Bundesliga

Herbert Hainer im Interview: "Niemand soll sich verstecken müssen"

Der Bayern-Präsident über sexuelle Vielfalt, Toleranz, Haltung und Katar

Herbert Hainer im Interview: "Niemand soll sich verstecken müssen"

"Der FC Bayern hat beim Thema Homosexualität eine klare Haltung", erklärt FCB-Präsident Herbert Hainer.

"Der FC Bayern hat beim Thema Homosexualität eine klare Haltung", erklärt FCB-Präsident Herbert Hainer. Getty Images

Von 2001 bis 2016 war er Vorstandsvorsitzender von Adidas. Der Sportartikelhersteller lebt seit vielen Jahren Vielfalt, Diskriminierung wird nicht geduldet. Was genau von seinen Erfahrungen kann und will Herbert Hainer (66), mittlerweile Präsident des FC Bayern, gerade beim Thema Homophobie an den Profifußball weitergeben?

Herr Hainer, Sie haben den Vergleich zur Wirtschaft: Wie ist der FC Bayern in Bezug auf Diversität aufgestellt?

Kaum etwas spiegelt das Leben so divers wie der Sport - unsere Mannschaften beim FC Bayern stehen durchweg für gelebte Vielfalt. Ein Verein ist eine Heimat für jeden, ein Zusammenspiel egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder welchen Geschlechts. Insofern sind Sportvereine schon per Definition eine wunderbare Begegnungsstätte der Diversität.

Ganz grundsätzlich haben wir beim FC Bayern München ein Ziel, das sich über alle unsere Abteilungen, alle Altersgruppen und alle von uns angebotenen Sportarten erstreckt: Es geht darum, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen, das eine freie Persönlichkeitsentfaltung unserer Spielerinnen und Spieler ermöglicht, das Sicherheit und Zuwendung bietet, weil zum Beispiel bereits unsere jugendlichen Spielerinnen und Spieler auf dem Campus starken äußeren Einflüssen ausgesetzt sind. Der FC Bayern wünscht und fordert einen toleranten Umgang in unserer Gesellschaft, gemäß unserem grundsätzlichen Verständnis von Vielfalt.

Und wo sehen Sie bei Profiklubs die größten Defizite im Vergleich zur Wirtschaft?

Profi-Vereine können in strukturellen Fragen noch einiges optimieren, da sie aus der Tradition des Sportvereins erwachsen sind. Wir beim FC Bayern gehen zukunftsgerichtet und ergebnisoffen mit solchen dynamischen Fragen um und arbeiten daran, unseren Verein strukturell sowie inhaltlich, auch im Austausch mit externen Spezialisten, weiterzuentwickeln und breiter aufzustellen.

Nichts ersetzt den fundierten Dialog, der ein Bewusstsein schafft.

Wo sehen Sie mit Ihren Erfahrungswerten Möglichkeiten, als Verein Homophobie aktiv zu bekämpfen?

Der FC Bayern steht als weltoffener, toleranter Verein gegen Diskriminierung jeder Art. Diese Haltung haben wir mehrfach klar nach außen dokumentiert. Auch nach innen wirken wir bei dieser Thematik, beispielsweise durch Workshops, zu denen wir Experten wie queere Mitglieder aus unserer Fan-Szene hinzuziehen, um uns wichtige Impulse von außen zu holen.

Das ist ein zentrales Zusammenspiel: auf der einen Seite Zeichen zu setzen und dazu auch inhaltlich zu wirken. Unsere Allianz-Arena leuchtet anlassbezogen regelmäßig in Regenbogen-Farben, zudem haben wir über Kapitänsbinden und Eckfahnen eine klare Botschaft vermittelt. Aber nichts ersetzt am Ende den fundierten Dialog, der ein Bewusstsein schafft.

Die Allianz Arena erstrahlt in Regenbogenfarben.

Die Allianz Arena erstrahlt in Regenbogen-Farben. Getty Images

Homophobie ist kein alleiniges Phänomen im Sport, sondern ein gesellschaftliches. Viele Unternehmen sehen sich in der gesellschaftlichen Verantwortung, offen Vielfalt zu leben und zu unterstützen. Ist der Profifußball gerade in Bezug auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt offen bereit dafür?

Er müsste es sein. Der FC Bayern hat beim Thema Homosexualität jedenfalls eine klare Haltung: Niemand soll sich wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken müssen. Jeder findet beim FC Bayern eine Heimat, ein schützendes Umfeld und darf sich der Solidarität unseres Vereins sicher sein. Toleranz und Vielfalt zählen zum gelebten Selbstverständnis des FC Bayern, ohne Frage.

Würden Sie mit Ihren Erfahrungen gerade bei Adidas und dem jahrelangen Einblick in den Fußball denn einem Profi des FC Bayern zu einem Coming-out raten?

Ich denke, es ist nicht unsere Aufgabe, eine Spielerin beziehungsweise einen Spieler zu ermutigen, ihre oder seine sexuelle Orientierung öffentlich zu leben. Das ist eine Entscheidung, die jede/jeder für sich selbst treffen muss, und selbstverständlich werden wir als Verein unsere Sportlerinnen und Sportler in der jeweiligen Entscheidung immer unterstützen. Das Ziel sollte sein, generell in unserer Gesellschaft ein Klima zu haben, in dem man niemanden ermutigen muss. Dazu möchten auch wir als FC Bayern einen Beitrag leisten.

Die Frage, wie sich die Gesellschaft respektive der Fußball in diesem Punkt verändern muss, hat eine unserer Pädagoginnen auf dem Campus neulich einmal so beantwortet: "Wir müssen die Kinder und Jugendlichen frühzeitig für das Thema sensibilisieren, offene Fragen beantworten, Unsicherheiten nehmen und sehr klar vermitteln, dass 'Mia san mia' auch 'Mia san bunt' heißt. Wir wissen, dass homophobe Bemerkungen oder Einstellungen sehr oft mit Unsicherheit und Unwissenheit verbunden sind. Da setzen wir an. Das ist unsere Aufgabe: Diese abzubauen, wenn wir sie bemerken."

Mit Reisen unserer Frauen-Mannschaft nach Katar setzen wir uns für Gleichberechtigung und Frauensport ein.

Die Kooperation des FC Bayern mit Katar steht in der Kritik, dort ist Homosexualität strafbar. Braucht es - nicht nur beim FCB - mehr Sorgfalt bei der Sponsorenwahl, um der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden?

Wo auch immer der FC Bayern auftritt, vertritt er unsere gesellschaftlichen Werte. Wir sprechen mit Entscheidungsträgern, mit NGOs, also Nichtregierungsorganisationen, wie Amnesty International oder der ILO (internationale Gewerkschaft unter dem Dach der UN; Anm. der Red.). Und wir sagen seit Jahren: Veränderung entsteht im Dialog.

Mit Reisen unserer Frauen-Mannschaft nach Katar setzen wir uns für Gleichberechtigung und Frauensport ein, wir werden gehört und können Fragen stellen. Wenn wir in unserer Heimat eine AntiRassismus-Initiative gründen oder Zeichen gegen Homophobie setzen, erreicht das unsere Fans auf der ganzen Welt. Auf diese Art können wir auch im Rahmen unserer internationalen Partnerschaften unsere Haltung deutlich machen.

Kampf gegen Homophobie: Anlaufstellen und Ansprechpartner

Interview: Jana Wiske

Thema
Homophobie im Fußball

Offenes Spiel

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