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Gericht: Zwanziger darf Katar "Krebsgeschwür" nennen

Ex-DFB-Boss feiert Teilerfolg und kündigt neue Klage an

Gericht: Zwanziger darf Katar "Krebsgeschwür" nennen

Ein Bild, das man in den kommenden Wochen noch häufiger sehen wird: Dr. Theo Zwanziger im Gerichtssaal.

Ein Bild, das man in den kommenden Wochen noch häufiger sehen wird: Dr. Theo Zwanziger im Gerichtssaal. picture alliance

Zwanziger habe eine Diskussion über die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar anstoßen wollen, stellte die Kammer unter Vorsitz von Richter Joachim Matz in der mündlichen Verhandlung am Dienstag in ihrer juristischen Einordnung fest. Zwanzigers Äußerung in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk vom 2. Juni 2015 sei "unter dem Gesichtspunkt der freien Meinungsäußerung noch gerechtfertigt".

Die Meinungsfreiheit sei höher einzustufen als der "Ehrschutz" des katarischen Fußball-Verbandes QFA, der auf Unterlassung geklagt hatte. Zwanziger, der persönlich im Raum 1.120 des Landgerichts erschien, hatte argumentiert, sich nicht persönlich gegen eine Gruppe geäußert, sondern ein System kritisiert zu haben.

Emotionaler Schlagabtausch

In den Stellungnahmen beider Parteien - die QFA wurde vom CSU-Politiker Dr. Peter Gauweiler vertreten - entspann sich ein Schlagabtausch der Schwergewichte, Zwanziger wurde emotional. Gauweiler erhob den Vorwurf, der Beklagte habe ehrabschneiderisch und hetzerisch gehandelt - mit einer persönlichen Motivation: Er rufe "Haltet den Dieb!", sei aber selbst nah an einer Struktur gewesen, die "den Stecken voller Dreck" habe. Fortan wurden Sticheleien über Zwanzigers Rolle in der WM-Affäre ausgetauscht - ein Thema, welches das Gericht vorab ausdrücklich ausgeklammert hatte.

"Die Einbeziehung der WM 2006 ist absolut falsch!", sagte Zwanziger in Richtung Gauweiler und wurde lauter: "Da werden Verunglimpfungen vorgenommen, ohne den Sachverhalt zu kennen. Einige ihrer Behauptungen sind unterirdisch!" Gauweiler hatte die Aussage Zwanzigers, er habe erst 2012 vom Ausmaß der Verfehlungen in der WM-Affäre erfahren, als "Geständnis" gewertet, "dass er seitdem über alles detailliert Bescheid wusste". Dies sollte die Ansicht der QFA untermauern, Zwanziger werfe im Glashaus mit Steinen.

Gauweiler bringt Gericht ins Grübeln - Zwanziger-Spitze Richtung Netzer

Peter Gauweiler

Vertrat in Düsseldorf die katarischen Fußballverband: Dr. Peter Gauweiler. picture alliance

Gauweiler brachte das Gericht zudem ins Grübeln, als er auf Zwanzigers Aussage einging, mit Katar habe "alles begonnen". Dies sei eine bewusst unwahre Tatsachenbehauptung. Zwanziger habe angesichts der verdächtigen WM-Vergabe 2006 "eigene Spuren verwischen wollen". Der Vorsitzende Richter Matz daraufhin: "Das Argument ist gut, wir denken noch mal darüber nach." Nach SID-Informationen wird Gauweiler das Urteil im Falle eines negativen Ausgangs anfechten und durch die Instanzen gehen.

Zwanziger gab sich nach der Verhandlung siegessicher - und schickte noch eine Spitze Richtung Günter Netzer, dessen Klage gegen den 70-Jährigen in acht Tagen in Köln verhandelt wird. "Da ich immer die Wahrheit gesagt habe, habe ich auch da keine Angst", betonte Zwanziger: "Bis zum Termin wird noch einiges passiert sein, da können sie sicher ein." Netzer will Zwanziger vor Gericht die Behauptung verbieten lassen, er habe dem früheren DFB-Präsidenten 2012 in Zürich von einem Stimmenkauf für die WM 2006 berichtet.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen Zwanziger zudem wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall. Der pensionierte Richter wird in den kommenden Monaten also noch einige Male vor Gericht erscheinen müssen - oder wollen.

Zwanziger kündigt Klage gegen ARD an - Sender gibt sich gelassen

In Düsseldorf kündigte er nämlich noch eine Klage gegen die ARD an. Der 70-Jährige sieht sich durch eine vermeintlich falsche Tatsachenbehauptung in der "Tagesschau" geschädigt. "Sie glauben doch nicht, dass ich mir gefallen lasse, dass vor sechs Millionen Zuschauern behauptet wird, ich hätte den Aufsichtsrat des WM-OK 2006 getäuscht", sagte Zwanziger am Dienstag. Der ARD-Bericht werde "ein Nachspiel" haben: "Sie haben Vermutungen in den Rang einer Tatsache erhoben. Daran müssen sie sich messen lassen." Bislang sind noch keine juristischen Schritte eingeleitet worden.

Bei der ARD sieht man der Klage-Ankündigung gelassen entgegen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Klage von Erfolg gekrönt wäre. Ich würde Herrn Zwanziger raten, nicht alles um sich herum zu verklagen", sagte Sportchef Axel Balkausky dem SID. "Unsere Texte sind alle abgenommen, wir arbeiten journalistisch sehr sorgfältig."

dpa/sid