisheit des Alters: Würden Sie aus heutiger Sicht irgendetwas anders machen?

Nein. Ich habe nichts verkehrt gemacht. Der Weg war etwas anstrengender, aber das ist mir doch ganz gut bekommen. Ich habe hart gearbeitet für das, was ich habe. Das Bequeme ist ja nicht immer das Richtige. Diese Zeiten im Fußball, die ich erleben durfte, die kommen nie wieder. Wir haben im Grunde für ein Taschengeld gespielt. Heute gibt es 18-jährige Millionäre, das wäre damals undenkbar gewesen. Man muss ja vorsichtig sein, überhaupt etwas über Geld zu sagen, weil es sonst heißt, du bist neidisch. Aber darum geht es ja nicht. Ich denke, wir sind uns alle einig: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht. Aber die Zeit, die wir erleben durften mit dieser besonderen Kameradschaft, die war wunderschön und ist mit Geld gar nicht zu bezahlen. Das hat mir gerade auch Jochen Meinke gesagt, unser Kapitän damals beim HSV.

Dieses Wembley-Tor hat übrigens bewirkt, dass wir Deutschen bei den Engländern wieder beliebter wurden. Die Briten haben uns gefeiert.

Uwe Seeler

Sie haben so viele Erfolge errungen, aber keinen WM- oder EM-Titel gewonnen. Fehlt Ihnen das?

Eine Europameisterschaft in der Form gab es ja noch nicht.

Nun ja, Sie hätten nur zwei Jahre weiterspielen müssen, dann wären Sie 1972 mit Deutschland Europameister geworden. Haben Sie zu früh aufgehört?

Spielersteckbrief

Nein, das auf keinen Fall. Es war höchste Zeit aufzuhören, wegen meines Berufs. Ich bin ja permanent mit dem Auto unterwegs gewesen und habe abends irgendwo auf den Dörfern mittrainiert. Mein Trainer hat mir da vertraut. Einmal habe ich den Fehler gemacht, mich vorher zum Training bei einem kleinen Verein anzukündigen. Und dann saß ich da nach dem Training bis Mitternacht und habe Autogramme geschrieben, obwohl ich am nächsten Morgen wieder aus der Kiste musste. Daran sieht man: Wenn man will, dann geht alles. Aber mit zunehmendem Alter wurde das immer schwieriger. Deshalb musste ich mit dem Fußball aufhören.

Ärgert es Sie denn nun, dass Sie keinen Weltmeistertitel gewonnen haben?

Wenn du vier Weltmeisterschaften spielst, dann ist doch ganz klar, dass du auch mal gerne Weltmeister wärst. Aber heute noch ärgern? Nein, das kann ich nicht sagen. Ich habe mich damals geärgert und das abgeschüttelt, ich war immer ein Stehaufmännchen. 1970 in Mexiko hätte es klappen können, und 1966 in England sowieso.

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Da fiel das legendäre Wembley-Tor im Endspiel. Der Schiedsrichter gab ein Tor für England, obwohl der Ball nicht drin war.

Gottfried Dienst war ein sehr guter Schiedsrichter. Gott habe ihn selig, doch was hat ihn da geritten? Wir haben darüber natürlich auch diskutiert und geflachst, ob er vielleicht was mit der Königin hatte. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was er da gepfiffen hat. Da muss irgendwas vorgefallen sein, sonst können solche Entscheidungen nicht getroffen werden. Dienst hatte schon auf Eckball entschieden und gibt dann plötzlich das Tor. Und er fragt draußen einen an der Linie, der gar nix gesehen hat. Es war natürlich kein Tor, definitiv kein Tor. Ich hatte nie Zweifel. Aber wenn man uns so ein Tor geben würde, dann würden wir es auch nehmen. Dieses Wembley-Tor hat übrigens bewirkt, dass wir Deutschen bei den Engländern wieder beliebter wurden. Die Briten haben uns gefeiert. Die fanden es toll, wie fair wir uns trotz dieser harten Entscheidung im WM-Finale verhalten haben.

Muss man denn Weltmeister werden, um beliebt zu sein? Ich bin doch das beste Beispiel, dass man es auch so werden kann.

Uwe Seeler

Obwohl Ihnen der WM-Titel fehlt, sind Sie so populär wie die großen Weltmeister Franz Beckenbauer oder Gerd Müller. Empfinden Sie das als besondere Wertschätzung?

Muss man denn Weltmeister werden, um beliebt zu sein? Ich bin doch das beste Beispiel, dass man es auch so werden kann. Für einen WM-Titel brauchst du halt immer das Quäntchen Glück. Das habe ich eben nicht gehabt. Trotzdem bin ich zufrieden.

Haben Sie eigentlich jemals eine andere Sportausrüstung getragen als Adidas?

Das Cover des kicker-Sonderhefts "Legenden & Idole" mit Uwe Seeler

Das kicker-Sonderheft "Legenden & Idole" mit Uwe Seeler. kicker

Nee, nie. Das brauchte ich nicht. Der alte Dassler war mein Chef, aber auch ein Freund, ich habe Adi zu ihm gesagt. Ein richtiger Tüftler. Ich war oft bei ihm in Herzogenaurach, da hatte er eine kleine Kammer für seine Experimente. Manchmal gab er mir Fußballschuhe mit zum Probieren. Ich weiß noch, dass ich die dann nach dem Training ordentlich geputzt habe, weil ich ihm keine schmutzigen Schuhe zurückgeben wollte. Dann hat er mich ausgeschimpft und mir die Schuhe wieder mitgegeben. Ich musste sie schmutzig abgeben. Der wollte alles sehen, wie die Stollen aussahen, wo der Dreck war. Ein Tüftler halt.

Wie erleben Sie heute die Achterbahnfahrten Ihres Hamburger SV?

Natürlich drücke ich auch die Daumen für den HSV - aber die Daumen sind seit Jahren völlig platt. Das geht einem ja langsam an die Substanz. Es ist ja alles anders geworden beim HSV, aber nicht alles besser.

Eine Frage haben wir noch.

Bitte, ich beantworte alles nach bestem Wissen und Gewissen.

Sie haben so viele Tore geschossen: Welches war das schönste?

Das schönste und wichtigste Tor war in der WM-Quali in Schweden, wodurch wir 1966 überhaupt dabei waren. Es war mein erstes Länderspiel nach der schweren Achillessehnenverletzung. Und es war auch das erste Spiel von Franz Beckenbauer, der da noch ganz jung war. Das Tor und der Sieg waren eine Befreiung. Der lange Schön hat mich danach in der Kabine angeguckt und gesagt: Wir beide trinken heute einen Whiskey. Da sage ich: Herr Schön, ich trink keinen Whiskey. Da sagt Schön: Heute trinkst Du einen Whiskey! Okay, habe ich geantwortet, wenn Sie das bestimmen, dann machen wir das. Deshalb war es für mich das schönste Tor. Ich habe mich nach meinem Whiskey geschüttelt, und er hat sich ordentlich einen reingehauen. Schön war so unglaublich happy nach diesem schwierigen Sieg, das können Sie sich gar nicht vorstellen, wie der sich einen reingetrullert hat.

Dieses Interview erschien erstmals im kicker-Sonderheft "Legenden & Idole", in dem Uwe Seelers Karriere und Leben auf 100 Seiten erzählt und dokumentiert wird. Sie können es hier im kicker-Shop nachbestellen oder digital für 3,99€ in der kicker eMagazine App (App Store oder Google Play Store) im Bereich "Legenden und Idole" lesen.

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