Bundesliga

Hennes Weisweiler: Monument und Mensch

40. Todestag der Trainerlegende

Hennes Weisweiler: Monument und Mensch

Hennes Weisweiler im Jahr 1978 nach dem Double-Sieg mit dem 1. FC Köln.

Hennes Weisweiler im Jahr 1978 nach dem Double-Sieg mit dem 1. FC Köln. imago images/Frinke

Der normale Fußballer dehnt seine Karriere so weit es geht nach hinten aus. Mitunter haut das hin, dann gibt’s ein tolles Abschiedsspiel und alle freuen sich. Häufig aber verpasst er auch den richtigen Zeitpunkt zum Schlussmachen und wird dann irgendwann so unverdient wie respektlos vom Hof gejagt.

Auch in der Beantwortung dieser kniffligen Frage zeigte sich Hennes Weisweiler seinen Zeit genossen um einiges voraus: Er machte sich flugs zum Spielertrainer. Beim 1948 gegründeten 1. FC Köln kickte der Kraftprotz zunächst vorne, dann hinten, doch Fußball war für ihn immer mehr als nur die 90 Minuten: "Ich entwickelte eigene Ideen", schrieb er später über diese erste Kölner Phase seiner eindrucksvollen Doppel-Karriere, die 1952 endete.

Dieses Jahr markierte das Ende einer überschaubaren Spielerlaufbahn und den Beginn einer wunderbaren Liebesbeziehung: Der Trainer Hennes Weisweiler sollte in den folgenden drei Jahrzehnten den deutschen Fußball mehr prägen als die meisten anderen Menschen. Bei Sepp Herberger hatte er 1947 im allerersten Trainerlehrgang die Fußballlehrerlizenz erworben, als 28-Jähriger und Bester.

Dem "Chef" folgte er mehrmals: Als Prüfungsleiter für die ab 1950 wieder dezentral von den Landesverbänden abgehaltenen Trainerlehrgänge, dann 1954 als Assistent bei der Nationalelf, 1955 als Dozent an der Sporthochschule in Köln, 1957 schließlich als Lehrgangsleiter, diesen Posten sollte er bis 1970 innehaben. Bis zum Februar 2022 wurden die Fußballlehrer in Hennef ausgebildet, in der "Hennes-Weisweiler-Akademie" - mittlerweile findet der Lehrgang in der DFB-Akademie in Frankfurt statt.

1964 führte ihn der Weg nach Mönchengladbach

Herberger wollte Weisweiler zu seinem Nachfolger aufbauen, der aber sah sich mittelfristig nicht unter dem "Alten" arbeiten, entwickelte eigene Ideen, und die wollte er ausprobieren. Wovon Herberger nun weniger hielt. Also verabschiedete sich Weisweiler elegant, arbeitete als Klubtrainer, zunächst beim Rheydter SV, erneut beim 1. FC Köln, bei Viktoria Köln, schließlich ab 1964 bei Borussia Mönchengladbach.

Neben all den Tätigkeiten verfasste er Lehrbücher, die bis heute zu den Standardwerken der Trainer-Ausbildung gehören. Hennes Weisweiler - er war eigentlich zwei Menschen. Hier der Lehrer, Pädagoge und Netzwerker. Dort der Trainer, der in der Provinz eine europäische Spitzenmannschaft formte, der Menschen verzauberte, beherrschte, der jungen Spielern Vater war und großen Stars der böse Onkel.

Wie nur wenige andere Trainer vereinte er Theorie und Praxis im täglichen Dasein. Wenn sein ehemaliger Schüler "Tschik" Cajkovski ihn "Professor" nannte, dann klang da Ehrfurcht durch vor dem nur vier Jahre älteren Weisweiler, der ihn einst als seinen Spieler mit den Worten bedachte: "Tschik! Decken! Arschloch!"

Weisweiler wusste, warum er sich all die Arbeit aufbürdete. Seine Maxime: Wer viel sät, wird auch viel ernten. Die Ernte fuhr er ein, indem er etwas ersann, was man heute populär-wissenschaftlich so umschreiben würde: Er schuf Synergien. Im Klartext: Seine Arbeit an der Sporthochschule nutzte er für seine Tätigkeit als Trainer der Borussia.

Weisweiler schickte einst Klaus Fischer weg

Seine Lehrgangsteilnehmer empfahlen ihm häufig dieses oder jenes Talent, über seine ausländischen Schüler streckte er die Fühler nach Skandinavien und bis nach Israel aus. Er schickte keinen Trainer einer unterklassigen Mannschaft weg und auch keinen ehrgeizigen Vater: Wurde ihm ein Talent angedient, durfte es vorspielen. Doch auch einer wie er war nicht gegen Irrtümer gefeit: Einen jungen Naturburschen aus dem bayerischen Zwiesel schickte er nach dem Probetraining weg. Der junge Mann hieß Klaus Fischer und sollte einer der besten deutschen Stürmer aller Zeiten werden. Sein Problem: Er absolvierte den Probelauf in zu kleinen Schuhen, die Blasen schmerzten und behinderten ihn.

