Bundesliga

Hat die Bundesliga ein Ballbesitz-Problem?

Bemerkenswertes Abschneiden im internationalen Vergleich

Hat die Bundesliga ein Ballbesitz-Problem?

Die einen kriseln, die anderen jubeln: Der FC Bayern um Thomas Müller hat viel Ballbesitz, aber wenig Erfolg. Union Berlin mit Robin Knoche und Jordan macht's andersrum.

Die einen kriseln, die anderen jubeln: Der FC Bayern um Thomas Müller hat viel Ballbesitz, aber wenig Erfolg. Union Berlin mit Robin Knoche und Jordan macht's andersrum. imago images (2)

"Es ist ein Trend", sagte Niko Kovac schon Ende August. "Die, die über die spielerische Komponente kommen, haben Probleme - Bayern einmal ausgenommen." Mittlerweile, einen Monat später, kann man sogar die letzte Einschränkung fallen lassen.

Der FC Bayern, mit weitem Abstand Ballbesitz-Krösus der Liga, durchlebt eine Krise. Und dem Großteil der restlichen Ballbesitz-Teams geht es nicht bedeutend besser. Bayer 04 Leverkusen, derzeit auf Platz fünf des Rankings, hat nur eines von sieben Spielen gewonnen. RB Leipzig, auf Platz vier der Ballbesitz-Tabelle angesiedelt, hinkt den eigenen Ansprüchen ebenfalls massiv hinterher - und hat in Domenico Tedesco bereits einen Trainer entlassen, der für Ballbesitz-Fußball stand. Während Tedescos Amtszeit spielte nur der FC Bayern mehr Pässe pro Spiel als RB Leipzig.

Während ein beträchtlicher Teil der Ballbesitz-Teams also Probleme hat, ihre Spielanteile in Punkte umzumünzen, durchlebt in Union Berlin eine Mannschaft einen Höhenflug, die ausgesprochen wenig Wert auf eigenen Ballbesitz legt. Nur Augsburg und Schalke verzeichneten an den ersten sieben Spieltagen niedrigere Werte als der aktuelle Tabellenführer aus Köpenick (41 Prozent). Auch der SC Freiburg, als Drittplatzierter eines der Teams der Stunde, liegt mit durchschnittlich 45 Prozent im hinteren Drittel des Ballbesitz-Rankings.

Umschaltfußball scheint mit Blick auf diese Zahlen in der Bundesliga derzeit also tatsächlich erfolgsversprechender zu sein als der klassisch spielerisch-dominante Ansatz. Kein Wunder also, dass sich immer mehr Teams diesen Fußball auf die Fahne schreiben. Das wird vor allem deutlich beim Blick auf den internationalen Vergleich.

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Passquote der Top-5-Ligen: Union auf 96 von 98

Während die vier anderen europäischen Top-Ligen allesamt eine durchschnittliche Passquote zwischen 81 und 83 Prozent aufweisen, kommt die Bundesliga gerade einmal auf 78,25 Prozent. Pro Spiel gibt es in der deutschen Eliteklasse nur 14,5 Sequenzen, in denen ein Team zehn oder mehr Pässe am Stück spielt - die wenigsten der Top-5-Ligen. Zum Vergleich: In der Ligue 1 und in der Premier League liegt dieser Wert bei über 20.

Noch deutlich auffälliger: Im Pass-Ranking aller 98 Teams aus Premier League, La Liga, Serie A, Ligue 1 und Bundesliga werden sechs der letzten acht Plätze durch deutsche Teams belegt. Schlusslicht ist mit weitem Abstand der FC Augsburg (66,27 Prozent angekommene Pässe), Tabellenführer Union Berlin (71,71 Prozent) liegt auf Rang 96 von 98.

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Am anderen Ende des Spektrums findet sich unter den 25 Teams mit der höchsten Passgenauigkeit der Top-5-Ligen nur ein deutscher Vertreter: der FC Bayern auf Platz sieben. Auf den drei ersten Plätzen liegen übrigens Paris St. Germain, Manchester City und Real Madrid - drei der Top-Favoriten auf den Champions-League-Titel.

Auf Kurzpassspiel wird in der Bundesliga deutlich weniger Wert gelegt als in den vier anderen großen europäischen Ligen. Das verdeutlicht auch der Blick auf den Anteil der langen Bälle pro Spiel. Dieser liegt in der Bundesliga bei 14,7 Prozent und damit höher als in La Liga, Serie A, Premier League und Ligue 1.

Gleich drei deutsche Vereine schlagen unter allen 98 Mannschaften der Top-5-Ligen die meisten langen Bälle: Der VfL Bochum (22,8 Prozent), der FC Augsburg (21,4 Prozent) und wiederum Bundesliga-Primus Union Berlin (19,8 Prozent). Unter den 15 Mannschaften des Rankings mit dem niedrigsten Anteil langer Bälle findet sich aus der Bundesliga nur der FC Bayern (7,5 Prozent, Platz fünf). Dafür kommt die Bundesliga im internationalen Vergleich auf die meisten Umschaltaktionen.

Spricht das für eine spielerische Limitierung der Bundesligamannschaften oder einfach für die bewusste Entscheidung für einen erfolgsversprechenderen Spielansatz? Und resultiert das eine vielleicht aus dem anderen? Unklar. Die Bundesliga hat jedenfalls ein Problem mit Ballbesitz. Und vielleicht will sie es auch haben. 

Michael Bächle

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