WM

Gibt es einen Heimvorteil? Wenn Gastgeber Weltmeister werden

Ein mahnendes Beispiel ist 20 Jahre her

Gibt es einen Heimvorteil? Wenn Gastgeber Weltmeister werden

Trauer und Frust: Portugal (li.) und Italien schieden 1966 und 2002 gegen Gastgeber aus - nicht unumstritten.

Trauer und Frust: Portugal (li.) und Italien schieden 1966 und 2002 gegen Gastgeber aus - nicht unumstritten. imago images (2)

Für Katar ist die WM schon jetzt ein Erfolg. Weil der Wüstenstaat sie ausrichten darf. Aufmerksamkeit, die auch dem sogenannten Sportswashing dient; Einnahmen, die nicht zu verachten sind. Schließlich hatte man einst ja offenbar das meiste Geld auf den Tisch gelegt, um den Zuschlag zu erhalten. Sportlich? Da wäre schon das Überstehen der Vorrunde eine Sensation.

Vor bald 100 Jahren, als 1930 die erste Weltmeisterschaft stattfand, hatte Gastgeber Uruguay das Turnier direkt gewonnen. Lag auch das am Geld? Eher an der Vergabe als solcher, weil damals nicht der höchste Preis, sondern die besten Leistungen belohnt worden waren - sogar mit Spenden von FIFA-Präsident Jules Rimet, weil der Ausrichter sämtliche Kosten noch selbst decken musste. Heimvorteil. Uruguay hatte 1924 und 1928 das Olympische Fußballturnier gewonnen, bekam die WM - und gewann auch sie.

Benito Mussolini machte sich seinen Heimvorteil vier Jahre später selbst, als Italiens Diktator dem schwedischen Schiedsrichter Ivan Eklind umschmeichelnd und sicherlich auch einschüchternd einen privaten Empfang bereitet hatte. Woraufhin Eklind im Halbfinale gegen die Reste von Österreichs "Wunderteam" doch eine recht verdächtige Performance darbot. Auch der zweite Gastgeber gewann sein Turnier.

Vorteil oder Nachteil? Brasilien scheitert doppelt

Nun war der Zuschlag für die Weltmeisterschaft auch in ihren Anfangsjahren noch nicht gleichbedeutend mit dem Titel, Frankreich 1938 und die Schweiz 1954 schieden als Fußballnationen der zweiten Reihe bereits im Viertelfinale aus. Und dass es auch einen Heimnachteil geben konnte, mussten 1950 die Brasilianer erfahren, die ihren Triumph vor lauter Euphorie und Siegessicherheit noch verspielten. Platz zwei ist unterm Zuckerhut nur der erste Verlierer. 2014 wurde es dann sogar noch schlimmer.

Die frenetische Unterstützung der Fans setzten 1958 die Schweden als Heimvorteil ein, was Titelverteidiger Deutschland im Halbfinale entscheidend aus dem Konzept brachte - heute wäre diese noch recht unschuldige Form von Anfeuerung und Anfeindung längst gewöhnlich. Die Skandinavier erreichten zumindest das Finale gegen Brasilien, das vier Jahre später im Halbfinale auch Gastgeber Chile eliminierte. Die Chilenen hatten sicherlich auch davon profitiert, dass die Spiele aller anderen Mannschaften kaum besucht worden waren - große WM-Euphorie war nach dem verheerenden Erdbeben von Valdivia ohnehin ein heikles Thema gewesen.

Portugal muss England nachreisen

Manchmal schaltete sich auch wieder die FIFA ein, die Englands Halbfinale 1966 mal eben aus Liverpool nach London verlegte, wo die "Three Lions" in Wembley bis dato alle Spiele bestritten hatten - Präsident Stanley Rous war Engländer. Gegner Portugal, der mit Eusebio in Evertons Goodison Park einige Fans gewonnen hatte, musste die spontanen Reisestrapazen zähneknirschend auf sich nehmen und schied aus. Auch das Wembley-Tor im Finale gegen Deutschland hinterließ einen bitteren Beigeschmack, wobei in England wahrscheinlich trotzdem das beste Team gewann.

Denn ausschlaggebend blieb meistens die Qualität. Bei den Mexikanern, obwohl die erbarmungslose Mittagsonne eigentlich zu ihren Gunsten strahlte, reichte sie 1970 nicht. Die BRD um Beckenbauer und Müller hingegen hatte 1974 lediglich den zeitigen Dämpfer durch die DDR und den Leichtsinn der Niederländer im Finale als Hilfestellung gebraucht. Und natürlich den unbespielbaren Frankfurter Platz in der "Wasserschlacht" gegen spielerisch stärkere Polen. Hm.

Argentinien gegen Peru

Stolpernde Peruaner: Argentiniens WM-Triumph 1978 haften bis heute Zweifel an. imago images

Jorge Videla kümmerte sich 1978 lieber wieder selbst - sagt man zumindest. Für den nötigen Kantersieg gegen eigentlich starke Peruaner in der Zwischenrunde (6:0) waren Argentiniens Militärdiktator neben deutlichen Drohungen in der Kabine angeblich auch Güterlieferungen nach Peru recht. Die Mannschaft wollte von diesen Mitteln nichts gewusst haben und hatte im Endspiel gegen die Niederlande schließlich Glück, dass Rob Rensenbrink in der Nachspielzeit aus wenigen Metern nur den Pfosten traf. Seither gewann nur noch ein Gastgeber den Titel.

Die Franzosen hatten sich 1998 sicherlich gewundert, wie harmlos ihnen das favorisierte Brasilien gegenübertrat, das sich nach der Ungewissheit um seinen Stürmerstar Ronaldo nicht einmal richtig hatte aufwärmen können. Trotz seines Krampfanfalles spielte das "Phänomen" im Finale schließlich doch - ohne wirklich zu spielen. Die Seleçao hatte dann sogar ihre Zuteilung bei Ecken über den Haufen geworfen, nach denen Zinedine Zidane zwei Kopfballtore zum Titel erzielte. Also eher Spielglück als Heimvorteil.

Sommermärchen in Italien und Deutschland

Anderen Nationen fehlte auch das - oder noch mehr. In Spanien waren die Real- und Barça-Stars zwar schon 1982 oft Legionäre, der Fußball der Einheimischen aber eher noch für seine Härte als für überlegene Spielkultur bekannt. WM-Aus in der Zwischenrunde. 1986 schafften es dann die Mexikaner - wie die Russen 2018 - wieder "nur" ins Viertelfinale, über das wohl auch der ursprünglich angedachte Gastgeber Kolumbien nicht hinausgekommen wäre. Fußballentwicklungsland USA unterlag 1994 ausgerechnet am 4. Juli bereits im Achtelfinale der Fußballindustriemacht Brasilien.

Natürlich kann so eine Heim-WM noch immer beflügeln, können euphorisierte Fans für ein wahres Sommermärchen sorgen. Doch sowohl die Italiener 1990 als auch die Deutschen 2006 verpassten das Finale knapp. Die FIFA hilft ja kaum noch, oder? Katar dürfte sich trotz einer relativ machbaren Gruppe eher bei Südafrika (2010, Gruppenphase) oder Japan (2002, Achtelfinale) einreihen, die schon früh im Turnier keine Rolle mehr spielten. Doch Japans Co-Ausrichter Südkorea schaffte es vor 20 Jahren höchst umstritten sogar bis ins Halbfinale - derlei Schiedsrichter-Skandale in Katar würden dem Ganzen die Krone aufsetzen.

Niklas Baumgart

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