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Helm: "Wir wollen an einen Punkt kommen, an dem sich der Erfolg gar nicht mehr vermeiden lässt"

SKN-Trainerduo Helm/Pogatetz im Interview

Helm: "Wir wollen an einen Punkt kommen, an dem sich der Erfolg gar nicht mehr vermeiden lässt"

Emanuel Pogatetz und Stephan Helm haben eine genau Vorstellung davon, wie sie die Basis für zukünftigen Erfolg legen wollen.

Emanuel Pogatetz und Stephan Helm haben eine genau Vorstellung davon, wie sie die Basis für zukünftigen Erfolg legen wollen. GEPA pictures/Walter Luger

Seit dem Abstieg in der vergangenen Saison ist beim SKN St. Pölten vieles anders. General Manager Andreas Blumauer hat den Verein verlassen, seine Aufgaben haben der neue Geschäftsführer Sport Jan Schlaudraff und Geschäftsführer Wirtschaft Matthias Gebauer übernommen. Der Verein holte außerdem 19 Neuzugänge und gab im Gegenzug 18 Spieler ab. Und auch auf der Trainerbank wurde gewechselt - Emanuel Pogatetz und Stephan Helm haben beim Hearing überzeugt und bilden seit Sommer das neue Trainerduo bei den Niederösterreichern.

kicker: Gratulation zum gelungenen Frühjahrsstart. Wie ist die Stimmung im Team?

Emanuel Pogatetz: Die Stimmung ist natürlich besser als nach dem Start der Hinrunde. Man sieht, dass wir Fortschritte machen, nicht nur im sportlichen Bereich. Wir sind viel gefestigter, haben den Kader entwickelt und angepasst - natürlich auch mithilfe von Jan (Schlaudraff, Anm.). Unsere Spielidee wird immer mehr verinnerlicht und auch im Umfeld läuft vieles in die richtige Richtung. Wenn man bedenkt, von wo wir gekommen sind, ist die Stimmung jetzt natürlich um einiges besser.

Herr Helm, Sie haben nach dem Liefering-Spiel gegenüber "meinfussball.at" gesagt: "Das war ein Meilenstein in unserer Entwicklung." Was haben Sie damit gemeint?

Stephan Helm: Wir sind angetreten und haben gesagt, dass wir in diesem Jahr die Basis für zukünftigen Erfolg legen wollen. Oft frage ich mich, ob der Verein dahingehend ernst genommen wurde, denn es wurde ständig geschrieben, dass unser Ziel der direkte Wiederaufstieg ist, was so einfach nicht stimmt. Wir wussten, dass da eine lange Entwicklung vor uns liegt - von der Mannschaft, der Spielidee, auch was die Identität des Vereins betrifft. Es gibt da so viele Bausteine zu entwickeln, aber du musst natürlich immer wieder Meilensteine festlegen - für dich selbst und für den Verein. Mitte der Hinrunde haben wir begonnen, regelmäßig Spiele zu gewinnen und das aber auch mit der Art und Weise, wie wir Fußballspielen wollen, nämlich sehr intensiv, dem Gegner keine Zeit geben und schnell Umschaltmomente nutzen. Das war der erste Meilenstein, den wir erreicht haben. Jetzt haben wir die Vorbereitung genutzt, um den nächsten Meilenstein zu erreichen. Und zwar flexibler zu werden in dem, was wir schon gemacht haben und dass wir bei eigenem Ballbesitz dominanter werden.

Nach acht Spieltagen hielt der SKN bei einem Sieg, einem Unentschieden und sechs Niederlagen. Von den zehn Spielen danach konnte man sechs Siege einfahren, spielte dreimal Unentschieden und verlor nur eine Partie. Hat es da "Klick" gemacht, oder ist das einfach die Zeit, die eine neue Mannschaft braucht, um sich einzuspielen?