Es ist viel geschrieben worden über Weisweilers Mönchengladbacher Jahre. Das weitaus meiste stimmt. Er schuf etwas in der Provinz am Niederrhein, das seinesgleichen suchte. Dabei erfand er die Borussia immer wieder neu. Wo andere Klubs die Trainer wechselten, da wechselte Weisweiler die Spieler. Und sie alle folgten ihm. Auch Günter Netzer.

Das Verhältnis zum Gladbacher Superstar dieser Zeit beschreibt am besten den Menschen Weisweiler. Die autoritäre Körpersprache, das raubauzige Gehabe, die rauchige Stimme, mit der er nicht selten derbe Kraftausdrücke modulierte - dies war die eine Seite. Die andere zeigte einen Fußballlehrer, der das Gespräch mit seinen Spielern suchte, der sich Meinungen anhörte und sich überzeugen ließ.

Von euch lasse ich mir nicht meinen Namen kaputt machen!

Hennes Weisweiler

Günter Netzer etwa redete ihm immer wieder ein, größeres Augenmerk auf die Abwehr zu legen. Dort würden die Titel gewonnen. Weisweiler, der Offensiv-Papst, wehrte sich: "Von euch lasse ich mir nicht meinen Namen kaputt machen!", schleuderte er jenen entgegen, die ihm mit mehr Defensive kamen. Seinen fußballerischen Grundsatz trug er wie eine St.-Martins-Fackel vor sich her: "Mir ist ein 6:5 lieber als ein 1:0!"

Dennoch stimmte er 1969 der Verpflichtung der beiden Abwehrrecken Ludwig Müller und Klaus-Dieter Sieloff zu. Das Ergebnis: Mönchengladbach wurde erstmals Deutscher Meister, kassierte nur 29 Tore in 34 Spielen.

Seine monumentale Persönlichkeit erlaubte es ihm, wahre Duelle mit seinen Spielern anzuzetteln, auszuleben und sogar, sie hin und wieder zu verlieren. Wenn Netzer ihm während einer Mannschaftssitzung ein lässiges "Jetzt haben Sie endgültig bewiesen, dass Sie von Taktik überhaupt keine Ahnung haben!" hinwarf, dann klingt dies nur in unseren Ohren heute verheerend. Weisweiler konnte damit umgehen, weil er in der Lage war, die Dinge zu kontrollieren.

Die Journalisten, die mit der Borussia (oder später dem 1. FC Köln) zu tun hatten, die stellten sich nicht gegen diesen Trainer. Die Einheit, die er mit den Vereinsbossen bildete, verlieh ihm eine Macht, die fast schon diktatorisch anmutete. Doch: Er war eben nicht nur Monument, lebendiges Denkmal, er war auch Mensch.

Ohne ihn wäre ich nicht das geworden, was ich bin.

Günter Netzer

Im Klartext: Weisweiler handelte nach dem kölschen Wahlspruch: "Lääve und lääve losse!" Auch den aufsässigen Netzer. War ja egal. Solange niemand erfuhr, wie der mitunter mit ihm redete. Der Trainer schlug auch zurück: Mal redete er nur via Berti Vogts mit seinem Kapitän, dann wieder definierte er Abseits so: "Dat ess, wenn dat lange Arschloch widder ze spät avjespillt hät."

Schreiendes Unrecht wäre es allerdings, wollte man Weisweilers Wirken auf die Kräche mit den Topstars reduzieren. Mit Netzer beispielsweise gab es diesen "einen großen" Streit nicht. Mit dem kabbelte er sich ständig, zum Wohle der Borussia. Dafür steht Netzers Wort: "Ohne ihn wäre ich nicht das geworden, was ich bin." Das gespaltene Verhältnis kulminierte in der Selbsteinwechslung Netzers vor der Verlängerung des Pokalfinales 1973.

Aber Krach mit Netzer wie mit Cruyff , Overath oder Chinaglia? Mitnichten! Weisweiler stieß sich an den Mächtigen, die er in seinen Klubs antraf. Aber nicht an Netzer, den hatte er ja "gemacht". Und der folgte ihm ja auch. Nein, er bekämpfte jene, die weniger laufen wollten, die nicht mehr mitkamen, dies aber nicht einsahen. Oder jene, die Machtverlust befürchteten und um ihre Pfründe bangten.

