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Julian Gressel lebt den amerikanischen Traum: "Habe das Land zu meiner Heimat gemacht"

Nach Debüt für die US-Nationalmannschaft

Gressel im Interview: "Ich habe das Land zu meiner Heimat gemacht"

Julian Gressel spielt seit dieser Saison für die Vancouver Whitecaps in der MLS.

Julian Gressel spielt seit dieser Saison für die Vancouver Whitecaps in der MLS. IMAGO/USA TODAY Network

Herr Gressel, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Länderspiel-Debüt für die US-Nationalmannschaft. Wie ist die Gefühlslage im Hause Gressel zurzeit?

Es waren natürlich ein paar aufregende Wochen. Ich habe mich sehr über die Nominierung zur Nationalmannschaft gefreut und wir waren alle überglücklich und stolz. Die Zeit war richtig schön. 

Über 60 Minuten standen Sie gegen Serbien auf dem Rasen, dabei gaben Sie direkt Ihren ersten Assist. Gegen Kolumbien wurden Sie eingewechselt. Sind Sie zufrieden mit Ihren ersten Minuten gewesen?

Es war eine schwierige Situation für mich, weil ich seit Oktober kein Spiel mehr gemacht hatte (nach dem 38. Spieltag gegen Minnesota befand sich die MLS in der WM- und Winterpause Anm.d.Red.). Trotzdem fand ich es richtig gut, auch wie die ganze Woche verlaufen ist. Hoffentlich kommen in der Zukunft noch ein paar weitere Spiele dazu. Mir ist aber klar, dass ich für eine erneute Berufung auch in Vancouver weiter Gas geben muss.

Ich habe dieses Land zu meiner Heimat gemacht.

US-Nationalspieler Julian Gressel (29) über die Verbundenheit zu den USA

Ist es nicht ein komisches Gefühl, für eine Nation aufzulaufen, mit der man bis vor einigen Jahren noch kaum etwas zu tun hatte?

Komisch würde ich nicht sagen. Wenn ich für Deutschland auflaufen würde, wäre es glaube ich schon ein anderes Gefühl, weil es dann eben doch meine Heimat ist und die Verbundenheit zum Land vor allem durch meine Familie schon größer ist. Jetzt bin ich aber seit fast zehn Jahren in den USA und habe dieses Land zu meiner Heimat gemacht. Ich habe hier meine eigene Familie, meine Frau ist Amerikanerin, meine Tochter ist hier geboren. Aus diesem Grund war es also trotzdem ein richtig schönes, spezielles und auch emotionales Gefühl, das Trikot der USA zu tragen.

Julian Gressel, USA

Voller Einsatz für seine neue Heimat: Julian Gressel (#2) in seinem ersten Länderspiel gegen Serbien. IMAGO/ZUMA Wire

Stichwort USA: Wie kam es überhaupt dazu? 

Ich habe damals zwischen der zehnten und elften Klasse ein Austauschjahr in den USA gemacht, also so ein "gap year". Mir hat von Beginn an gleich alles gefallen. Nach dem Abitur in Deutschland habe ich dann auf Facebook eine Nachricht bekommen über eine Agentur, die eben Leute in die USA bringt. Ich war sofort interessiert und so nahm das Ganze seinen Lauf.

Welche Vorteile bringt der College-Fußball mit sich?

Am College kommt man als "Freshmen" (Erstsemester, Anm.d.Red.) in die Mannschaft und spielt mit Leuten zusammen, die schon drei Jahre da sind als "Seniors". Die nehmen dich dann mit und helfen dir. Das hat mir gut gefallen. Dazu kam noch, dass neben mir fünf weitere aus meinem Jahrgang da waren, mit denen ich mich sofort super verstanden habe. Es hat geholfen, direkt jemanden an seiner Seite zu haben, ohne rausgehen und sich nach neuen Freunden umschauen zu müssen. Über die Mannschaft hatte man diese Bezüge sofort. Die wollen ja auch, dass man gut Fußball spielt und helfen einem deshalb auch außerhalb des Platzes. Was ich in Deutschland auch nicht so kannte, war, dass man quasi mit seiner Mannschaft zusammenlebt. Man geht in den Unterricht zusammen und schläft in einem Zimmer. 

Ich habe mir oft gewünscht, dass es mehr Fußball gewesen wäre.

Julian Gressel (29) über die lange Saisonpause in den USA

Gibt’s auch Nachteile?

In den USA ist die Saison ja komplett komprimiert von August bis Dezember und nicht so lang wie in anderen Ländern. In den ersten Wochen hatten wir immer am Freitag und Sonntag unsere Spiele. Das ist schon hart und hat mir nicht so gut gefallen. Das hatte mit einer professionellen Art und Weise wenig zu tun. Inzwischen hat sich das zum Glück etwas verändert, aber das war damals eine schwere Umstellung. Vor allem, weil man quasi ein halbes Jahr nur trainiert, ohne wirklich wichtige Spiele zu haben. Da stand dann meist das "personal development" im Fokus, also die individuellen Fähigkeiten zu stärken, beispielsweise im Kraftraum. Ich habe mir oft gewünscht, dass es mehr Fußball gewesen wäre. (lacht)

Welche sportliche Entwicklung haben Sie auf dem College genommen?

Im Nachhinein haben mir diese langen Pausen richtig gut getan, um an meiner physischen Seite weiterzuarbeiten, viel individuell zu arbeiten, viel mit Trainern im Videobereich zu arbeiten. Daher hatte so eine lange Saisonpause also auch ihre Vorteile.

