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Wie die gamescom den Bedeutungsverlust verhindern will

gamescom Pressesprecher im Interview

Herr Mann, wie wollen Sie den Bedeutungsverlust der gamescom verhindern?

Für Franz Mann ist es die erste physische gamescom als Pressesprecher.

Für Franz Mann ist es die erste physische gamescom als Pressesprecher. kicker eSport

EA, Blizzard, Nintendo, Sony - die Liste der Absagen ist lang. Und dafür sollen Besucher auch noch mehr Eintritt zahlen? Wir fragen Franz Mann, Kommunikations-Manager PR bei der Koelnmesse und in dieser Funktion auch Pressesprecher für die Messe.

kicker eSport: Herr Mann, wie wollen Sie den Bedeutungsverlust der gamescom verhindern?

Franz Mann: Das muss man aus mehreren Perspektiven betrachten. Messen müssen gerade mit Blick auf die Pandemie generell ihre Konzepte überdenken. Wir haben gemerkt: Wir kriegen das auch digital hin. Ob wir das genauso gut hinkriegen, ist die Frage. Warum sollte ich auf eine gamescom kommen?

Das gilt auch für die Ausstellenden: Passt das noch zu dem, was wir bisher an Erfahrung gemacht haben und zu unserem Budget, unseren generellen Plänen? Und wenn sie den Leuten keine neuen Spiele bieten können, wegen Pandemie etc., dann überlegen sie sich das natürlich dreimal. Die Fans sollen auch nicht sagen: Ich hab ja nichts Neues gesehen.

Was tut die gamescom konkret?

Wir sollten gucken, was alles noch mit Gaming zusammenhängt, was Games-Branche oder die Gaming-Community bewegt und berührt. Wir haben jetzt den ersten Schritt getan: Unsere Marke wird relauncht. Und die erste Auswirkung, die man sieht, ist dieses Jahr eigentlich nur: Wir sehen anders aus.
Der Fokus liegt im Design darauf, dass wir als gamescom noch wesentlich mehr zurücktreten und die Bühne für die Inhalte bieten.

Worauf ich hinaus will ist, das wir den ersten Schritt dahin gehen, dass sich die ganze Marke selbst noch weiter öffnet und schaut: wo gibt es Anknüpfungspunkte zu anderen Communities? 

Die gamescom ist ein Klassentreffen, da sehe ich die Leute wieder, die ich die ganze Zeit nicht gesehen habe.

Franz Mann

Warum sollte ich denn auf die gamescom kommen?

Hier finde ich die ganze Bandbreite der Community. Die gamescom ist ein Klassentreffen, da sehe ich die Leute wieder, die ich die ganze Zeit nicht gesehen habe. Wir als Veranstalterinnen schaffen den Rahmen dafür, dass ich eine gute Zeit habe, wenn ich meine Leute treffe. Wir geben Anlass, weil zum Beispiel die Stände cool sind, weil die Erlebnisse cool sind.

Aber ihr habt die Ticketpreise teilweise drastisch erhöht. Wie kommt das?

Auch das muss man differenziert betrachten, die verschiedenen Kategorien wurden verschieden erhöht. Einerseits natürlich wegen der Inflation. Zusätzlich wegen der Ausfälle, jetzt in der Pandemie, dass müssen wir auch etwas ausgleichen. Und generell einfach die stark gestiegenen Kosten, was Material angeht, was das Betreiben von den Hallen angeht. Wir generieren nicht nur über die Aussteller Einnahmen, sondern eben auch über die Besucher.

Ich finde es immer wichtig, das in den Kontext zu setzen. Wir haben erhöht und ja, jetzt kostet ein Sonntagsticket 30 Euro. Aber wenn ich mir anschaue, was Tickets für andere Veranstaltungen kosten, wo ich Unterhaltung erwarte, ein Konzert, ein Festival, ein Kinobesuch…
Wenn ich da die Vergleiche ziehe, dann finde ich, bekommt man hier wirklich sehr viel geboten für die erhöhten Preise.

Wenn wir uns nicht wirtschaftlich tragen, dann können wir das alles hier nicht anbieten.

Franz Mann über gestiegene Ticketpreise

Die großen Aussteller sind nicht da, ich kann nicht bei Nintendo spielen, ich kann nicht das neue FIFA antesten und trotzdem muss ich mehr bezahlen. Wie passt das zusammen?

Wenn wir uns nicht wirtschaftlich tragen, dann können wir das alles hier nicht anbieten. Das ist das eine und das andere ist: Da wo Nintendo oder Sony nicht sind, sind trotzdem immer noch sehr viele Aussteller da, bei denen ich gut unterhalten werde. Allein in der Indie Arena, was ich da alles geboten kriege.

Wir haben gelesen "Wie früher, nur besser." Das ist ein Motto der Messe. Was ist denn besser geworden?

Zum Beispiel die Aufenthaltsqualität, was in den Vorjahren immer ein Thema war, weil wir immer mehr Leute hatten - es wurde immer voller. Wir haben viele Rückmeldungen bekommen, dass es einfach nicht schön ist, wenn du dich hier durch die Leute quetschen musst.

