Bundesliga

Glasner muss schnell die richtigen Schlüsse ziehen

Kommentierende Analyse zur Lage in Frankfurt

Glasner muss schnell die richtigen Schlüsse ziehen

Oliver Glasner hat im Sommer das Traineramt bei Eintracht Frankfurt übernommen.

Oliver Glasner hat im Sommer das Traineramt bei Eintracht Frankfurt übernommen. imago images/Kessler-Sportfotografie

Als Glasner auf der obligatorischen Pressekonferenz nach dem Spiel die Nicht-Leistung seiner Mannschaft schonungslos analysierte und sich dabei auch selbst nicht von der Kritik ausnahm, wirkte er konsterniert und ratlos, beinahe ohnmächtig. "Vielleicht kippe ich mir heute einen hinter die Binde", sagte er mit Galgenhumor.

Die Erleichterung nach den Siegen in Antwerpen (1:0) und München (2:1) ist abermals einer großen Ernüchterung gewichen. Nach elf Pflichtspielen mit nur ebenjenen beiden Siegen gibt es viele Fragen und nur wenige Antworten. Klar ist allein die Momentaufnahme: Mit kümmerlichen acht Punkten aus acht Partien und nur zwei Zählern Vorsprung auf Rang 16 befindet sich die Eintracht aktuell im Abstiegskampf. Das kann in ein paar Wochen wieder anders aussehen - oder auch nicht. Zweifel an einer baldigen Besserung sind angebracht. Denn wenn selbst äußerst glückliche Erfolge wie in Antwerpen und München offenbar kein Selbstvertrauen verleihen und zu keiner Stabilisierung beitragen, wie sollen dann die dringend nötigen Fortschritte erzielt werden? Erschwert wird Glasners Arbeit dadurch, dass vor dem Hintergrund der vielen englischen Wochen und Länderspielabstellungen nur wenige normale Trainingseinheiten stattfinden können.

Phasenweise sah es so aus, als hätten sich die elf Mann zum allerersten Mal getroffen

Gegen Berlin stand keine Mannschaft auf dem Platz. Phasenweise sah es so aus, als hätten sich die elf Mann auf dem Rasen am Samstagnachmittag um 15.30 Uhr zum allerersten Mal in ihrem Leben getroffen. Hinten wirkten selbst erfahrene Kräfte wie Makoto Hasebe völlig verunsichert und fehleranfällig, im Mittelfeld gab es (wieder mal) keinen, der die Fäden in der Hand hielt, und vorne dilettierten die in der Bundesliga derzeit noch heillos überforderten Neuzugänge Sam Lammers, Jesper Lindström und Jens Petter Hauge.

Selbst an Grundtugenden mangelte es, von der ekligen Spielweise, die Frankfurt in den vergangenen Jahren über weite Strecken auszeichnete, war wenig bis nichts zu sehen. Wenn beispielsweise Lammers (50.) und Borré (87.) nach robusten, aber regelkonformen Zweikämpfen hinfallen und lamentieren oder Evan Ndicka wie vor dem 0:2 seinen Gegenspieler einfach laufen lässt, wirft das kein gutes Licht auf die Einstellung. Mehr Standhaftigkeit, Galligkeit und Wadenbeißermentalität sind ebenso gefragt wie taktische Disziplin.

Glasner muss nun schnell die richtigen Schlüsse ziehen und eine Elf finden, die Vertrauen spürt, sich einspielt und möglichst einfach zu erfüllende Aufgabenstellungen erhält. Alle Nase lang die Grundordnung zu ändern und die Startelf durchzumischen, kann bei einem offensichtlich verunsicherten Team nicht zum Erfolg führen. Der Österreicher sollte in den kommenden Wochen gerade in der Offensive auf bundesligaerfahrene Kräfte wie Goncalo Paciencia und Daichi Kamada setzen.

Diesen Spielern müssen auch schwächere Leistungen verziehen werden, denn sie haben bereits nachgewiesen, dass sie auf diesem Niveau mithalten können. Insbesondere Kamada muss sich vorkommen wie im falschen Film. Nach 15 Assists und fünf Toren in der vergangenen Saison wird ihm plötzlich Hauge vorgezogen, der bei der AC Mailand komplett durchgefallen ist und hinter dessen Bundesligatauglichkeit - zumindest derzeit - noch ein Fragezeichen steht. Mit derlei fragwürdigen Personalentscheidungen macht sich der Trainer angreifbar.

Bei den Transfers fällt das Urteil ernüchternd aus

Es wirft allerdings auch kein gutes Licht auf die Arbeit des neuen Sportvorstands Markus Krösche, wenn Paciencia im Sturm plötzlich der neue Hoffnungsträger ist. Der in der vergangenen Spielzeit erfolglos an Schalke verliehene Portugiese hatte im Sommer keine große Perspektive am Main, bei einem Wechselwunsch wären ihm keine Steine in den Weg gelegt worden. Aktuell dürfte er im sportlichen Vergleich mit Lammers und Co. jedoch die Nase vorne haben. Natürlich kann es sein, dass in einigen Monaten oder Jahren anders über den Transfersommer 2021 geurteilt wird, vielleicht liegen die Fans Lammers, Lindström, Hauge und Borré eines Tages zu Füßen. Bewertet werden kann aber nur das Hier und Jetzt, und da fällt das Urteil ernüchternd aus: Eine Verstärkung ist bislang keiner aus dem Offensiv-Quartett. Am ehesten ist noch Borré der Durchbruch zuzutrauen, doch auch der kolumbianische Nationalspieler steht erst bei einem Saisontor.

Sportvorstand Krösche, Vorstandssprecher Axel Hellmann und der Aufsichtsratsvorsitzende Philip Holzer ließen sich nach dem Schlusspfiff übrigens nicht im Presseraum blicken. Das ist per se zwar nicht ungewöhnlich, angesichts der äußerst schwachen Leistung und der denkwürdigen Pressekonferenz überraschte es aber, dass keiner kam, um dem Trainer nach dessen defätistischen Auftritt beizuspringen. Das passte in das schwache Bild, das die Eintracht am Samstag abgab. So entstand - wenn auch von den Verantwortlichen sicherlich ungewollt - der Eindruck, dass Glasner in der Öffentlichkeit ziemlich allein dasteht.

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