Europa League

Untypisch: Union Berlin bringt sich selbst um den Lohn

Überraschend viele individuelle Patzer

Gar nicht Union-like: Eiserne bringen sich selbst um den Lohn

Teil einer ausnahmsweise instabilen Defensive: Unions Kapitän der Schlussphase, Rani Khedira.

Teil einer ausnahmsweise instabilen Defensive: Unions Kapitän der Schlussphase, Rani Khedira. IMAGO/Matthias Koch

Eigentlich ist der 1. FC Union Berlin dafür bekannt, nur selten aus seinem taktischen Korsett auszubrechen. In der Regel leistet sich die Mannschaft von Trainer Urs Fischer nur wenige leichte Fehler. Sie ist auf der anderen Seite aber auch nicht unbedingt dafür gefürchtet, sich haufenweise Chancen zu erspielen und den Gegner in der eigenen Hälfte einzukesseln.

Beim in dieser Saison dritten Aufeinandertreffen mit Union Saint-Gilloise gestaltete sich jedoch alles anders. Im Aufbauspiel und im Rückzugsverhalten verbuchten die Köpenicker einige individuelle Schnitzer, die der Gegner eiskalt bestrafte. Aber in der Offensive brannten die Hausherren im Vergleich zu den vorherigen Spielen ein wahres Feuerwerk ab. Zumindest auf die Anzahl der eigenen Möglichkeiten betrachtet.

Du darfst den Gegner so nicht einladen.

Urs Fischer

Das wilde 3:3 im Hinspiel des Europa-League-Achtelfinals war ganz und gar nicht Union-like. Was überwiegt danach? Der Stolz über die Moral der Mannschaft, die drei Mal einen Rückstand wettmachen konnte? Oder doch der Frust über den verpassten Sieg? "Es ist irgendwas dazwischen", urteilte Fischer. Kapitän Christopher Trimmel entgegnete: "Wenn du die Fehler wegnimmst, war das kein schlechtes Spiel. Aber in der Summe war das dann einfach zu viel. Aber die Fehler machst du lieber in einer Partie als in den nächsten vier bis fünf."

Zumal sich Union solche Schnitzer nicht erlauben darf - gerade in der K.-o.-Phase eines europäischen Wettbewerbs. "Du darfst den Gegner so nicht einladen", polterte Fischer, der aber auf der anderen Seite mit der Offensivleistung recht zufrieden war: "Die Mannschaft hat versucht, spielerische Lösungen zu finden. Mal ging es auch über den langen Ball. Da haben wir eine gute Mischung gefunden."

Unions Kardinalproblem: zu wenig Eins-gegen-eins, zu wenig Risiko

Und dennoch langte es nicht zu einem Sieg, weil sich die Gastgeber aufgrund der hohen Fehlerquote selbst um den Lohn gebracht haben. So konnte man sich im Heimspiel keinen Vorteil erarbeiten, die stehen die Chancen auf ein Weiterkommen immer noch bei 50:50. Beim Rückspiel in Brüssel müssen die Berliner konzentrierter zu Werke gehen und ihre Möglichkeiten effektiver nutzen. Denn so viele wie nun An der Alten Försterei werden sie im Lotto-Park zu Anderlecht bestimmt nicht bekommen.

"Man muss kreativ sein oder auch mal den Mut haben anzudribbeln. Das muss man provozieren, damit der Gegner sich locken lässt und sich dadurch Räume vorfinden", beschrieb Trimmel eine mögliche Herangehensweise. Das Kardinalproblem besteht allerdings darin, dass sich die meisten Akteure im Kader im letzten Drittel noch zu wenig zutrauen. Nur selten geht ein Unioner mal ins Eins-gegen-eins oder wagt einen tiefen, riskanten Pass hinter die Kette. Auch weil gegen die Belgier die Tiefenläufe eher rar gesät waren.

Haberer und Jordan außer Form

Das hängt auch damit zusammen, dass solche Spielertypen im Kader von Union kaum vorhanden sind. Aissa Laidouni ist solch einer. Doch der Winterneuzugang, der in den vergangenen eher schwankenden Partien noch mit am auffälligsten war, saß gegen Saint-Gilles zunächst nur auf der Bank. Eine Begründung dafür wollte Fischer auf Nachfrage nicht wirklich liefern. "Weil sich der Trainer für Thorsby entschieden hat", so der Coach kurz und knapp. Was auch zeigt: dass der momentan eher formschwache Janik Haberer gar nicht zur Disposition steht.

Mit seiner Einwechslung war Laidouni allerdings ein belebendes Element. Genauso wie Sven Michel, der Torschütze zum 3:3, und Jamie Leweling. Ab der 75. Minute stellte Union auf ein 5-2-3 um, wobei die beiden Letztgenannten die Flügel bekleideten. Ein Systemwechsel, der durchaus Sinn ergab und Früchte trug. Eher weniger auffallend war dagegen der indisponierte Jordan, der aktuell als Joker nicht wirklich zündet.

Genau wie bei Sheraldo Becker bedarf es beim bulligen Stürmer eines Erfolgserlebnisses in Form eines Treffers. Vielleicht ja schon im so wichtigen Rückspiel am Donnerstag. Es könnte eine Begegnung werden, die dann doch wieder Union-typisch ist. Und prächtige Erinnerungen haben die Eisernen schließlich an die Reise nach Belgien …

Jannis Klimburg

Thumbnail EL FCU

Union zwischen Stolz und Frust: "Die Chancen stehen gut"

alle Videos in der Übersicht