Ihre neue Heimat in Vancouver liegt rund zwölfeinhalb Flugstunden von Ihrem Geburtsort Neustadt/Aisch entfernt. Wie schwer war der Schritt damals?

Es war definitiv schwer am Anfang, das ist klar. Auch das Austauschjahr damals war richtig schwer. Man ist in jungen Jahren das erste Mal von zu Hause weg. Ich habe meine Eltern nicht mehr gesehen, habe bei einer Austauschfamilie gewohnt. Am College später wusste ich nicht wirklich, was mich erwartet. Die Sprache war natürlich eine Umstellung, plötzlich war alles auf Englisch. Da musste man sich auf jeden Fall umstellen und sich durch diese schwierige Phase durcharbeiten. Aber ich habe mir immer wieder gesagt: "Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass du nach einem Semester oder ein paar Wochen wieder heimgehst."

Wenn Sie die Zeit noch einmal zurückdrehen könnten, würden Sie wahrscheinlich alles noch einmal genauso machen. Kamen zu irgendeinem Zeitpunkt trotzdem auch mal Zweifel auf?

Wenn ich ehrlich bin, nee, Zweifel hatte ich eigentlich nie. (lacht) Ich habe mich natürlich gefreut, wenn ich meine Familie nach ein paar Monaten mal wieder sehen konnte. Kurz davor, nach Deutschland zurückzukehren, war ich aber nie wirklich.

Dass es dann so läuft, wie es jetzt gelaufen ist, hätte ich mir nicht erträumen können.

Julian Gressel (29) lässt seinen Aufstieg Revue passieren

Zu welchem Zeitpunkt haben Sie auf dem College gemerkt, dass Sie eine realistische Chance auf den MLS-Draft haben?

Also ich habe das am Anfang überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt. Ich bin in die USA gegangen, um Student zu sein und nebenbei auf einem etwas besseren Niveau Fußball zu spielen. Ich hatte dann ein ganz gutes erstes Jahr, ein richtig gutes zweites Jahr mit der Mannschaft und ich habe da eben auch einen riesengroßen Teil gespielt. Da habe ich dann gemerkt, dass es vielleicht was werden könnte, wenn ich noch ein paar Jahre so weiterspiele. Da habe ich den Draft auch erstmals zu einem Ziel gemacht für mich. Das dritte Jahr war dann leider überhaupt nichts, persönlich und auch mit der Mannschaft. Im senior year wusste ich dann, dass ich Gas geben muss, um noch eine Chance zu haben und hatte dann ein überragendes Jahr mit vielen Toren. Dass es dann so läuft, wie es jetzt gelaufen ist, hätte ich mir nicht erträumen können.

Ich war regelmäßig bei der SpVgg Greuther Fürth im Stadion. Da mal am Samstagnachmittag aufzulaufen, wäre schon ein großer Traum, der für mich in Erfüllung gehen würde.

Julian Gressel (29) über eine potenzielle Rückkehr nach Deutschland

Mit Ihrer Frau und Tochter haben Sie sich am anderen Ende des großen Teichs mittlerweile eine eigene Familie aufgebaut. Könnten Sie sich trotzdem sportlich oder auch nach Ihrer Karriere eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen?

Das ist schwierig. Der Gedanke ist natürlich immer da. Ich bin aufgewachsen in Deutschland, habe die Bundesliga jedes Wochenende geschaut und war ein riesiger Fan. Ich war regelmäßig bei der SpVgg Greuther Fürth im Stadion, als ich noch dort gespielt habe. Da mal am Samstagnachmittag aufzulaufen, wäre schon ein großer Traum, der für mich in Erfüllung gehen würde. Wie es dann am Ende meiner Karriere aussieht, weiß ich nicht. Ich mache dann wahrscheinlich den "Reverse-Effekt": Normalerweise gehen alle gestandenen Spieler aus Deutschland nach ihrer Karriere in die MLS und ich zum Ausklang meiner Karriere nochmal nach Deutschland (lacht). Der Gedanke ist immer mal wieder da, aber ich bin glücklich hier, meine Familie ist hier, wir fühlen uns wohl und können uns auch längerfristig hier sehen, auch nach der Karriere.

Welchen Rat würden Sie jungen deutschen Talenten geben, die mit dem Gedanken spielen, ein Fußballabenteuer in den USA zu starten?

Ich glaube, die Auswahl der Schule ist ziemlich wichtig. Ich hatte beispielsweise zwei Angebote, vom Providence College und der FIU (Florida International University Anm.d.Red) in Miami. Der erste Gedanke war damals: "Wow, Miami wäre natürlich schon cool" und es hätte bestimmt auch großen Spaß gemacht. Ob es am Ende dann aber genauso gekommen wäre wie jetzt, weiß ich eben nicht. Ich habe mich dann dazu entschieden, nach Providence zu gehen, weil einerseits die Schule nicht so groß war und der Umbruch dadurch für mich nicht so groß war. Das Zweite war, dass der Trainer mir viel mehr gezeigt hat, dass er mich gerne haben möchte und dass sie alles tun werden, um mir zu helfen. Da habe ich sofort ein richtig gutes Gefühl bekommen. Natürlich gibt es auch Prestige-Schulen, wo alles "sparkled" (glänzt, Anm.d.Red.) und richtig gut ausschaut. Aber gerade deswegen sollte man sich manchmal gegen so große Schulen entscheiden, weil sie einem persönlich einfach nicht so weiterhelfen können. Ansonsten kann ich vielen raten, dass man bei ersten Rückschlägen nicht sofort die Ausfahrt suchen sollte.  

Lukas Karakas

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