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Westfalia, Wanne-Eickel, Sodingen: Wie steht's um den Fußball in Herne?

Großstädte ohne Profifußball: Herne

Herne-Vorstand Brüggemann: "Regionalliga ist für Vereine nicht nachhaltig"

Das Stadion am Schloss Strünkede, Spielstätte der Westfalia Herne, kann 32.000 Besucher fassen - und wäre zumindest "mit drei, vier Handgriffen" reif für den Profifußball, wie Vorstand Ingo Brüggemann betont.

Das Stadion am Schloss Strünkede, Spielstätte der Westfalia Herne, kann 32.000 Besucher fassen - und wäre zumindest "mit drei, vier Handgriffen" reif für den Profifußball, wie Vorstand Ingo Brüggemann betont. IMAGO / Eibner

Lokalpatriotismus ist ein hohes Gut, auch im Pott. Und dennoch: Zumindest was Herne betrifft, ist es nicht mehr so wie früher. Das erfährt man, wenn man mit Ingo Brüggemann spricht. Es gebe sie schon noch, die Fans des SC Westfalia Herne, sagt dessen erster Vorsitzender, "Reste einer Generation, die noch die erfolgreichen Zeiten kannte". Die Emotionslage der allermeisten Einwohner allerdings habe sich gewandelt: "Es gibt ein Profi-Herz. Und das schlägt für andere Vereine." Wenn auch manchmal mit Schmerzen.

Im Ruhrgebiet, diesem Einzugsgebiet von mehr als fünf Millionen Menschen, werden die Grenzlinien nicht zwischen den Städten, eher zwischen den Zugehörigkeiten zu einer Fußballmannschaft gezogen. Und so verschwimmt eine 150.000-Einwohner-Stadt wie Herne im Häusermeer des Potts, zwischen gelb-schwarzen und blau-weißen Farben: Im Osten schließt sich Dortmund an, südlich grenzt Bochum, und westlich geht das Stadtgebiet direkt in Gelsenkirchen über.

Zeitgleich Zweitligist

Doch natürlich haben sie ihren eigenen Fußball zu bieten in der Stadt, Vereine mit auch in Restdeutschland klingenden Namen. Neben der Westfalia - von 1975 bis 1979 noch in der 2. Bundesliga und im Jahr 1990 erstmals in die Viertklassigkeit abgerutscht - ist das etwa mit dem DSC Wanne-Eickel ein weiterer ehemaliger Zweitligist (78-80). Mit dem SV Sodingen ist zudem ein dritter Verein Dauergast im höheren Amateurfußball. Doch eben auch nicht mehr als. Aktuell ist die Westfalia als Oberligist das klassenhöchste Team. Dass es mit den beiden Konkurrenten, die sich stabil in der Westfalenliga (Stufe 6) behaupten, zu viel innerstädtische Konkurrenz gibt, findet Brüggemann aber nicht. "Hier sind die Grenzen doch ohnehin überall fließend. Wir haben nicht das Problem anderer Städte, dass wir diesen einen Big-Player brauchen."

Den aber bräuchten sie für potenziell mehr Erfolg, gibt Brüggemann zu: "Wenn wir uns in der Regionalliga etablieren wollen würden, müssten die drei Vereine fusionieren und eine Mannschaft ins Rennen schicken", sagt er deutlich, ohne dabei große Begeisterung für diese Idee herausklingen zu lassen: "Ich glaube nicht, dass die Regionalliga eine wirtschaftlich vernünftige Liga ist. Sie ist einfach nicht nachhaltig." Dennoch: Das Thema Fusion habe er vor einigen Monaten mal angesprochen, "intern wie extern, aber das hat sich sofort zerschlagen. Das wird nicht passieren".

Vorerst zumindest nicht, glaubt Brüggemann, denn Fusionen seien Modelle, die in ein paar Jahren nochmal überdacht werden müssten, generell - und nicht gemünzt auf eine mögliche Optimierung sportlichen Erfolgs. Es werde die Kleinen wohl eher treffen als die Großen, dennoch: "Vereine werden fusionieren müssen, bevor das Licht ausgeht."

"Die Eitelkeit der Vorstände"

Im vergangenen Frühjahr wurde es bei der Westfalia selbst schon recht duster, der Verein musste Insolvenz anmelden. Das war noch vor Brüggemanns Zeit, der als "Notvorstand" während dieses heiklen Prozesses einsprang. Der Verein sei zuvor einfach den Weg vieler anderer Vereine gegangen, "man hat mehr Geld ausgegeben als man eingenommen hat". Dieses sich wiederholende Muster sieht er "als riesengroßes Problem im Amateursport. Es liegt an der Eitelkeit der Vorstände, die sich nicht in den Dienst des Vereins stellen. Die meisten von ihnen sind eigentlich gut ausgebildete Kaufleute, denen würde das im Job nie passieren", sagt er.

Westfalia-Coach Christian Knappmann (in weiß)

Ein wichtiger Baustein der aktuellen Mannschaft ist Westfalia-Coach Christian Knappmann (in weiß). IMAGO / Rene Traut

Mit deutlich schmalerem Budget kämpft die Westfalia seitdem in der derzeit unterbrochenen Oberliga Westfalen ums sportliche Überleben: "Wir geben sicher viel weniger Geld aus als unsere Wettbewerber auch hier in der Stadt", sagt Brüggemann. Man setzt dabei auf den Faktor Ausbildung, akquiriert erfolgreich in den Nachwuchsleistungszentren (NLZ) der Bundesliga-Nachbarn, aus denen Jahr für Jahr viele Talente den Sprung nach ganz oben eben nicht schaffen: "Diesen Spielern bieten wir eine sportliche Perspektive." Aber es ist nicht so, dass sie sich somit ihre eigene Jugendarbeit ganz sparen, der Westfalia-Nachwuchs spielt Bezirks- und Landesliga, und wenn man Brüggemann nach den weiteren Plänen für seinen Verein fragt, hat er auch eine klare Antwort: "Wir wollen die Jugend sportlich deutlich nach vorne bringen, um nicht mehr nur auf die NLZ zurückzugreifen. Daraus müssen wir künftig schöpfen."

Deutschlands Großstädte ohne Profifußball

Und auch wenn für den Verein mit gut ausgebildeten Talenten ein kleines Stück vom großen Kuchen abfällt, den entscheidenden Nachteil der geografischen Lage sieht er im schrumpfenden Pool potenzieller Sponsoren: "Selbst der Handwerker von nebenan investiert sein Geld in die Profis, kauft sich drei, vier VIP-Sitze. Da spielen wir keine Rolle mehr." Das aber, sagt Brüggemann, sei nicht schlimm, der Amateursport müsse sich ohnehin davon trennen, Spieler mit Geld zu locken.

Dieses Prinzip soll bei der Westfalia aus Herne auch in Zukunft gelten: "Wir haben klar gesagt: Sollten wir mal aufgrund eines Flows in der Mannschaft den Schritt in die Regionalliga machen, würden wir dennoch keine finanziellen Anstrengungen unternehmen, sondern weiter mit der Perspektive werben." Vernunft solle das oberstes Gebot bleiben in Herne - das Risiko Profifußball überlässt man anderen.

Jan Mauer