EM

Gruppe A: Favorisierte Azzurri - Schweiz und die "Hürde im Kopf"

Italien, Schweiz, Türkei und Wales im kicker-Check

Gruppe A: Favorisierte Azzurri - Schweiz und die "Hürde im Kopf"

Treffen in Gruppe A aufeinander: Roberto Mancini, Gareth Bale, Xherdan Shaqiri und Burak Yilmaz (v. li.).

Treffen in Gruppe A aufeinander: Roberto Mancini, Gareth Bale, Xherdan Shaqiri und Burak Yilmaz (v. li.). imago images (3)/Getty Images (1)

Italien: Aus Trümmern auferstanden

Wer erinnert sich nicht an die Tränen des großen Gianluigi Buffon an jenem 13. November 2017, als Italien gegen Schweden die Qualifikation zur WM 2018 verpasst hatte? Die Squadra Azzurra lag in Trümmern, die Zukunft erschien in dunkelsten Farben. Doch knapp vier Jahre später ist alles neu: Talentierte Spieler, ein innovativer Trainer und ein attraktiver Stil zeichnen die Azzurri aus.

Der sich seit Mai 2018 im Amt befindende Nationalcoach Roberto Mancini hat eine Melange aus Routiniers und Youngstern zusammengestellt, die das Potenzial hat, bei der EURO 2020 ein Spektakel zu veranstalten. Die vielen qualitativen Alternativen besonders bei den neuralgischen Positionen hieven Italien in den Rang eines Favoriten - nicht nur in der Gruppe A, sondern auch in Bezug auf den Titel. "Wir haben die Form und die Reife, Europameister zu werden", postulierte Mancini. "Das ist unser erklärtes Ziel."

Mancini kann sich bei dem Vorhaben auf eine erfahrene Achse verlassen. Diese reicht von Torhüter Gianluigi Donnarumma (Milan, trotz nur 22 Jahren schon sehr routiniert) über die beiden Abwehrroutiniers Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci (beide Juve), im Mittelfeld über Marco Verratti (PSG) und Chelseas Champions-League-Sieger Jorginho bis zu Angreifer Ciro Immobile (Lazio). Allerdings laboriert Verratti an einer Knieverletzung, für die Gruppenphase könnte es eng werden.

Die Spieltermine Italiens: Türkei (11. Juni, 21 Uhr, Rom); Schweiz (16. Juni, 21 Uhr, Rom); Wales (20. Juni, 18 Uhr, Rom)
Die EM-Basis Italiens: Florenz - Centro Tecnico Federale di Coverciano
Endrunden und Erfolge: 9 Teilnahmen - Europameister 1968, Vize-Europameister 2000 und 2012
Der Kader Italiens in der Übersicht

Schweiz: Mit Bundesliga-Unterstützung erstmals ins Viertelfinale?

Die Schweiz unternimmt bei der EURO 2020 einen erneuten Anlauf, erstmals ein K.-o.-Spiel bei einer EM zu gewinnen. Zuletzt war dreimal in Folge im Achtelfinale Endstation, dieses Mal soll es für die Eidgenossen weitergehen. "Man muss jetzt diese Hürde im Kopf überwinden und es einfach mal schaffen", forderte der langjährige Schweizer Nationalcoach und ehemalige Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld in der Tageszeitung 'Blick'.

Es wird wohl eine der letzten Möglichkeiten einer Schweizer Generation sein, die nicht wenige für eine der besten in der Geschichte der 'Nati' halten. Einige, wie Granit Xhaka (Arsenal), Ricardo Rodriguez (Torino) oder Haris Seferovic (Benfica) wurden gemeinsam 2009 U-17-Weltmeister, Xhaka zudem mit Yann Sommer (Gladbach), Xherdan Shaqiri (Liverpool) oder Admir Mehmedi (Wolfsburg) zwei Jahre später U-21-Vize-Weltmeister. Diese etablierten Kräfte haben aber längst Verstärkung von jüngeren Spielern bekommen.

Viele von ihnen, insbesondere die zu erwarteten Stammspieler, sind oder waren in der Bundesliga beschäftigt. Nicht weniger als elf Akteure spielen aktuell in der deutschen Eliteklasse, sieben weisen zudem eine Bundesliga-Vergangenheit auf. Bis auf Becir Omeragic (FC Zürich) und Silvan Widmer (FC Basel) sind auch alle anderen Nationalspieler im Ausland beschäftigt. "Das hilft im Selbstverständnis, da kommst du mit mehr Selbstbewusstsein in die Nati. Für mich ist es eine grossartige Mannschaft", sagte Hitzfeld. Aus der Liverpools Shaqiri herausragt. "Er hat Fußball im Blut", lobte Hitzfeld, "aber er hat bis jetzt zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht". Seit Nationalcoach Vladimir Petkovic Shaqiri auf seiner Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld agieren lässt, läuft es besser für den 29-Jährigen.