Helm: Es kann passieren, dass du direkt in einen "Flow" kommst und sich dann alles beschleunigt. In unserem Fall ist das aufgrund unterschiedlicher Punkte und Rahmenbedingungen nicht passiert. Aber auch diese schwierige Phase zu Beginn der Meisterschaft war nicht verschwendet - die Charaktere der Spieler haben sich beispielsweise herauskristallisiert - da sieht man dann, dass man sich auf die Spieler verlassen kann.

Pogatetz: Von dem, was zu erwarten war, war der Start natürlich schlecht. Auf der anderen Seite war es aber nicht so weit weg von dem, was realistisch war. Vier bis sechs Punkte mehr - damit wäre vielleicht zu rechnen gewesen. Der Verein hat im Sommer 19 Zugänge bekommen und gleichzeitig 18 Spieler abgegeben, ein neues Trainerteam geholt und ist abgestiegen - es war einfach davon auszugehen, dass man nicht sofort oben mitspielt. Dass es dann so schlecht lief, war nicht zu erwarten, aber eben auch nicht so weit weg von der Realität. Was die Phase auch schwierig gemacht hat, war, dass das, was wir versucht haben zu vermitteln, von den Medien nicht so transportiert wurde. Da wurde nach außen die Erwartungshaltung geschürt, dass wir gleich wieder aufsteigen, weil wir den besten und teuersten Kader haben - das sind einfach Sachen, die nicht der Wahrheit entsprechen und wir auch nie behauptet haben. Das hat diese Phase zu Beginn der Meisterschaft erschwert, aber die Mannschaft hat Charakter gezeigt und sich da herausgezogen. Da fing dann die Arbeit zu greifen an, die Spieler verstanden, um was es geht. Dann kommt auch das erste Erfolgserlebnis, wir finden die Formation und die Spieler und dann kommt das ganze System ins Rollen. Aber bis dorthin war es sehr sehr schwer.

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Wie schwer war es, die Erwartungshaltung eines Absteigers zu erfüllen, Ergebnisse zu liefern und gleichzeitig eine neue Mannschaft aufzubauen, der man auch Fehler zugestehen muss?

Pogatetz: Das war extrem schwierig und ohne entsprechenden Rückhalt und Verständnis des Vereins wäre das so auch nicht möglich gewesen. Wir haben davon profitiert, dass der Verein gesehen hat, dass wir etwas entwickeln müssen und dass die Erwartungshaltung von außen nicht der Realität entspricht. Seit 24 Jahren gab es keinen Absteiger mehr, der direkt in der nächsten Saison wieder aufgestiegen ist. Das muss ja einen Grund haben. Wir haben nicht das größte Budget, haben 19 neue Spieler geholt, neues Trainerteam, eine neue Idee - das sind alles Punkte, die es schwer machen, sofort zu funktionieren. Trotz der schwierigen Phase haben aber alle daran geglaubt und auch gesehen, dass hier etwas weitergeht.

Helm: Auch unsere Neuzugänge wie Ramsebner, Salamon oder Alar - es war nicht deren Aufgabe, uns direkt wieder nach oben zu bomben, sondern wir haben diese Spieler geholt, um der Mannschaft Stabilität zu geben, die Spieler mit Entwicklungspotential zu führen und die Spielidee zu vermitteln.

Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Entwicklung der Mannschaft?

Helm: Nach der guten Vorbereitung und dem geglückten Start ins Frühjahr sind wir relativ zufrieden. Wir sind jetzt in einer Phase, wo wir das Potential der Mannschaft entwickeln wollen. Was die Performance betrifft, haben wir nach wie vor noch viel Luft nach oben. Ich habe das Gefühl, dass sowohl Spieler wie auch Spielidee noch 40 Prozent Steigerungspotential haben. Die Entwicklung geht auf jeden Fall in die richtige Richtung, trotzdem sind wir erst am Anfang.

