Bundesliga

Wie der SC Freiburg mit der vergebenen Titelchance umgeht

Großer Sportsgeist nach der Finalniederlage - überwältigt vom Auftritt der Fans

Ganz nah dran: Wie Freiburg mit der vergebenen Titelchance umgeht

Als Verlierer ein echter Sportsmann: Freiburgs Trainer Christian Streich.

Als Verlierer ein echter Sportsmann: Freiburgs Trainer Christian Streich. Getty Images

Zunächst einmal ist es eine schwierige Aufgabe für den SC Freiburg, im DFB-Pokal ein Saisonziel zu definieren: Man kann aus diesem Wettbewerb schließlich nicht absteigen. In der Bundesliga ist der Klassenverbleib nach wie vor die einzige offizielle Vorgabe. Diese haben die Breisgauer mit der Qualifikation für die Europa League dieses Jahr weit übertroffen und mal wieder wirtschaftlich deutlich potentere Konkurrenten hinter sich gelassen.

Platz 8, Platz 10, Platz 6 - die jüngsten drei Platzierungen zeigen: Freiburg gehört nicht mehr zu den Außenseitern. Durch sehr gute Arbeit hat der Sport-Club seine finanzielle Substanz und die sportlichen Ansprüche so erhöht, dass ein einstelliger Tabellenplatz realistisch ist. Andere Mittelstandsklubs blasen mangels Perspektive auf die Meisterschaft gerne mal zur Attacke auf die zweite deutsche Trophäe. Nachvollziehbar, man will ja als Leistungssportler was gewinnen.

Die SC-Verantwortlichen allerdings kämen nie auf die Idee, den goldenen Pott als Ziel auszurufen. Christian Streich hat zwar schon oft seine Faszination für diesen K.-o.-Wettstreit mit Amateurvertretern im Teilnehmerfeld zum Ausdruck gebracht, musste in seiner mehr als zehnjährigen Amtszeit als Chefcoach neben dem Halbfinalauftritt 2013 (1:2 in Stuttgart) aber auch schon fünfmal nach der 2. Runde Adieu sagen.

Unverhofft auf dem Silbertablett

Andererseits lässt sich das Motto "Drinbleiben" aus der Liga auch auf den Cup-Wettbewerb übertragen. Diese Saison ist der südbadische Bundesligist bis zum Ende dringeblieben, erreichte erstmals das Finale. Und dann wurde der goldene Pokal den Freiburgern am Samstagabend im Berliner Olympiastadion auch noch unverhofft auf dem Silbertablett serviert. 1:0-Führung plus Überzahl nach 57 Minuten gegen den großen Favoriten RB Leipzig. Einen regelmäßigen Champions-League-Teilnehmer, der mit deutlich über 300 Millionen Euro pro Jahr dreimal so viel Geld umsetzt wie der SC. Allein: Der Zugriff auf den ersten großen Titel der Klubhistorie misslang. Auf bittere Art und Weise.

Ermedin Demirovic donnerte den vierten Freiburger Elfmeter an die Latte. Es war der vierte Aluminiumtreffer des Streich-Teams seit Beginn der Verlängerung, der Leipzig zum Pokalsieger krönte und die SC-Akteure zunächst ins Bodenlose stürzen ließ. "Kopf und Tank sind leer", räumte Vincenzo Grifo bald nach Spielende ein. Der etatmäßige Strafstoßschütze war für den fünften Versuch eingeteilt - und kam nicht zum Zug, weil bereits Kapitän Christian Günter als zweiter Schütze übers Tor geschossen hatte.

Elfmeterschützen verwunderten - Streich: "Daran lag es nicht"

"Grundsätzlich war alles schon vorher besprochen, wer schießt und wer auf keinen Fall schießt. Kurzfristig haben wir nochmal gefragt, wie es aussieht. Aber auch die Reihenfolge hatten wir schon, damit wir keine Hektik haben. Das war gut, daran lag es nicht, dass wir das Elfmeterschießen verloren haben", erklärte Streich zur Auswahl der Schützen, die zumindest verwunderte. Neben Nils Petersen und Günter traten in Person von Demirovic und Keven Schlotterbeck, der wie Petersen verwandelte, zwei Finaljoker an, die eine eher unglückliche Saison hinter sich hatten.

Während Shootingstar Nico Schlotterbeck, der seine starke Saison mit einer wahren Finalgala abrundete, zugab, "nicht die Eier" für den Shootout gehabt zu haben, waren auch erfahrene Profis wie Nicolas Höfler, Janik Haberer und Jonathan Schmid nicht unter den ersten Fünf. Schmid etwa hat unter den aktuellen Bundesliga-Profis nach wie vor mit acht Treffern die meisten Freistöße direkt verwandelt, seine exzellente Schusstechnik also schon oft unter Beweis gestellt.

"Deshalb rennt die ganze Welt ins Stadion"

Ob es mit anderen Schützen besser gelaufen wäre? Ein naheliegender Gedanke, aber vor allem für die SC-Akteure im Nachhinein eine müßige Spekulation. "Wir hätten Außergewöhnliches schaffen können, wir waren nah dran. Es tut weh", sagte Grifo und zeigte sinnbildlich für Freiburger Protagonisten wie Fans Größe in der Niederlage: "Im Fußball gewinnt man und muss auch akzeptieren, wenn man verliert." Streich meinte mit Blick auf den dramatischen Spielverlauf: "Deshalb rennt die ganze Welt ins Stadion und schaut sich Fußball an. Fußball ist unberechenbarer als andere Sportarten, es ist das Spiel der Welt."