Günter Netzer, Hennes Weisweiler

Hennes Weisweiler (re.) im Gespräch mit Günter Netzer. IMAGO / Sven Simon

Er verlor diesen Kampf gegen den listigen Johan Cruyff in Barcelona, er gewann ihn gegen Wolfgang Overath, bei Cosmos zog er gegen den Italiener Giorgio Chinaglia den Kürzeren. Umgekehrt kreierte "de Boor" („Der Bauer“ lautete sein Spitzname in seiner Heimat) Stars wie kein anderer seiner Kollegen in Deutschland. Kleff, Vogts, Netzer, Heynckes, Wimmer, Bonhof, Kulik, Danner, Rupp, Jensen, le Fevre, Simonsen, Larsen, Gerber, Neumann, Prestin, Strack, Schumacher, Littbarski, Schuster - allein in Mönchengladbach und Köln formte er Nationalspieler im Dutzend. Das Motto hieß: "Geh zum Weisweiler, da wirst du einer!"

Mehr noch: Er verstand es, auch etablierte Spieler noch einmal besser zu machen. Heinz Flohe mag da als bestes Beispiel dienen. Der Supertechniker galt als schlampiges Genie, den Durchbruch häufig vor Augen, fehlte doch der letzte Schritt. Nachdem er Overath zum Abschied gedrängt hatte, setzte Weisweiler auf Flohe. Und der dankte es ihm mit einer Saison auf höchstem Niveau, führte den FC als Kapitän zum Double.

Die Frage nach dem Warum beantwortete Flohe lapidar: "Das hätte schon immer so sein können. Aber früher hat sich doch kaum jemand mit mir beschäftigt!" Weisweiler tat dies. Akribisch wie ein Forscher suchte er immer den Weg nach vorne. Bei der Mannschaft, dem großen Ganzen. Bei jedem Spieler, der es in seinen Augen wert war. Er ließ sie stundenlang arbeiten: Kopfball, Spannstoß, Ecke, Freistoß.

Er wäre sicher auch heute noch ein Toptrainer.

Franz Beckenbauer

Er "klaute" bei anderen Sportarten, ließ die Erfahrungen von Turnern wie Olympiasieger Helmut Banz in seine Arbeit einfließen, engagierte den Zehnkämpfer Karl-Heinz Drygalsky als Konditionstrainer. Weisweiler suchte, fand und ging neue Wege, er revolutionierte seinen Beruf. "Er wäre sicher auch heute noch ein Toptrainer", sagt Franz Beckenbauer, "weil er immer bereit war, dazuzulernen." Titel pflasterten den Weg dieses Mannes, der in drei Ländern (Deutschland, USA, Schweiz) Meister wurde. In Köln und Zürich holte er das Double.

Nur marginal veränderte ihn der Erfolg: Geradlinig, offen und ehrlich (es sei denn, er musste einen Umweg gehen, der seinem Verein nutzte) war er, mitunter etwas verschroben. Einen Mönchengladbacher Spieler strafte er einst für eine Woche mit Ignoranz, weil der nach einer Niederlage in Köln kurz hinter dem Stadion aus dem Bus gewinkt hatte. Das ging gar nicht. Nicht nach einer Pleite, schon gar nicht in Köln.

Einem Journalisten, der weiter über die Borussia berichtete und nicht mit ihm nach Köln wechselte, kündigte er barsch die Freundschaft - für ein paar Wochen auf jeden Fall. Beim allwöchentlichen Skat mit den beiden Journalisten Willy Thelen („Kölnische Rundschau“) und Kurt Brumme (WDR) im "Haus Scholzen" auf der Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld flogen nicht nur die Karten über den blank gescheuerten Holztisch, da wurde hin und her beleidigt, dass die Schwarte krachte.

1983 wird Weisweiler plötzlich aus dem Leben gerissen

Hennes Weisweiler. Die Fotos von damals zeigen einen Mann, der zwar nicht jünger aussieht als 62, der jedoch eine Vitalität ausstrahlt, die jeder gespürt hat, der mit ihm in einem Raum war. Diese Persönlichkeit wurde am Morgen des 5. Juli 1983 urplötzlich aus dem Leben gerissen: Herzinfarkt, nur drei Wochen nach dem Double-Gewinn mit Grasshoppers Zürich. Die Trauerfeier im Kölner Dom erlebten Tausende von Menschen, seine letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof seines Geburtsortes Lechenich, auf dem Grabstein steht: "Ein Leben dem Fußball".

Als "Lehrer des Fußballs" und "bis zum Schluss fanatisch Lernenden" beschrieb kicker-Herausgeber Karl-Heinz Heimann in seinem Nachruf seinen Wegbegleiter über drei Jahrzehnte. Im Frühjahr 2014, also über 30 Jahre nach seinem Tod, erschien ein Buch über Hennes Weisweiler, verfasst vom Kölner Journalisten Hermann-Josef Weskamp. Wie fast jeden, der mit ihm zu tun hatte, ließ Weisweiler auch ihn nicht mehr los. Er war eine faszinierende Persönlichkeit: Monument und Mensch.

Frank Lußem

Weisweilers Wirken in Bildern