Regionalliga

Gegen alle Widerstände: Wie dem BVB II der Drittliga-Aufstieg gelang

Regionalliga-Titel steht jetzt endgültig fest

Gegen alle Widerstände: Wie dem BVB II der Drittliga-Aufstieg gelang

Großer Jubel: Borussia Dortmund II hat den Aufstieg realisiert.

Großer Jubel: Borussia Dortmund II hat den Aufstieg realisiert. imago images

Sie mochten einfach nicht mehr warten. Obwohl wegen mehrerer Einsprüche noch die Schale fehlte, wurde in Dortmund-Brackel bereits am vergangenen Samstag bis spät in die Nacht gejauchzt und getrunken - erst gemeinsam mit den Fans, dann im internen Kreis. Auf dem Trainingsgelände bejubelte Borussia Dortmunds U 23 die (zu diesem Zeitpunkt unbeglaubigte) Regionalliga-Meisterschaft. Und darf sich nun, wenige Tage später, bestätigt fühlen. Auch Bergisch Gladbach verzichtete auf eine Berufung, somit wurde der BVB-Aufstieg offiziell.

Gegen alle Widerstände kam die Borussia zu diesem Erfolg. Sie überstand nicht nur diese - unter anderem - von Aufstiegskonkurrent Rot-Weiss Essen angeregte Überprüfung und zeigte sich vom dadurch entfachten Trubel weitgehend unbeeindruckt. Nein, jene Nehmerqualität zeigte sie in vielfacher Ausprägung auch zuvor. Allein die finale Saisonphase geriet zur hochkomplexen Angelegenheit: Mehrere positive Corona-Tests führten zu einer Großteil-Quarantäne, knapp vier Wochen Zwangspause und einem arg gedrängten Schlussprogramm mit fünf Partien in 13 Tagen. Doch Dortmund schleppte sich ins Ziel.

Drei Siege sammelte der BVB in diesem anspruchsvollen Endspurt, krönte sich so zum verdienten Meister wie Drittliga-Aufsteiger. 93 Punkte aus 40 Spielen und lediglich eine Niederlage zeugen davon - diese U 23, trainiert von Enrico Maaßen und federführend zusammengestellt von Manager Ingo Preuß, war die stabilste, zugleich unberechenbarste Auswahl der diesjährigen West-Staffel. Besser noch als Essens Traditionsklub, der es auf 90 Punkte brachte.

Eine Frontmänner-Riege als Basis

Widerstandskraft, Nervenstärke, Aggressivität im Infight und Kreativität im eigenen Ballbesitz - diese Zuschreibungen verdiente sich die Borussia allesamt in dieser langen und komplizierten Saison, in der sie keine einzige nennenswerte Schwächephase durchlief und sich darum gegen Essen erwehren konnte. Die Zusammensetzung des BVB II passte: hier die hochbefähigten Einzel-Könner, da die ohne Unterlass funktionierende Achse.

Enrico Maaßen

Engagiert an der Seitenlinie: Aufstiegstrainer Enrico Maaßen. imago images

Bestehend aus dem 31-jährigen Routinier Niklas Dams, Sechser Franz Pfanne und Kapitän Steffen Tigges bildete sie die Basis. 2019/20 kamen die Dortmunder ohne eine solche Frontmänner-Riege nur heftig schlingernd durch die Liga und nahmen den neunten Rang ein. Diesmal dominierte der BVB, weil er schnell an Selbstsicherheit gewann - und Stabilität sowie spielerische Qualität zu vereinen wusste. Der Strategiewechsel auf dem Spielermarkt war dafür ursächlich. Und Trainer Maaßen.

Der erwärmte Kaderplaner Preuß einerseits für den eminent wichtigen Transfer von Abräumer Pfanne. Und verstand es andererseits mit seinem Assistenzteam um Pascal Bieler, Sebastian Block und Thomas Feldhoff, diese völlig neu zusammengestellte Mannschaft zusammenzuführen. Alljährlich wird das U-23-Personal ganz grundlegend verändert - diesmal gelang es der Borussia, in kürzester Zeit zur oftmals zitierten Einheit zu verwachsen.

Das heißt nicht, dass es in diesem Kader nie zu Reibungen kam. Erfolgscoach Maaßen, der seinen Vertrag inzwischen vorzeitig um zwei Jahre bis 2024 verlängert hat, musste ab und an durchaus beherzt zupacken. Etwa, als Alaa Bakir oder Ansgar Knauff ihre schlechte Laune etwas zu offensichtlich nach außen trugen - da kassierten sie klar verständliche Ansagen von ihrem Chef. In Gänze allerdings blieb diese Truppe immer zusammen und konnte sich auf gleich mehrere Leistungsträger verlassen.

Tigges' Profi-Berufung wird als Auszeichnung gewertet

Auf Taylan Duman (ab Sommer beim 1. FC Nürnberg), auf Luca Unbehaun, Lennard Maloney, Dams, Pfanne, Bakir, Tobias Raschl, Richmond Tachie oder Angreifer Tigges. Der 22-Jährige, im Sommer 2019 vom VfL Osnabrück ins Ruhrgebiet gewechselt und bei der Borussia erstmals in seiner Karriere permanent als Mittelstürmer gefragt, kommt nach 35 Ligapartien auf 37 Scorerpunkte (22 Tore). Vor dem Tor ist er präziser als im Vorjahr, zudem stärker im Luftkampf - und defensiv so selbstlos wie zuvor.

