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Grindels Verdacht

DFB: Hinweis zu Koch und WM-Affäre bereits 2020

Grindels Verdacht

Der frühere Präsident Reinhard Grindel und DFB-Vizepräsident Rainer Koch

Der frühere Präsident Reinhard Grindel und DFB-Vizepräsident Rainer Koch imago images

Allerlei Merkwürdigkeiten in der Generalinventur, die der DFB an die Berliner Firma Esecon vergeben hat, kommen nach und nach ans Tageslicht. Etwa, dass sich DFB-Vize-Präsident Dr. Rainer Koch im Besitz des internen Arbeitspapiers zum Gespräch zweier Esecon-Ermittler mit Ex-Präsident Reinhard Grindel befand. Dieses als "streng vertraulich" markierte Dokument nahmen Steuerfahnder bei ihrer Razzia am 7. Oktober 2020 aus Kochs Privaträumen in Poing, Oberbayern, mit. Gespräch Nummer eins zwischen Grindel und Esecon fand im Januar 2020 in Berlin statt.

Nun bestätigt Grindel im kicker: Es gab ein zweites Treffen mit Esecon, am 27. Mai 2020 in Rotenburg. Und in diesem teilte er den internen Ermittlern einen für Koch heiklen Sachverhalt mit: "Bei dem zweiten Gespräch habe ich angeregt, im Rahmen der 'Generalinventur' aufzuklären, ab wann Rainer Koch von der Sommermärchen-Recherche des Spiegel wusste und ob dem DFB Schaden entstanden ist, weil er dem Präsidium sein Wissen nicht mitgeteilt hat. Insofern habe ich schon vor einem Jahr Hinweise für interne Ermittlungen gegeben und bin damit nicht erst jetzt in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen an der DFB-Spitze gezielt ins ZDF gegangen, wie Rainer Koch mir unterstellt hat."

Kochs angebliches Vorwissen

Grindel hatte diesen Vorwurf gegenüber Koch öffentlich erstmals geäußert am 30. April 2021. Koch tat dies am 7. Mai 2021 im "Aktuellen Sportstudio" als "nicht zutreffend" ab und erweckte den Eindruck eines Rachefeldzugs gegen sich: "Reinhard Grindel hat in den letzten Wochen mehrfach gezeigt, dass er offensichtlich mit mir gebrochen hat." Glaubt man nun Grindel, wies er bereits vor einem Jahr auf Kochs angebliches Vorwissen hin und zwar diskret, um den internen Ermittlern die Chance zur Aufklärung zu geben, ohne öffentlich Porzellan zu zerschlagen.

Hat Koch, der den Verband nach dem Rücktritt von Fritz Keller derzeit interimistisch mit Peter Peters führt, auch von diesem zweiten Gespräch mit dem für seine Person brisanten Inhalt ein Protokoll erhalten? Fragen dazu beantwortet der DFB nicht.

Dass dem Multifunktionär überhaupt ein internes Arbeitspapier der Esecon vorlag, erklärt man beim Verband damit, dass Koch Ansprechpartner für Esecon war. "Einflussnahmen auf den objektiven Gang der Untersuchungen waren mit der Beantwortung solcher Fragen von Esecon zu keinem Zeitpunkt verbunden." Nur: Esecon hat hier keine Fragen gestellt, sondern ein Papier weitergegeben. Ex-Präsident Keller wurden derartige Details augenscheinlich nicht zuteil, anderen Präsidiumsmitgliedern offenbar ebensowenig.

Streit um Autorisierung

Grindel erfuhr erst aus den Gerichtsakten, dass die Inhalte des ersten Gesprächs von Esecon überhaupt zu Papier gebracht wurden. "Ich habe das nie gesehen oder gar autorisiert. Die mir in diesem Schriftstück zugewiesenen Aussagen sind teilweise falsch und oftmals unvollständig. Nachdem mir das Schriftstück bekannt geworden war, hatte ich gegenüber Esecon verlangt, dass über unsere beiden Treffen von mir autorisierte Protokolle erstellt werden", schildert der 59-Jährige. "Das hat Esecon mit der Begründung abgelehnt, dass keine meiner Aussagen aus dem Januar und Mai 2020 Eingang in den Abschlussbericht finden werden und eine Autorisierung insofern nicht nötig sei."

Erstaunlich. Grindel gab im Januar 2020 Hinweise zu Ausschreibungen und im Mai 2020 nach eigener Darstellung Hinweise zu Insiderwissen des selbsternannten Chefaufklärers Koch in der Sommermärchen-Affäre - und das soll keine Rolle spielen in einem Bericht zu einer Generalinventur?

Ich habe Zweifel an der Unabhängigkeit der Untersuchung.

Ex-DFB-Präsident Reinhard Grindel

"Im Rahmen der Generalinventur sollten, wie Ihnen bekannt, die Umstände der WM-Vergabe 2006 nochmals untersucht werden", teilt Esecon auf Anfrage mit. "Als dies öffentlich bekannt wurde, meldete sich Herr Grindel proaktiv und bat um ein Gespräch. Entgegen seiner Ankündigung, enthielten seine uns dargelegten Informationen keinerlei neue Erkenntnisse zum konkreten Untersuchungsgegenstand "Vergabe WM 2006". Aus diesem Grund fand auch keine weitere Anpassung des gefertigten Berichtes statt."

Nicht nur Grindel hegt mittlerweile einen Verdacht: "Angesichts der Beziehungen zwischen Esecon und Herrn Diekmann (Medienberater, d. Red.), der dem DFB nachweislich schweren Schaden zugefügt hat und mit Herrn Koch in enger Verbindung stand, habe ich Zweifel an der Unabhängigkeit der Untersuchung."

Die WM-Affäre - Chronologie der Ereignisse

Benni Hofmann