Pogatetz: Die erfolgreichen Mannschaften haben 75 Prozent Kaderstabilität - davon sind wir noch weit entfernt. Wenn wir kontinuierlich erfolgreich sein wollen, müssen wir jetzt die Basis legen und in Folge auch diese Kaderstabilität haben. Solange wir uns aber in dieser Entwicklungsphase befinden, wollen wir zwar trotzdem Ergebnisse einfahren, aber wir befinden uns eben noch in der Entwicklung. Geerntet wird später, bis dahin brauchen wir noch einige Zeit.

Was hat Sie überzeugt, das Traineramt beim SKN zu übernehmen?

Pogatetz: Stefan und ich haben dem SKN unsere Spielidee vorgestellt und da haben wir gesehen, dass der Verein genau in diese Richtung gehen will, nämlich eine intensive und aktive Spielweise. Auch was die Kultur des Vereins und dessen Entwicklungspotential betrifft, waren wir auf einer Wellenlänge. Wir haben natürlich gewusst, dass wir uns als junges Trainerteam alles hart erarbeiten müssen. Für uns war der SKN eine super Chance, aber auch ein gewisses Risiko, das wir gewillt waren einzugehen, weil wir daran geglaubt haben, dass wir mit unserer Arbeit überzeugen können.

Meiner Erfahrung nach erzielt man bessere Ergebnisse, wenn man zu zweit an einer gemeinsamen Sache arbeitet.

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Wie sieht die Aufgabenaufteilung bei Ihnen aus?

Helm: Wir haben ja schon ein Jahr zusammengearbeitet, da haben sich die Abläufe schon sehr gut eingespielt. Wir besprechen alles gemeinsam, verbringen sehr viel Zeit zusammen. Es hat sich schon im Vorjahr herauskristallisiert, dass wir den Fußball mit ähnlichen Augen sehen. Dass wir auf gleicher Ebene Dinge besprechen können, ist für mich ein großer Mehrwert, da keiner mit seiner Meinung zurückhalten muss. Ich finde das "System Trainerduo" sehr gut, da man gegenseitig voneinander profitieren kann. Das Schwierige daran ist, jemanden zu finden, mit dem das auch funktioniert. Aber wenn es funktioniert, und das ist bei uns der Fall, dann hat es einen ganz großen Mehrwert.

Pogatetz: Vielen steht ihr Ego im Weg, beim Stefan und mir geht es aber immer um die Sache - wie können wir den Verein weiterbringen? Für uns kann es langfristig ein riesiger Vorteil sein, denn meiner Erfahrung nach erzielt man bessere Ergebnisse, wenn man zu zweit an einer gemeinsamen Sache arbeitet. Das Schwierige daran hat Stefan schon angesprochen - die Beziehung zueinander. Wir verstehen uns persönlich einfach sehr gut und ergänzen uns zudem hervorragend.

Helm: Was man außerdem nicht vergessen darf - es macht ja auch mehr Spaß, etwas gemeinsam zu kreieren.

Können Sie sich vorstellen, dass es zukünftig vermehrt in die Richtung Trainerduo geht?

Helm: Ich glaube, dass es jetzt schon so ist, dass viele Trainer ein wirklich ganz starkes Team haben. Das Modell, wie es bei uns ist, ist interessant, aber der Fußball ist ja nicht gerade bekannt dafür, dass Innovation schnell voranschreitet, deshalb warten wir einmal ab.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Sportchef Jan Schlaudraff?

Pogatetz: Ich habe ja mit Jan noch zusammengespielt und wir haben uns immer sehr gut verstanden. Als ich dann erfahren habe, dass seine Personalie Thema beim Verein ist, habe ich mich schon darüber gefreut. Man sieht, dass er in dieser Funktion schon auf dem höchsten Level gearbeitet hat. Jan war immer schon ein sehr intelligenter Mensch, der sich immer weitergebildet und alle Trainerkurse absolviert hat. Seit er da ist, hat sich sehr viel bewegt. Er hat im Winter viel am Kader gearbeitet und umgebaut. Er ist ein Typ, der Dinge dann auch finalisiert. Wir sind sehr froh, dass er da ist.