Die Spieltermine der Schweiz: Wales (12. Juni 15 Uhr, Baku); Italien (16. Juni, 21 Uhr, Rom); Türkei (20. Juni, 18 Uhr, Baku)
Die EM-Basis der Schweiz: Rom - Trainingsgelände der AS Rom
Endrunden und Erfolge: Vier Teilnahmen - Achtelfinale 2016
Der Kader der Schweiz in der Übersicht

Türkei: Hinten hui und vorne Yilmaz

Lange Zeit galt die Offensive als das Prunkstück bei den Türken. Doch unter Coach Senol Günes überzeugt die 'Milli Takim' besonders in der Defensive: In den zehn EM-Qualifikationsspielen der Gruppe H ließ die Türkei nur ganze drei Gegentreffer zu - gemeinsam mit Belgien der Bestwert aller EM-Starter. In den Heimspielen blieb die Türkei sogar komplett ohne Gegentreffer.

Schlüsselspieler der Türkei ist aber Angreifer Burak Yilmaz. Der 35-jährige erlebt beim französischen Meister Lille OSC gefühlt seinen x-ten Frühling. Beim vielbeachteten 4:2 in der WM-Quali im März gegen die Niederlande steuerte er drei Treffer bei, insgesamt steht er bei 28 Länderspieltoren - nur noch Hakan Sükür (51) liegt vor ihm. Neben dem "alten Wolf" Yilmaz stechen bei den Türken noch Hakan Calhanoglu (Milan) und Yusuf Yazici (Lille) als "Künstler" heraus.

Der Verschiebung der EURO 2020 wegen der Corona-Pandemie könnte die Türkei sogar etwas Positives abgewinnen. Einerseits hatte das junge Team dadurch mehr Zeit, sich zu finden. Andererseits steht im Sommer 2021 mit Merih Demiral ein junger Shootingstar zur Verfügung, der zwölf Monate zuvor ausgefallen wäre. Denn der Juve-Innenverteidiger riss sich im Januar 2020 das Kreuzband und feierte erst in der soeben zu Ende gegangenen Saison sein Comeback.

Die Spieltermine der Türkei: Italien (11. Juni, 21 Uhr, Rom), Wales (16. Juni 18 Uhr, Baku), Schweiz (20. Juni, 18 Uhr, Baku)
Die EM-Basis der Türkei: Klosterpforte - Marienfeld
Endrunden und Erfolge: Vier Teilnahmen - Halbfinale 2008
Der Kader der Türkei in der Übersicht

Wales: Folgt gleich die nächste Sensation?

Gleich bei der allerersten EM-Teilnahme sorgte Wales für eine Sensation, als die 'Drachen' 2016 in Frankreich auf Anhieb bis ins Halbfinale vorstießen, da war gegen den späteren Sieger Portugal Schluss (0:2). Dieses Mal will Wales als Underdog erneut überraschen.

Allerdings geht Wales mit einem gewaltigen Handicap in das Turnier. Denn der eigentliche Nationalcoach Ryan Giggs ist wegen des Verdachts auf häusliche Gewalt gegen zwei Frauen auf Körperverletzung angeklagt. Seit November 2020 lässt der ehemalige ManUnited-Star deshalb sein Amt ruhen, stattdessen steht der eigentliche Assistent Rob Page in der Verantwortung.

Auf dem Feld liegt diese besonders auf den Schultern von Gareth Bale. Der Offensiv-Star, in der abgelaufenen Spielzeit von Real an Tottenham ausgeliehen, ist das Herz der Waliser und kann Spiele im Alleingang entscheiden. Neben Bale gehören auch seine Mittelfeldkollegen Aaron Ramsey (Juventus) und Joe Allen (Stoke) sowie Verteidiger Ben Davies (Tottenham) zu den Korsettstangen des Teams. Allerdings war das Quartett in der abgelaufenen Saison von Verletzungen geplagt, weshalb ein Fragezeichen hinter ihrer Fitness steht. Ein weiterer potenzieller Schwachpunkt betrifft die Torhüterposition: Weder Wayne Hennessey (Crystal Palace) noch Danny Ward (Leicester) sind bei ihren Vereinen Stammkräfte. Dementsprechend mangelt es ihnen an Spielpraxis - Sicherheit und Stabilität strahlen beide nur selten aus.

Die Spieltermine von Wales: Schweiz (12. Juni, 15 Uhr, Baku); Türkei (16, Juni, 18 Uhr, Baku); Italien (20. Juni 18 Uhr, Rom)
Die EM-Basis von Wales: Baku
Endrunden und Erfolge: Eine Teilnahme - Halbfinale 2016
Der Kader von Wales in der Übersicht

Fazit

Italien geht in Gruppe A als Favorit auf Rang eins ins Rennen, darf sich aber nicht zu sicher sein. Denn sowohl die Schweiz als auch die Türkei haben ihre Qualitäten unter Beweis gestellt und können der Squadra Azzurra durchaus gefährlich werden. Wales geht als Underdog an den Start, das Erreichen der K.-o.-Runde wäre bereits eine Überraschung.

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jer

Folge 1

Was geht, EM? | Die Favoriten im Check - mit Alex Schlüter von DAZN

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