Europa League

Helmers Erinnerungen an Bayerns UEFA-Cup-Sieg 1996

Bayerns UEFA-Cup-Sieg 1996: Starkoch Schuhbeck als zwölfter Mann

Helmers Erinnerungen: Rehhagel musste büßen, Beckenbauers Aura

Erst UEFA-Cup-Sieger, kurze Zeit später Europameister: Thomas Helmer.

Erst UEFA-Cup-Sieger, kurze Zeit später Europameister: Thomas Helmer. imago images

Sein Image hatte der UEFA-Pokal dank Franz Beckenbauer weg. "Cup der Verlierer" nannte der Kaiser diesen Wettbewerb einst abschätzig. Dabei war dieser schwer zu gewinnen, das Teilnehmerfeld in jenen Zeiten hochkarätig, weil in der Champions League nur die Landesmeister teilnehmen durften und nicht wie heutzutage vier Klubs aus den besten Nationen.

Neben dem FC Bayern gehörten 1995/96 beispielsweise der FC Barcelona, Manchester United oder die damals starke AC Mailand zum Teilnehmerfeld. Die Münchner hatten 1995 der Borussia aus Dortmund den Meistertitel überlassen müssen, qualifizierten sich als Sechster der Bundesliga gerade so. Unvorstellbar für die jüngere Generation, die nur noch den FC Bayern als Meister kennt.

Ein "Dream Team" unter Rehhagel?

1995/96 sollte deshalb alles besser beim Rekordmeister werden. Die Bundesliga führte erstmals feste Trikotnummern mit dem Namen des Spielers ein, die Jerseys der Bayern wurden unter anderem mit den Neuzugängen Jürgen Klinsmann, Ciriaco Sforza, Andreas Herzog und Rückkehrer Thomas Strunz beflockt. Ein "Dream Team", angeleitet vom alten Bremer Widersacher Otto Rehhagel, der unter viel Getöse an die Isar gewechselt war.

Im UEFA-Cup starteten die Bayern jedoch mit einer 0:1-Heimniederlage gegen Lokomotive Moskau, das sie im Rückspiel dank eines 5:0 korrigieren konnten. Über die Raith Rovers aus Schottland zogen sie ins Achtelfinale gegen Benfica Lissabon ein, in dem Klinsmann beim 4:1 im Hinspiel alle Treffer erzielte. Mit 15 Toren sollte er am Ende eine neue Bestmarke für diesen Europapokal setzen.

Bayern werfen Barcelona mit Guardiola raus

Über Nottingham Forest erreichte die Rehhagel-Truppe das Halbfinale, wo der FC Barcelona in seiner letzten Saison unter Trainer Johan Cruyff wartete - auf dem Feld angeführt von Stars wie Pep Guardiola, Luis Figo und Gheorghe Hagi. "Im Hinspiel hatten wir keine Chance, aber sie waren zu lässig", erinnert sich Thomas Helmer an das 2:2 im Olympiastadion, alles andere als eine optimale Ausgangsposition fürs Rückspiel im Camp Nou. Die Beziehung Rehhagel/Mannschaft kriselte längst, eine Ablösung nach Barcelona stand im Raum. Doch die Mannschaft legte einen überragenden Auftritt hin und siegte mit 2:1. Auswärts waren diese Bayern eine Macht, sie gewannen auf dem Weg zum Titel alle sechs Partien auf fremdem Platz. "Markus Babbel hatte im Hinspiel gepatzt, ausgerechnet er brachte uns in Barcelona in Führung", erzählt Helmer. Marcel Witeczek legte zum 2:0 nach, Finale trotz zittriger Schlussphase.

Bei Otto Rehhagel habe ich mich später entschuldigt.

