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EM 2020, Gruppe F: Die vier Teams im kicker-Check

Deutschland, Frankreich, Portugal und Ungarn im kicker-Check

Gruppe F: Top-Stars, Favoriten - und die Frage nach der deutschen Tonart

Wollen mit ihren Nationalteams die Hammergruppe F überstehen: Joshua Kimmich, Kylian Mbappé, Cristiano Ronaldo und Peter Gulacsi (v. li.).

Wollen mit ihren Nationalteams die Hammergruppe F überstehen: Joshua Kimmich, Kylian Mbappé, Cristiano Ronaldo und Peter Gulacsi (v. li.). imago images

Deutschland: Eine Frage der Tonart

"Keinerlei Wehmut" verspürt Joachim Löw nach eigener Aussage. In sein siebtes und letztes großes Turnier geht der deutsche Bundestrainer, bei Europameisterschaften schaffte er es bislang stets mindestens ins Halbfinale - aber nie auf das Siegerpodest.

Ob seine Abschiedsballade nun in Dur oder Moll erklingt? Die Tonart ist derzeit noch ein großes Fragezeichen. Denn Grund zur Skepsis ist reichlich gegeben. Zu bedenklich, zu blamabel waren die Auftritte des DFB-Teams gegen Spanien im vergangenen November und gegen Nordmazedonien im März.

Einige Hoffnungsschimmer gibt es aber trotz der vielen Fragezeichen auch: Die deutsche Chelsea-Achse um Antonio Rüdiger, Timo Werner und Final-Siegtorschütze Kai Havertz kommt nach dem Champions-League-Sieg mit ordentlich Selbstvertrauen, das Mittelfeld verfügt mit Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan, Toni Kroos und dem noch angeschlagenen Leon Goretzka über außergewöhnliche Qualität - und die Rückkehr von Thomas Müller und Mats Hummels weckt Erinnerungen an bessere Tage. Es hätte eine gewisse Ironie, wenn ausgerechnet die beiden einst verbannten Routiniers Löw helfen würden, dass aus seinem letzten Auftritt ein Paradezug wird - und kein Trauermarsch.

Deutschlands Spieltermine: Frankreich (15. Juni, 21 Uhr, München), Portugal (19. Juni, 18 Uhr, München), Ungarn (23. Juni, 21 Uhr, München)
Die EM-Basis: Herzogenaurach/Deutschland
Endrunden und Erfolge: 13 Endrunden, Europameister 1972, 1980, 1996
Der deutsche Kader in der Übersicht

Frankreich: Ein Rückgrat und viel Auswahl für Deschamps

Irgendwie ist Didier Deschamps zu beneiden - aber irgendwie auch nicht. Wohl kein Nationaltrainer hat bei dieser EM mehr Qualität zur Verfügung, muss aber gleichzeitig auch so viele Weltklasse-Spieler auf die Bank oder gar ganz aus dem Kader verbannen. So wird sich der 52-Jährige etwa zwischen Bayerns Kingsley Coman, Barcelonas Ousmane Dembelé und Juves Adrien Rabiot entscheiden müssen - ansonsten ist in der hochkarätig besetzten Offensive schlicht kein Platz mehr frei.

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Erst recht nicht, seit Karim Benzema zurück ist. Als hätte die Angriffsreihe um Kylian Mbappé und Antoine Griezmann nicht schon genügend Klasse, ist sie durch Benzemas Rückkehr in der Equipe Tricolore auf dem Papier sogar noch stärker als beim WM-Sieg 2018.

"Ich habe die Gruppe seit 2018 auch erneuert, aber ich habe ein Rückgrat, einen harten Kern im Team", sagte Deschamps Mitte Mai im kicker-Interview. Dazu zählen Torwart Hugo Lloris, Abwehrchef Raphael Varane, die Doppelsechs aus Paul Pogba und N'golo Kanté - sowie Griezmann und Mbappé im Angriff. Ein Kern, der härter und ausgereifter tatsächlich kaum sein könnte. Zwar hatte Frankreich gerade gegen tiefstehende Gegner in der Qualifikation gelegentlich Probleme, eine personelle Schwachstelle im Team ist aber - wenn überhaupt - die Außenverteidigung. Da werden wohl Lucas Hernandez und Benjamin Pavard das Startelfmandat erhalten. Zwei Stammspieler des FC Bayern also. Es gibt klaffendere Baustellen.

