Champions League

ManCitys Aus: Pep Guardiola verrät sich erneut selbst

Analyse zu ManCitys Aus in der Champions League

Guardiola verrät sich erneut selbst, doch diesmal ist es schlimmer

Die Champions League war doch eigentlich mal sein Wettbewerb: Pep Guardiola, Henkelpott-Gewinner 2009 und 2011.

Die Champions League war doch eigentlich mal sein Wettbewerb: Pep Guardiola, Henkelpott-Gewinner 2009 und 2011. Getty Images

Diesen Vergleich hat sich Pep Guardiola nun wirklich noch nie gefallen lassen müssen, seit er 2007 seine Trainerkarriere gestartet hat, 13 Jahre lang hätte er unpassender nicht sein können. Doch an diesem Samstagabend ist es tatsächlich passiert: Guardiola erinnerte an José Mourinho.

Auch im vierten Jahr bei Manchester City hat Guardiola nicht einfach den Champions-League-Titel verpasst, für den die Besitzer aus Abu Dhabi inzwischen über 1,5 Milliarden Euro in den Klub investiert haben. Er ist auch im vierten Jahr nicht einmal bis ins Halbfinale gekommen.

Ausgerechnet Guardiola raubte seiner Mannschaft die Kreativität

Und das hat nur oberflächlich damit zu tun, dass es Raheem Sterling am Samstag gegen Olympique Lyon (1:3) nicht fertigbrachte, aus vier Metern das leere Tor zu treffen. Nicht der Angreifer, sondern Guardiola beging ein "Fußball-Sakrileg" (BBC): Er, ausgerechnet er, hatte, als es darauf ankam, seiner Mannschaft die Kreativität geraubt.

"Ich will sehen, dass meine Mannschaft sie selbst ist", lautete Guardiolas zentrale Forderung vor dem Viertelfinale in Lissabon. Doch warum nur ließ er es dann nicht zu? Während David Silva, Riyad Mahrez, Bernardo Silva und Phil Foden auf der Bank saßen, stellte Guardiola gegen den Siebten der Ligue 1 sieben Defensivspieler und eine Dreierkette auf. Es war ungefähr das, was einer wie Mourinho aus diesem Kader machen würde.

Liverpool 2018, Tottenham 2019 - doch gegen Lyon treibt es Guardiola auf die Spitze

Anstatt gerade gegen einen Außenseiter wie Lyon voll auf die eigenen Stärken zu vertrauen, verriet Guardiola seine eigene Idee vom Fußball. Und das Tragische für ManCity ist, dass es schon wieder passiert ist. Schon in den Viertelfinalhinspielen 2017/18 (0:3 in Liverpool) und 2018/19 (0:1 in Tottenham) hatte er ungewohnt defensive Aufstellungen ausgetüftelt und damit den Begriff des "over-thinking" in Englands Sportpresse salonfähig gemacht.

Internationale Pressestimmen: "Wie oft noch, Pep, wie oft noch?"

Wieder wollte Guardiola offenbar zu viel, wieder verfing er sich offenbar in seinen Überlegungen; doch diesmal war es schlimmer: Er trieb die Vorsicht nicht nur auf die Spitze, er tat es auch noch gegen einen echten Underdog. Als er in der 56. Minute schließlich auf sein übliches 4-3-3 umstellte, wurde ManCity stärker, doch wirklich in Fluss kam das Offensivspiel nicht mehr. Lyon hatte längst das Gefühl gewonnen: Hier geht was.

Was auch immer Guardiola dazu verleitet: Es wird langsam teuer für ManCity

Nun hat gerade Guardiola schon taktische Kniffe entwickelt, die den Fußball ebenso überrascht wie revolutioniert haben - etwa Lionel Messi zur falschen Neun zu machen oder so ziemlich jede Position mit einem passstarken Mittelfeldspieler zu besetzen. Der Unterschied: Sie passten stets zu seiner generellen Auffassung von Fußball, Spiele nicht mit Macht, sondern mit Anmut zu gewinnen.

Geht es ihm noch nach, dass er sich einst bei Bayern in einem Champions-League-Halbfinale von der Mannschaft die Ausrichtung diktieren ließ? Dass er in seiner ersten ManCity-Saison mit einem ungesicherten 4-1-4-1 im Achtelfinale in Monaco ausschied? Was es auch ist: Es ist immer noch da und wird langsam teuer für seinen ambitionierten Arbeitgeber.

Es liegt mehr im Argen als ein weiteres vercoachtes Spiel

Bis auf den Ligapokalsieg bleibt ManCity in diesem Jahr nichts, um die internationalen Versäumnisse auszugleichen; der größte Erfolg ist, nächstes Jahr überhaupt wieder im Europapokal spielen zu dürfen. Es zeigt: Es liegt noch mehr im Argen als ein weiteres Champions-League-Spiel der Akte "Vercoacht". Allen voran, dass offenbar niemand ahnte, wie sehr Ex-Kapitän Vincent Kompany als Instanz auf und neben dem Platz fehlen würde.

Wer vier Jahre lang so deutlich das große Ziel verpasst, sollte sich intern mindestens strenge Fragen gefallen lassen müssen. Doch ManCity hat sich Guardiola so sehr "unterworfen", dass eine Trennung von Klubseite unvorstellbar erscheint. Der ganze Klub ist auf ihn ausgerichtet und plant "auf Jahre hinaus" (Vorsitzender Khaldoon Al Mubarak im November) mit ihm.

Lieber wird sich ManCity wie gewohnt mit - weiteren - Millionentransfers auf das Jubiläumsjahr 2021 vorbereiten: Dann ist es genau zehn Jahre her, dass Guardiola letztmals im Champions-League-Finale stand.

Jörn Petersen