Thomas Helmer

In der Bundesliga lief es freilich alles andere als gut. Ein 0:1 gegen Hansa Rostock kostete Rehhagel vor den Endspielen den Job, wie schon 1993/94 sprang Präsident Franz Beckenbauer bis Saisonende als Trainer ein. "Otto musste für unsere Alibi-Leistung büßen, das war eigentlich nicht okay. Es war nicht seine Schuld, lag schon auch an uns Spielern", schildert Helmer im Rückblick. "Da schließe ich mich mit ein, später habe ich mich bei ihm entschuldigt. Menschlich war Otto super, schützte er uns Spieler immer."

Plötzlich wieder mittendrin: Franz Beckenbauer vor dem Hinspiel gegen Girondins bordeaux im Olympiastadion.

Plötzlich wieder mittendrin: Franz Beckenbauer vor dem Hinspiel gegen Girondins bordeaux im Olympiastadion. picture alliance

Diskutiert worden sei damals Rehhagels Trainingsmethodik, dabei habe Nachfolger Beckenbauer nicht viel geändert. Dennoch: "Er war eine Autorität, da haben alle pariert", sagt Helmer und spricht bei Beckenbauer von "einer Aura". Während in der Liga am Ende Dortmund den Titel verteidigte, wartete mit Girondins Bordeaux ein unangenehmer Gegner im Finale auf europäischer Bühne. Zum Glück für die Bayern fehlten den Franzosen im Hinspiel die späteren Weltmeister Zinedine Zidane und Christophe Dugarry, dennoch musste Oliver Kahn einige Glanzparaden auspacken. Vorne köpfte Helmer seine Mannschaft nach einer guten halben Stunde in Führung, Scholl sorgte nach einer Stunde für den 2:0-Endstand und eine optimale Ausgangsposition fürs Rückspiel.

Starkoch Schuhbeck dabei, weil Beckenbauer misstrauisch ist

Für die Reise nach Bordeaux, so erzählt es Helmer, zog Beckenbauer alle Register. Aus seiner Zeit als Trainer bei Olympique Marseille traute er den Gastgebern in puncto Essen nicht, fürchtete er das Beimischen leistungshemmender Mittel. "Also flog Alfons Schuhbeck samt Lebensmittel mit und bewachte diese höchstpersönlich", erzählt Helmer eine Anekdote rund um den Starkoch. "Zudem ging das Gerücht um, der Besprechungsraum sei verwanzt, beweisen kann ich das aber nicht."

Immer nah dran an den Bayern: Starkoch Alfons Schuhbeck mit Oliver Kahn.

Immer nah dran an den Bayern: Starkoch Alfons Schuhbeck mit Oliver Kahn. imago images

Wie auch immer, die Bayern bewältigten auch den letzten Schritt zum Triumph. Dabei half, dass der starke Bixente Lizarazu ein Jahr vor seinem Wechsel zum FC Bayern nach einem Foul von Emil Kostadinov früh verletzt ausgewechselt werden musste. Die Tore von Scholl, Kostadinov und Klinsmann brachten auf dem Papier klarere Verhältnisse, als es das Geschehen auf dem Platz widerspiegelte. Kapitän Lothar Matthäus reckte nach dem 3:1 den Pokal in den Nachthimmel, die Münchner zogen in den elitären Kreis jener Vereine ein, die alle drei Europapokalwettbewerbe gewinnen konnten.

Als Titelverteidiger scheiterten die Bayern in der Saison darauf unter Giovanni Trapattoni schon in der ersten Runde am FC Valencia, danach nahmen sie nur noch 2007/08 teil, als im Halbfinale Zenit St. Peterburg Endstation war. Ansonsten sind sie seit jenem Triumph 1996 Stammgast in der Champions League.

Für Helmer blieb es der einzige internationale Titel auf Vereinsebene, der allerdings den Auftakt zu einem magischen Sommer bildete. Wie die Bayern-Kollegen Klinsmann, Scholl, Strunz, Babbel, Kahn (als Ersatztorwart) und Christian Ziege gehörte er zum deutschen Aufgebot, das wenige Wochen später in England den Europameistertitel nach Deutschland holte. Auch dieses Silberjubiläum steht demnächst an.

Frank Linkesch