Da haben wir wegen der Pandemie, aber auch generell, dieses Jahr noch mal wesentlich mehr Augenmerk draufgelegt, dass die Gänge breiter sind. Außerdem haben wir die Sicherheitskontrollen so eingerichtet, dass ich da einfach durchlaufen kann. Und im Zweifel werde ich rausgepickt, weil der Automat was gesehen hat. Wir bieten den Ausstellenden ein digitales Warteschlangen-System an. Das nehmen noch nicht sehr viele an, aber es gibt ein paar, wo ich Slots buchen kann. Dann muss ich da nicht mehr anstehen. Das geht alles in diese Richtung, was Aufenthaltsqualität betrifft und sich auf der Messe wohlfühlen. Da hat sich schon viel getan.

Viel Freifläche

Viel mehr Freiflächen gab es in diesem Jahr in den Hallen der gamescom. kicker eSport

Die Hallen bieten wirklich mehr Freifläche, die Gänge sind deutlich breiter. In den Medien war dazu allerdings schon zu lesen "die Messe verliere ihre Seele". Warum sind weniger Aussteller da?

Es sind nicht markant weniger Ausstellende da, wir haben im Vergleich zu 2019 fast genauso viele. Wir haben nur wesentlich häufiger kleinere Auftritte, weil sie komplett neu sind und die Messe erstmal ausprobieren wollen. Wir haben viele Ausstellenende aus Asien, die noch nie auf einer physischen gamescom waren und jetzt gerade wegen den letzten zwei digitalen Jahren mit uns in Kontakt waren. Dass die nicht direkt eine halbe Halle buchen, ist klar.

Andererseits haben wir Tencent mit Level Infinite, die einen riesigen Stand haben und die waren so vorher auch noch nicht auf der gamescom. Die Auftritte an sich sind einfach ein bisschen kompakter und kleiner. Und das hat, glaube ich, mehrere Gründe.

Einerseits wollen die Neuen sich ausprobieren, andererseits gibt es die, die bewerten wollen. Wie zum Beispiel Xbox. Da muss man nicht drüber reden. Der Stand ist wesentlich kleiner als in den Vorjahren. Die haben sich überlegt, was kann ich auf der Messe anbieten, wo die Leute trotzdem etwas mitnehmen, was ins Konzept reinpasst.

Mann ist mit seinen 31 Jahren noch jung für diese Position, ist aber so nah dran an der Zielgruppe. Zockt er selbst auch?

Ich spiele unglaublich gerne. Ich komme nur gerade nicht wirklich viel dazu, zwischen Arbeit und meiner Familie. Ich habe einen einjährigen Sohn. Wenn es gut läuft, kann ich mal in der Badewanne mit der Switch spielen oder zwischendurch auf dem Smartphone.

Meist zockt Pressesprecher Mann, wie viele im Berufsleben stehende Gamer, nur noch Spiele, die man nach einer kurzen Session wieder weglegen kann. Wie sich alternde Gamer mit ihren Gewohnheiten and Familie und Beruf anpassen müssen, so hat auch die gamescom in den zwei Pandemiejahren dazu gelernt.

Franz Mann beschreibt die Messe in drei Worten:

Festival der Games.

Wir hatten das schon immer drin, dieses Festival-Erlebnis und haben das auch immer mitschwingen lassen in der Kommunikation. Das ist aber dieses Jahr noch relevanter und noch präsenter, weil wir zum Beispiel mit der Event Arena oder eben auch mit dem City Festival versuchen, dieser Leidenschaft, die die Leute haben, ein Outlet zu geben, wo sie zusammen ihre Leidenschaft feiern können.

Das kann man natürlich auch, wenn man an den Ständen ist und Merch fängt, oder etwas anspielt. Aber den Raum zu schaffen, wo die Leute wirklich feiern können, in dem Sinne, dass sie ihre Emotionen rauslassen können, das ist schon wichtig und das haben auch Leute schon immer mit der gamescom verbunden.

gamescom 2022: Eindrücke aus der Event Arena

Entsprechend stellt Pressesprecher Mann auch die umgewidmete Halle 6 in den Vordergrund, die "Event Arena". Sie wäre der Ort, den er besuchen würde, könnte er sich nur einen aussuchen.

Ich würde da hingehen, weil ich finde, sie zeigt sehr gut die Vielfalt. Wir hatten ein Metal-Konzert, am nächsten Tag brachte AMD dann Programm mit ganz vielen Creatorinnen und Samstag und Sonntag haben wir Mobile eSports. Das ist sehr abwechslungsreich. Und wenn ich da meine Zeit verbringen würde, glaube ich, als einzigen Ort, würde ich schon viel mitnehmen können.

Videospiele sind immer noch das Zentrum. Ganz klar. Sie bieten allerdings ganz viele Überschneidungen mit anderen Communities

Franz Mann über die Zukunftsideen der gamescom

Wird die gamescom nun also zur Influencer-Messe mit Konzerten?

Videospiele sind immer noch das Zentrum. Ganz klar. Sie bieten allerdings ganz viele Überschneidungen mit anderen Communities, da ist es sinnvoll zu schauen: Wen können wir da noch mit reinholen? Die Gamer müssen nicht zurückstecken, sondern auch die Gamer, die hier sind, haben ja nicht nur ein Interesse.

Haben wir was vergessen?

Ich finde es wichtig zu sagen, dass nicht nur ich, sondern wir alle wirklich froh sind, dass wir wieder hier sind. Ich glaube, das kann man nicht oft genug sagen.

Holm Kräusche

Unsere ersten Eindrücke von der gamescom 2022