Dass Tigges kurz vor Weihnachten im DFB-Pokal bei Eintracht Braunschweig (2:0) sein Profi-Debüt feiern durfte, anschließend einen neuen Arbeitsvertrag erhielt und weitere Einsatzminuten in der Elite-Mannschaft des BVB sammelte, werten sie in der U-23-Abteilung zu Recht als Auszeichnung für ihre sehr gute, zielführende Arbeit - und als einen Beweis für die verbesserte Zusammenarbeit zwischen Bundesliga-Team und Unterbau.

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Youngster Knauff ist ein weiteres Positiv-Beispiel. Von der U 19 wurde er im vergangenen Sommer in die U 23 befördert, sollte sich in der Regionalliga mit erfahrenen Senioren messen. Der 19-jährige Außenstürmer zeigte sich dort, qualifizierte sich damit für sieben Profi-Einsätze. Und diente, wenn es denn terminlich passte, nach wie vor der U 23 - als gefährlicher Tiefensprinter, der stehenden Spielen Tempo geben kann.

Jene Fähigkeit zeigte er regelmäßig in Liga vier. Dass sein Rückwärtsgang ab und an doch erheblich klemmte und seine Körpersprache bisweilen grenzwertig war, fiel dadurch nicht allzu stark ins Gewicht. Meist erfüllte Knauff seinen Job - in manchen Szenen sogar mit Sternchen, wenn er seine gefährlichen Sprints startete, zu feinen Dribblings ansetzte oder das anspruchsvolle Kurzpassprogramm präsentierte. Maaßen sprang dann oftmals ekstatisch auf und ab.

Maaßen holte schon vergangene Saison die Meisterschaft

Der 37-jährige Fußballlehrer wäre im vergangenen Sommer fast bei Rot-Weiss Essen gelandet, entschied sich dann allerdings doch für die Borussia. 2020 hatte er sich schon mit dem SV Rödinghausen die Zulassung für die 3. Liga erspielt. Nach gewonnener Meisterschaft in der West-Staffel verblieb der Dorfklub indes in der Regionalliga - die nötige Lizenz für die dritte Profi-Klasse mochte er nicht beantragen.

Maaßen, enttäuscht ob dieser Entscheidung, zog weiter zur Borussia. Die freute sich über einen dynamischen, empathischen und zweifelsfrei hochtalentierten Trainer, der schon früher in den Profi-Fußball hätte wechseln können. Doch Maaßen, als Spieler bis in die Regionalliga vorgestoßen, will organisch wachsen, nichts überstürzen. Seinen Traum vom Fußball-Gelehrten lebt er bereits. Nach und nach soll es weiter nach oben gehen.

Nicht jeder ist der Mannschaft wohlgesinnt

Den BVB II lässt Maaßen meist im 3-4-1-2 auflaufen - das Zentrum verdichtet er, will, dass sein Team früh und aggressiv anläuft. Und im eigenen Ballbesitz mal überfallartig, mal gemächlich und lockend attackiert. Die imposante Torbilanz - 94:31 in 40 Spielen - legt dar, wie gut seine Dortmunder Belegschaft 2020/21 verstanden hatte und funktionierte. Trotz vieler Personalausfälle; trotz mehrerer Spielpausen, die wegen positiver Corona-Tests verordnet wurden; und trotz einiger Störmanöver, die die Borussia von extern registrierte.

Ansgar Knauff

Machte auch bei den Profis schon auf sich aufmerksam: Ansgar Knauff. imago images

Wohlgesinnt, das zeigte sich nicht zuletzt rund um die Einsprüche, sind ihr schließlich nicht alle Regionalliga-Klubs. Es ist die ewige, reichlich emotional geführte U-23-Debatte, die in dieser Spielzeit wieder verstärkt aufkeimte, weil der BVB II vorneweg rannte - und feststeckende Traditionsklubs wie Rot-Weiss Essen oder Rot-Weiß Oberhausen nicht oder nur bedingt hinterherkamen. Vor allem das provozierte wohl den ganzen Frust, den die Borussia um Maaßen und Preuß abbekam. Beide Verantwortlichen ballten ein ums andere Mal die Faust in der Tasche - und führten ihre Arbeit dann in aller Ruhe fort.

"Ein großer, großer Wunsch" hat sich erfüllt

Gewiss strebte Borussia Dortmund nach diesem Aufstieg. Die Maaßen-Verpflichtung war das erste Indiz, die leichte Anpassung der Kaderstruktur das zweite. Regionalliga-Mittelmaß stellte niemanden zufrieden - das bestätigten die Oberen Michael Zorc und Sebastian Kehl noch in diesem März. Praxis in der 3. Liga, sagten sie sinngemäß, sei äußerst hilfreich, um die Versetzung in den Spitzenbereich zu schaffen. Übermäßig allerdings, also mit massivem Profi- oder Finanz-Einsatz, sei der Gewinn der Meisterschaft nicht forciert worden - so sehen sie es in Dortmund und lassen die U-23-Diskussion Diskussion sein. Seit Monaten.

Sechs Jahre am Stück wiederum balgten sich die Borussen jetzt in der Regionalliga, in diesem Sommer geht es zurück in Liga drei. Dass dies unter seiner Ägide noch mal gelinge, betonte U-23-Manager Preuß in einem kicker-Gespräch 2019, sei "ein großer, großer Wunsch". Gegen alle Widerstände ist der nun Wirklichkeit. Und Preuß wie Maaßen widmen sich der Herausforderung, den BVB II vollauf konkurrenzfähig für den Profifußball zu machen. Erneut gilt es, einen großen personellen Umbruch zu moderieren. Am 23. Juni wird die neue Dortmunder Mannschaft erstmals auf dem Trainingsplatz erwartet.

Leon Elspaß