Helm: Er hat außerdem ein tolles Gespür dafür, wie man mit den Trainern über die fachlichen Dinge diskutiert und Sachen anspricht. Er bringt seine Erfahrung auf eine sehr gute Art ein.

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Wie sieht die Zusammenarbeit mit Kooperationspartner Wolfsburg aus?

Pogatetz: Im Moment ist es so, dass es darum geht, Spieler von Wolfsburg zu entwickeln. Dahingehend ist die Zusammenarbeit sehr zufriedenstellen, auch von Wolfsburger-Seite. Im nächsten Schritt geht es darum, das Ganze zu intensivieren. In unserer schwierigen Anfangsphase war die Zusammenarbeit auch Gold wert, denn Jörg Schmadtke (Geschäftsführer Sport) und Marcel Schäfer (Sportdirektor) sind hierhergekommen und haben sich einmal alles angeschaut. Sie haben uns dann Feedback zu den Spielen und einzelnen Personalien gegeben - das war sehr wertvoll für uns. In der Phase haben wir große Fortschritte gemacht, was unsere Entscheidungsfindung und strategische Ausrichtung betrifft. Außerdem haben sie uns den Rücken gestärkt, was für uns natürlich auch wichtig war.

Helm: Wir waren ja auch elf Tage in Wolfsburg - da hat man gespürt, dass es sich um eine richtige Partnerschaft handelt. Wir haben uns lange mit Jörg Schmadtke und Florian Kohfeldt (Wolfsburg-Trainer) unterhalten und sie haben sich wirklich viel Zeit für uns genommen.

Wie sehen die Ziele mit dem SKN aus?

Helm: Wir bereiten uns auf den "Tag X" so gut wie möglich vor - wir wollen mit dem Verein und der Mannschaft an einen Punkt kommen, an dem sich der Erfolg gar nicht mehr vermeiden lässt. Es ist ganz klar das langfristige Ziel, dass wir irgendwann wieder in der Bundesliga spielen. Aber im Mittelpunkt stand immer, dass wir hier etwas Langfristiges aufbauen - mit einem klaren Konzept, zu dem eine bestimmte Vereinskultur und Spielidee gehören. Wir wollen jetzt die Basis für langfristigen Erfolg legen.

Pogatetz: In dieser Saison geht es für uns nur um die Entwicklung. Wir versuchen jede Woche einen Schritt näher an den Punkt zu kommen, wie wir uns den Fußball vorstellen. Im Sommer werden wir dann neu evaluieren und sehen, welche Ziele wir uns dann setzen.

Helm: Zum Beispiel, dass in allen Spielphasen unsere Spielidee sichtbar ist. Das heißt, dass wir dominanten, proaktiven, intensiven Fußball spielen. Mit dem Ball wollen wir dominant sein und trotzdem sehr zielgerichtet spielen. Gegen den Ball wollen wir ein flexibles Pressing haben, aber es soll immer sehr proaktiv sein. Wir wollen bei beiden Umschaltphasen und bei den Standards eine ganz klare Idee an die Mannschaft vermitteln. Das wollen wir uns erarbeiten. Wenn wir das alles umsetzen können, dann kommt der Erfolg von allein. Und wenn das alles funktioniert, dann ist das auch das richtige Umfeld, in dem sich junge Spieler am besten entwickeln können, geführt von etwas erfahreneren Spielern. Da war die jetzige Mannschaft, die gegen Liefering und Linz am Feld stand, schon ein kleines Spiegelbild von dem, in welche Richtung es gehen soll.

Pogatetz: Jan ist gekommen und hat Kaderkosten reduziert. Wir haben jetzt eine Mannschaft, die weniger kostet als in der Hinrunde und haben aber viel Potential gewonnen. Das sind auch wieder Schritte nach vorne. Wir haben Spieler dazugewonnen, wo ich mir sicher bin, dass sie einen Mehrwert für den Verein generieren werden. Das sind oft Dinge, die jetzt noch nicht messbar sind.

Interview: Raphael Greiml