Frankreichs Spieltermine: Deutschland (15. Juni, 21 Uhr, München), Ungarn (19. Juni, 15 Uhr, Budapest), Portugal (23. Juni, 21 Uhr, Budapest)
Die EM-Basis: Clairefontaine-en-Yvelines/Frankreich
Endrunden und Erfolge: Neun Endrunden, Europameister 1984 und 2000
Der französische Kader in der Übersicht

Portugal: Erfolgsverwöhntes Kollektiv statt One-Man-Show

"Er kümmert sich bei der Nationalmannschaft um alles, auch neben dem Platz", sagt Raphael Guerreiro. Und meint Cristiano Ronaldo. Natürlich. Nicht nur Torjäger, Kapitän und Anführer ist der 36-Jährige also, sondern Mädchen für alles. Dabei ist Portugal längst nicht mehr nur CR7. Viel eher reisen die Portugiesen mit einem Kollektiv an, das sich zuletzt an den Erfolg gewöhnt hat. Das ManCity-Trio Joao Cancelo, Bernardo Silva und Ruben Dias stand im Champions-League-Finale und wurde englischer Meister, Dias sogar als Abwehrspieler zum Premier-League-Spieler der Saison gekürt.

Auch Top-Talent Joao Felix (Atletico Madrid) sowie Ex-Bayern-Akteur Renato Sanches und Innenverteidiger José Fonte (beide Lille OSC) waren entscheidende Faktoren für den Meistertitel ihres jeweiligen Klubs, Mittelfeldregisseur Bruno Fernandes bei ManUnited und Stürmer André Silva bei Eintracht Frankfurt legten eine individuell herausragende Saison hin.

Auf dem Papier ist das portugiesische Team personell stärker besetzt als 2016, als die Selecao überraschend den Titelgewinn in Frankreich einfuhr. Für die Führungsspieler von damals - Pepe (38), Fonte (37), Joao Moutinho (34), Rui Patricio (33), vielleicht sogar Ronaldo (36) - könnte es womöglich der letzte gemeinsame Angriff auf einen weiteren Titel werden. Die Staffelstabübergabe ist schon eingeleitet.

Portugals Spieltermine: Ungarn (15. Juni, 18 Uhr, Budapest), Deutschland (19. Juni, 18 Uhr, München), Frankreich (23. Juni, 21 Uhr, Budapest)
Die EM-Basis: Budapest/Ungarn
Endrunden und Erfolge: Sieben Endrunden, Europameister 2016
Der portugiesische Kader in der Übersicht

Ungarn: Kein Ticketlöser und ein Bundesliga-Prunkstück

Der Mann, der Ungarn das Ticket löste, kann nicht einsteigen in den EM-Zug. Eigentlich hatte Coach Marco Rossi seinem Juwel Dominik Szoboszlai, der das Land mit seinem Last-Minute-Tor in den Play-offs gegen Island zur Endrunde schoss, eine Nominierungsgarantie ausgestellt - ungeachtet der bislang null Pflichtspiele, die der 20-Jährige im Kalenderjahr 2021 für RB Leipzig absolviert hat. Nun aber lassen seine Beschwerden am Schambein keinen Einsatz von Ungarns Shootingstar bei der Europameisterschaft zu.

Für die Nationalmannschaft ist das Fehlen ihres hochveranlagten Schlüsselspielers eine herbe Schwächung - zumal die Magyaren in der Hammergruppe F selbst mit Szoboszlai krasser Außenseiter gewesen wären. Für die Torgefahr sollen nun die beiden Bundesliga-Profis Roland Sallai (Freiburg) und Adam Szalai (Mainz) sorgen.

Größte Stärke des Teams, das seine ersten beiden Gruppenspiele vor heimischem Publikum bestreitet, ist die Defensivzentrale um zwei weitere Bundesligaspieler - die Leipziger Peter Gulacsi und Willi Orban. Neben dem RB-Kapitän agiert in Attila Szalai (Fenerbahce) ein weiterer Spieler in der Innenverteidigung, der höchsten internationalen Ansprüchen genügt. Ansonsten fehlen diese Akteure allerdings in den weiteren Mannschaftsteilen. Gerade die Außenbahnen im ungarischen 3-5-2 gelten als unzureichend besetzt.

Ungarns Spieltermine: Portugal (15. Juni, 18 Uhr, Budapest), Frankreich (19. Juni, 15 Uhr, Budapest), Deutschland (23. Juni, 21 Uhr, München)
Die EM-Basis: Telki/Ungarn
Endrunden und Erfolge: Drei Endrunden, kein Titel
Der ungarische Kader in der Übersicht

Fazit

In der zweifellos hochkarätigsten Gruppe der Europameisterschaft kann sich nicht mal Weltmeister Frankreich sicher sein. Die Deschamps-Elf ist dennoch der Favorit auf Platz eins, Ungarn der klare Außenseiter. Eine Aufwärmrunde kann sich aber keines der Teams erlauben - was für die K.-o.-Runde auch zum Vorteil werden könnte. Aber die muss man eben erst erreichen.

Michael Bächle