3. Liga

Henri Fuchs über den Sieg von Hansa Rostock über Dresden 1991

Vor 30 Jahren setzte sich Hansa im Topspiel gegen Dynamo Dresden durch

Henri Fuchs im Interview: "Haben zwar auch trainiert, aber vor allem viel gefeiert"

20 Jahre nach der Meisterschaft feierte Rostock 2011 die "Rückkehr der Helden", Henri Fuchs (Mi.) stand war mittendrin.

20 Jahre nach der Meisterschaft feierte Rostock 2011 die "Rückkehr der Helden", Henri Fuchs (Mi.) stand war mittendrin. imago images

Hansa Rostock zählte in der DDR zu den Durchschnitts-Teams. Aber in der letzten Saison der höchsten Spielklasse der DDR holte Hansa am Ende überraschend den Titel und qualifizierte sich für die gesamtdeutsche Bundesliga. Auch, weil die Mannschaft von Trainer Uwe Reinders am 4. Mai 1991 im Topspiel gegen Dynamo Dresden 3:1 gewann. Einer der Torschützen war Henri Fuchs, der Stürmer war maßgeblich an Hansas Meisterschaft beteiligt, ehe es ihn im Sommer 1991 zum 1. FC Köln zog. Darüber hinaus spielte der mittlerweile 50-Jährige für Dynamo Dresden, den Chemnitzer FC, den VfB Leipzig, Rot-Weiß Erfurt und die TSG Neustrelitz. Als Trainer arbeitete Fuchs im Nachwuchs von Rot-Weiß Erfurt und bei Germania Halberstadt.

Herr Fuchs, was ist Ihnen von dem Spiel Hansa gegen Dynamo am 4. Mai 1991 noch am nachhaltigsten präsent?
Das Spiel war das i-Tüpfelchen auf eine überragende Saison. Mit einer Mannschaft, in der neben unserem Kapitän und Urgestein Juri Schlünz in Jens Dowe, Daniel Hoffmann, Thomas Gansauge, Axel Rietentiet, Thomas Lässig und mir etliche Spieler aus der Hansa-Jugend standen, haben wir geliefert. Hinzu kam Uwe Reinders als Trainer, der passte wie Faust aufs Auge nach Rostock und zu dieser Mannschaft.

Haben Sie vor der Partie Druck verspürt? Immerhin war Dynamo einer der Topklubs der DDR und amtierender Meister?
Nein, gar nicht. Ich war 1000-prozentig davon überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen. Obwohl Dynamo in den Jahren zuvor fast immer gegen uns gewonnen hatte, war das in dieser Saison keine Selbstverständlichkeit mehr. Auch sie hatten gemerkt, wie gut wir in dieser Saison waren. Und die Partie hat das gezeigt, wir waren klar die bessere Mannschaft.

Angst hatten wir nicht, sondern eher enormes Selbstvertrauen.

Henri Fuchs

Es war also kein bisschen Nervosität vorhanden?
Uwe Reinders hat uns die Nervosität auch genommen. Er hat keinen Druck aufgebaut, sondern das Positive aus der Saison als Motivation genutzt und uns zudem klar gemacht, dass neben dem gesellschaftlichen auch ein sportlicher Umbruch für uns Spieler bevorsteht. Dass die von Dynamo uns die Jobs wegnehmen wollen, dass wir ja unsere Familien ernähren wollen und so weiter... Wir haben ihm das geglaubt und sind dann hochmotiviert rausgegangen. Angst hatten wir nicht, sondern eher enormes Selbstvertrauen.

Für Sie lief es in dem Spiel auch gut. Sie haben mit dem 3:1 für die endgültige Entscheidung gesorgt.
Ich will mich gar nicht groß rausheben.

Haben Sie den Treffer noch vor dem geistigen Auge?
Habe ich. Wenn wir über außen gespielt haben, bin ich immer auf den kurzen Pfosten gelaufen. Auch wenn das in dieser Saison nicht oft von Erfolg gekrönt war, bin ich in dieser Szene instinktiv richtig zum kurzen Pfosten gelaufen, als sich Florian Weichert außen durchgesetzt hat. Nach seinem Pass habe ich den Ball wunderbar getroffen und ins kurze Eck gehauen.

Henri Fuchs

Heute blickt Henri Fuchs gerne auf den Sieg über Dynamo Dresden zurück. kicker

Die beiden anderen Hansa-Tore hat Klub-Ikone Juri Schlünz erzielt. Wie haben Sie die Tore erlebt? Und wie wichtig war Schlünz für das damalige Team und den Titelgewinn?
Juri war unser Standard-Spezialist, und dass er in einem solch wichtigen Spiel gleich zweimal trifft, war unglaublich. Und dann auch noch gegen zwei Torhüter, weil Dynamo wechseln musste (in der 40. Minute ersetzte Ronny Teuber den verletzten Thomas Köhler, Anm. d. Red.). Die Tore waren für uns sehr wichtig, weil gerade sein zweiter Treffer zum 2:1 uns den Weg zum Sieg geebnet hat. Dieser Treffer war die Initialzündung für uns zum Erfolg, ich habe ihn mit dem 3:1 nur abgesichert (schmunzelt). Mit welcher Schärfe und Präzision Juri die beiden Freistöße eingeschweißt hat, das war schon großer Sport. Auch abseits der beiden Treffer war Juri mit seiner Spielstärke und Erfahrung ein Eckpfeiler, er war immer einer, der vorweg gegangen ist.

