Bundesliga

Grifo, Höfler, Streich: Fragen nach der Freiburger Klatsche

Standards, Körpersprache, Coaching im Fokus beim 1:5 in Dortmund

Grifo, Höfler, Streich: Einige Fragen nach der Freiburger Klatsche

Im Fokus am Freitagabend: Die Freiburger Grifo, Höfler und Streich.

Im Fokus am Freitagabend: Die Freiburger Grifo, Höfler und Streich. imago images (3)

Mit Selbstkritik wurde zu Recht nicht gespart. Ob Stürmer Lucas Höler, Kapitän Christian Günter oder Trainer Christian Streich - sie alle räumten ein, beim 1:5 in Dortmund einfach eine schlechte Leistung gezeigt zu haben. Die bis dato defensivstärkste Auswärtsmannschaft kassierte auf einen Schlag fast so viele Gegentore wie in neun Gastauftritten zuvor (7). Einige Verhaltensweisen überraschten dabei besonders - und verlangen nach Aufarbeitung.

Standards: Mit den eigenen Waffen geschlagen - Höfler zweimal düpiert

Der SC hat ligaweit nach wie vor die meisten Standardtore erzielt (16) und hatte bis zum Spiel beim BVB gemeinsam mit Mainz die zweitwenigsten kassiert (5). Ausgerechnet in ihrer Königsdisziplin ließen sich die SC-Profis von zuvor nach ruhenden Bällen nicht besonders gefährlichen Dortmundern (8 Standardtore nach 18 Spielen) früh düpieren, lagen so nach 29 Minuten 0:2 zurück. "Was extrem wehtut, sind zwei Standardgegentore. Die darfst du natürlich nicht schlucken", klagte Günter, der wusste, dass das spielstarke BVB-Team trotz seiner Dominanz in der ersten Hälfte ansonsten nicht so viele klare Torchancen verbucht hatte.

Thomas Meunier traf zweimal nach gut getimten Eckballflanken Julian Brandts per Kopf und konnte beide Mal nicht vom zugeteilten Nicolas Höfler daran gehindert werden. Das ist besonders bitter, weiß doch gerade der Freiburger Mittelfeldstratege um die Gefahr nach Standards, speziell am kurzen Pfosten. Aus dieser Position erzielte Höfler selbst seine zwei Saisontore, köpfte gegen Frankfurt an den Pfosten und sorgte in weiteren Szenen für Gefahr.

Vor dem 0:1 ließ Höfler die nötige Cleverness und Körperlichkeit vermissen, um Meunier am Lauf Richtung kurzen Pfosten zu hindern oder diesen zumindest zu erschweren. Das 0:2 war im Gedränge in zentraler Position vor dem Tor schwieriger zu verhindern, hier ließ sich Höfler von einem handelsüblichen, kleinen Schubser Meuniers in den Rücken kurz vor dessen Absprung entscheidend ins Hintertreffen bringen.

Fatale Körpersprache - Grifo als schlechtes Vorbild

Auch wenn es mal nicht läuft, kann Streich in der Regel mit der Haltung und dem Zweikampfverhalten seiner Profis zufrieden sein. Diesmal nicht. In dieser Hinsicht gab überraschenderweise Vincenzo Grifo ein schlechtes Vorbild ab. Der Freiburger Top-Scorer fiel in Abwesenheit der beiden anderen, erneut schmerzlich vermissten, herausragenden Akteure der starken Hinrunde, Mark Flekken und Nico Schlotterbeck, in einer insgesamt schwachen Mannschaft noch negativ auf. In erster Linie wegen seiner Körpersprache.

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Grifo wurde in mehreren Szenen von präsent-aggressiven Dortmundern kernig vom Ball getrennt, doch statt energisch nachzusetzen oder wenigstens den Versuch einer Rückeroberung zu unternehmen, haderte er gestenreich oder blieb gar stehen. Dass auch Grifos Freistoß aus halblinker Position nach Foul von Meunier an ihm untypischerweise schon am ersten Dortmunder Verteidiger hängen blieb (25. Minute, obendrein wurde im Zentrum Stürmerfoul von Sallai an Haaland gepfiffen), rundete diese äußerst misslungene Leistung ab. Streich wechselte den italienischen Nationalspieler schon nach 45 Minuten aus. Insgesamt fehlte es dem gesamten SC-Team am nötigen Feuer, um überhaupt in die Zweikämpfe zu kommen und den Dortmundern in den direkten Duellen die Stirn zu bieten.

Zurückhaltenderes Coaching? Gereizter Streich sieht es komplett anders

Und auch Streich agierte in der Coachingzone schon feuriger. Es gibt Spiele, in denen der 56-Jährige seine Mannschaft fast permanent lautstark und gestenreich begleitet, die Spieler beispielsweise mit konkreten Kommandos in Pressingsituationen schickt, sie antreibt, Lob oder andere Anweisungen aufs Feld ruft. Gemessen daran wirkte sein Coaching am Freitag zurückhaltender, wenngleich Streich natürlich versuchte, korrigierend einzugreifen.

Zu Beginn der Partie forderte er seine Spieler öfter auf, energischer in die Zweikämpfe zu gehen, vor allem nach dem 2:0 für Dortmund verfolgte er das Spiel im vorderen Bereich der Coachingzone meist mit verschränkten Armen zumindest äußerlich ruhiger, setzte sich in der Folge einige Male zurück auf die Bank. Die offensichtliche Enttäuschung über die Darbietung seiner Mannschaft schlug sich auch in Körpersprache und Mimik nieder.

Wenn Sie diesen Eindruck haben, haben Sie das exklusiv für sich.

Christian Streich auf kicker-Nachfrage

Auf eine kicker-Frage nach den Gründen für sein vergleichsweise zurückhaltendes Coaching in der ersten Hälfte reagierte Streich gereizt: "Das ist eine sehr interessante Frage. Ich finde sie relativ anmaßend. Aber es steht Ihnen zu, wenn jemand 1:5 verliert, das zu tun. Ich habe die erste Halbzeit genauso gecoacht, wie ich immer coache. Aber wenn Sie diesen Eindruck haben, haben Sie das exklusiv für sich."

Streich: "Da müssen wir anders auftreten"

In einem anderen Punkt gibt es derweil keine zwei Meinungen. "Jetzt kommen die nächsten starken Gegner. Da müssen wir anders auftreten", fordert Streich mit Blick auf die schwierige Pokalaufgabe am Mittwoch (20.45 Uhr, LIVE! bei kicker) bei der TSG Hoffenheim und dem brisanten Duell mit Rivale und Abstiegskandidat Stuttgart am Samstag.

In dieser komplizierten Woche gilt es für den SC, seine grundsätzliche Stabilität aufs Neue zu beweisen und nach der besten Hinrunde unter Streich nicht noch weiter in ein ergebnis-, leistungs- und stimmungstechnisches Tief abzudriften. Es wird spannend zu sehen sein, welche personellen Konsequenzen der Trainer zieht, wann Schlotterbeck und Flekken wieder einsatzbereit sind und wie Streich an der Seitenlinie agiert.

Carsten Schröter-Lorenz

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