U 21

U 21: Hermann Gerland über die Strukturen in der Ausbildung

Trainer-Routinier redet Tacheles

Gerland über die Strukturen in der Ausbildung: "Das ist ein Unding!"

Hatte Redebedarf: Hermann Gerland (re.).

Hatte Redebedarf: Hermann Gerland (re.). Getty Images

Hermann Gerland (67) über …

…das 0:4 gegen Polen: "Wir haben Qualitäten, die sind zweifellos vorhanden, aber die müssen wir auch in den wichtigen Spielen abrufen, das haben wir gegen Polen nicht gekonnt. Aber solche Spiele passieren. Jeder weiß, dass viel passieren und auch daneben gehen kann in einem Spiel. Der Gegner war natürlich sehr effektiv, dreimal geschossen, drei Tore. Aber mit nur zehn Mann haben wir danach eigentlich passabel gespielt.

Wir haben in der Abwehr Schnitzer gemacht, aber auch vor dem gegnerischen Tor. Ich habe auch gesehen, dass wir uns Torchancen erarbeitet haben, nicht so viele und so klare, ich habe aber auch gesehen, dass wir die vergeben haben. Man spricht natürlich die Fehler klar an. Aus negativen Erlebnissen lernt man mehr als aus positiven. Ich gehe davon aus, dass wir gelernt haben und das so nicht wieder passiert."

Die Lage in der Qualifikation zur U-21-EM: "Es ist spannender geworden. Bei einem Sieg hätten wir nur noch einen Konkurrenten gehabt, die Israelis. Aber jetzt sind alle wieder dabei. Das haben wir aber nicht extra gemacht, wir wollten schon gewinnen. Aber wir wollten schön spielen und gewinnen. Das ist uns nicht gelungen."

Cheftrainer Antonio Di Salvo: "Ich kenne ihn schon sehr lange, weil ich ihn schon als Spieler gekannt habe und ihn in einem Spiel auch als Trainer hatte. Er ist der Chef und ich versuche, ihm behilflich zu sein."

Ausbildung der Nachwuchsspieler: "Ich denke, dass wir da an verschiedenen Stellschrauben drehen müssen. Wir müssen sehr früh das Eins-gegen-eins und Zweikämpfe schulen, wir müssen den Ball in den Vordergrund stellen. Wir müssen ein Training gestalten, das den Kindern Spaß macht und sie sich darauf freuen. Das ist die Aufgabe im Nachwuchs."

Belastung: "Im Kindesalter müssen wir ran. Mit kleinen Spielformen, drei gegen drei, damit die Kinder viele Ballkontakte haben. Wir haben früher als Kinder in den Ferien acht Stunden gespielt. Als ich beim FC Bayern anfing, haben wir gerade in den Ferien zweimal am Tag trainiert. Da war keiner verletzt. Heute hört man nichts mehr von Adaption und Superkompensation, heute höre ich nur noch von Systemen und von Belastungssteuerung. Die gab es damals nicht. Übung macht den Meister, das war vor 50 Jahren so, ist heute so und in 50 Jahren auch noch."

Strukturprobleme: "Wenn man in den Akademien mal kontrolliert, etwa die U 19 des FC Bayern hat 29 Spieler im Kader. Das heißt: Wechselt der Trainer nicht aus und alle sind gesund, schauen 18 zu. Das ist ein Unding! Die jungen Leute müssen Fußballspielen. Auch im Training. Immer spielen."

Eins-gegen-eins: "Wenn ich sehe, wie stark wir früher in der Abwehr waren, heute arbeiten wir immer im Verbund. Trotzdem ist es deutlich besser, wenn ein Spieler eine Lösung im Eins-gegen-eins hat. Auch in der Offensive. Wir müssen den Spielern beibringen zu dribbeln, aber wenn ich nur immer fordere, pass, pass, pass und jedes Spiel nur mit zwei Kontakten mache, dann kann ich keinen Dribbler entwickeln.

Wenn ich denen helfen will, muss ich sagen: dribbel, dribbel, dribbel! Und wenn er den Ball verliert, gleich noch mal. Dann können sie mit 19 auch dribbeln. Aber wenn sie bis 17 nur gepasst haben, können sie mit 19 nicht dribbeln. Und: Im Nachwuchsbereich steht die Ausbildung der Spieler im Vordergrund und nicht der Erfolg der Mannschaft."

Taktik: "Früher haben wir elf gegen elf gespielt, heute spielen wir 3-4-3, 4-4-2, 4-1-4-1, 5-4-1 und noch zwei, drei andere Systeme. Im Nachwuchsbereich müssen wir die Inhalte anders gestalten."

Seine Motivation: "Mir macht es einfach Spaß, jungen Menschen etwas beizubringen. Und wenn ein Spieler hinterher kundtut, dass er was gelernt hat, ist das für mich etwas ganz Schönes. Ich habe dem Fußball so viel zu verdanken, deswegen will ich mein Wissen nicht einfach wegwerfen, sondern es mitteilen und weitergeben."

Aufgezeichnet von Michael Pfeifer