Wir haben nur noch einen Punkt geholt, weil wir zwar auch trainiert, aber vor allem viel gefeiert haben

Henri Fuchs

Was wissen Sie noch von den Feierlichkeiten nach der Partie?
Nach dem Sieg gegen Dynamo haben wir uns mit der Mannschaft getroffen und sind auch nochmal um die Häuser gezogen. Aber bevor wir das getan haben, haben wir die Saison nochmal Revue passieren lassen. Wir mussten das erstmal begreifen, was wir da geschafft haben. Wir hatten zwar mit dem Pokalfinale gegen Eisenhüttenstadt noch ein Highlight vor uns, aber nach dem Sieg gegen Dresden war es für uns sehr schwierig, in den letzten drei Ligaspielen noch zu liefern. Wir haben nur noch einen Punkt geholt, weil wir zwar auch trainiert, aber vor allem viel gefeiert haben (lacht).

Ab wann hatten Sie damals den Gedanken: Wir können es wirklich schaffen?
Zu Saisonbeginn habe ich mich jedenfalls mit dem Titel nicht beschäftigt. Die Mannschaft hatte intern besprochen, dass wir direkt die 2. Bundesliga erreichen wollen (dazu musste Hansa mindestens Sechster werden, Anm. d. Red.). Je mehr Spiele wir gewonnen haben, desto stärker wurde der Glaube: Wir können es wirklich schaffen, mindestens Zweiter zu werden und in die Bundesliga zu kommen. Die Meisterschaft hatten wir bis in die Rückrunde nicht direkt auf dem Schirm, aber irgendwann wurden wir auch von der Euphorie getragen.

"Den Titel mit Hansa würde ich immer an erste Stelle setzen"

Sie haben nicht nur gegen Dynamo getroffen, sondern insgesamt zwölfmal in 24 Partien. Damit waren Sie Hansas Top-Torjäger. War die Saison 1990/91 Ihre beste?
Von den Toren und dem Gesamtergebnis des Klubs her war es meine erfolgreichste Saison. Aber die DDR-Oberliga war im Vergleich zur Bundesliga auch nicht ganz so stark. In der Saison 1991/92 habe ich für den 1. FC Köln zehn Tore erzielt und wir sind Vierter geworden. Diese Spielzeit war ähnlich erfolgreich. Aber den Titel mit Hansa würde ich immer an erste Stelle setzen.

Warum passte Uwe Reinders damals so gut zu Hansa?
Er war ein ehemaliger erfolgreicher Bundesligastürmer, zu dem wir aufgeschaut haben. Zudem hatte er das Abenteuer DDR angenommen, war glaubwürdig und taktisch sehr flexibel. Und er hat jeden Spieler erreicht - positiv wie auch mit seiner Kritik. Darüber hinaus hat er ganz offen mit uns über seine Fehler in seiner Karriere gesprochen - etwa seine Spielsucht. Das fand ich cool. Uwe hat uns vor dem Anpfiff immer so heiß gemacht, dass wir in der Anfangsphase einer jeden Partie den Gegner überrennen wollten.

Sportlich habe ich alles richtig gemacht, wenn man das Menschliche sieht, vielleicht nicht.

Henri Fuchs
Meisterteam von 1991

Das Meisterteam von 1991, 20 Jahre nach dem großen Erfolg, vorne links ist Hneri Fuchs zu finden. imago images

In einem kicker-Interview vom 2. Mai 1991 sagte Reinders, dass er wegen Ihres Wechsels nach Köln im Sommer 1991 sehr enttäuscht von Ihnen gewesen sei und das menschliche Verhältnis zu Ihnen abgekühlt sei. War es tatsächlich abgekühlt?
Ich denke, dass Uwe im Zorn gesprochen hat. Die ganze Sache ist damals sicher nicht optimal abgelaufen. Aber ich war 20 Jahre alt, hatte ein Angebot von Köln und es ist viel auf mich eingeprasselt. Ich musste erstmal lernen, mit dem ganzen Business umzugehen. Uwe meinte, ich sei schlecht beraten gewesen. Ich hatte von Uwe das Angebot, in seine Beratungsagentur zu wechseln, und im Nachgang hätte ich es mal machen sollen. Zudem hatte ich beim 1. FC Köln einen Vertrag für 1992 unterschrieben, hätte also noch ein Jahr Bundesliga mit Hansa spielen sollen - und das wollte ich ja auch.

"Habe mich fast geschämt, diese Tore zu machen"

Wieso haben Sie es dann nicht gemacht?
Beim 1. FC Köln hatte sich Ralf Sturm schwer verletzt und die Kölner brauchten mich sofort. Der FC hat dann auch mehr Ablöse als ursprünglich vereinbart gezahlt und ich habe dem Wechsel zugestimmt - wenn auch mit Bauchschmerzen. Im Nachhinein war es für mich der richtige Schritt. Ich habe in Köln eine gute Saison 1991/92 gespielt, war bei Bundestrainer Berti Vogts auf dem Zettel und hatte ein Angebot vom FC Everton. Sportlich habe ich also alles richtig gemacht, wenn man das Menschliche sieht, vielleicht nicht. Denn ich hatte Uwe Reinders, glaube ich, gesagt, dass ich bei Hansa bleibe. Ich kann seinen Frust von damals verstehen, aber unser Verhältnis hat sich wieder komplett bereinigt.

Wie sehr hat Ihr Herz geblutet, als Hansa nach der ersten gesamtdeutschen Saison 1991/92 aus der Bundesliga absteigen musste?
Der Abstieg war sehr bitter. Anfangs hatte ich mir ja die Augen gerieben, wie Hansa in der Bundesliga marschiert ist und zwischenzeitlich sogar Tabellenführer war. Ich dachte mir: Cool, Hansa wird mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Warum es dann so rapide bergab ging, weiß ich bis heute nicht. Und ich habe in beiden Partien des 1. FC Köln gegen Hansa noch getroffen und mit zum Abstieg beigetragen. Ich habe mich fast geschämt, diese Tore zu machen.

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Interview: Andreas Hunzinger