"Wahnsinn, was mit dem SC Freiburg in den vergangenen Jahren passiert ist"

Demirovics Lattenknaller empfand Streich als "symptomatisch für den Abend" und erklärte: "Wir haben dreimal diese Saison gegen Leipzig gespielt und dreimal nicht verloren. Ich kann nicht mehr von dieser Mannschaft verlangen", betont der 56-Jährige mit Blick auf die Ligaduelle, die ebenso 1:1 endeten. "Die Mannschaft hat eine wahnsinnig tolle Saison gespielt. Ich habe den Jungs auch gesagt, dass sie keine Angst haben müssen, wenn sie solche Erlebnisse haben. Dann habe ich ihnen gratuliert. Wahnsinn, was mit dem SC Freiburg in den vergangenen Jahren passiert ist", erzählte Streich und bezog das nicht nur auf sportliche Errungenschaften.

So nah dran, aber doch ohne Titel: Trainer Christian Streich

So nah dran, aber doch ohne Titel: Trainer Christian Streich. IMAGO/camera4+

"Es war toll, was hier mit den Leuten abgegangen ist"

Tief beeindruckt hat ihn der sympathische und im Stadion eindrucksvoll wuchtige Auftritt der Freiburger Fans am Wochenende. Nach Spielende wandelte er mehrere Minuten sehr gefasst wirkend allein über den Rasen in die Kurve, ging zurück zur Bank und wieder zu den Fans, verneigte sich applaudierend vor ihnen und saugte die Atmosphäre auf. "Meine Frau hat mir gesagt, was in diesen Sonderzügen los war, welche Leute sich nach zehn, zwölf Jahren wiedergetroffen haben. Es war toll, was hier mit den Leuten abgegangen ist: wie sie sich aufgeführt haben in dieser Stadt. So was habe ich noch nie erlebt. 30.000, 40.000, total friedlich. Mehr geht nicht", zeigte sich Streich beseelt und blickte voraus: "Wir wachsen brutal, und wenn wir das bewahren könnten, wäre das mein größter Wunsch. Da verzichte ich gerne auf den Pokalsieg - auch wenn es mir schwerfällt."

Streich gab nach der sportlich dramatischen und bitteren Niederlage ein Beispiel in Sachen Sportsgeist, umarmte beispielsweise vor der Siegerehrung jeden einzelnen, im üblichen Spalier stehenden Leipziger Profi. Er ließ seiner Ankündigung, dass auch bei einer Niederlage "die Welt nicht untergehe", Taten folgen. Er könne sich mit Blick auf den eindrucksvollen Auftritt der gesamten SC-Familie in Berlin noch gar nicht über die Niederlage ärgern, sagte Streich am späten Samstagabend. Das komme erst in den nächsten Tagen.

Ablenkung auf der Party in Kreuzberg und beim Fan-Empfang

Aber noch in der Nacht und am Sonntag fanden Streich & Co. angenehme Ablenkung. Zunächst bei der SC-Pokalparty in einer gediegenen Location in Kreuzberg direkt am Spree-Ufer. Neben der Mannschaft, dem Frauen-Bundesligateam, den übrigen Vereinsangestellten, die samt Familien per Sonderzug angereist waren, und Sponsoren befanden sich beispielsweise auch Ex-Bundestrainer und SC-Pokalbotschafter Joachim Löw, Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn und die St.-Pauli-Verantwortlichen Oke Göttlich und Andreas Bornemann unter den Gästen. Trotz des verpassten Titels entwickelte sich eine recht gelöste Atmosphäre.

Die stellte sich trotz Müdigkeit und sich Bahn brechender Enttäuschung auch nach dem Rückflug nach Freiburg fort. Nach dem Eintrag ins goldene Buch der Stadt sorgten 7.000 bis 10.000 Fans beim Empfang vor dem Stadttheater dafür, dass sich die Finalverlierer nicht als solche fühlten. Das Erstaunen der Protagonisten darüber, wie viele Menschen der SC inzwischen bewegen kann sowie die emotionalen Abschiede von Torwarttrainer Andreas Kronenberg, Nico Schlotterbeck und Janik Haberer ließen kein nach außen ersichtliches Frustschieben zu.

"Vor jedem Bundesliga-Spiel doppelt so angespannt und nervös"

Auch bei Streich nicht, der nach Niederlagen auch mal angefressen in seine eigene Welt abtauchen kann. Man nimmt dem Chefcoach die Aussage vom späten Samstagabend ab, verglichen mit dem Pokalfinale "vor jedem Bundesliga-Spiel doppelt so angespannt und nervös" zu sein. Bundesliga ist der alltägliche Broterwerb, in dem Streich auch immer Bürde und Verpflichtung spürt, den Verein für alle Angestellten und Fans in der Eliteklasse halten zu müssen.

Der erfolgreiche Lauf im Pokal war die Zugabe, der nur die Krönung fehlte. Weil er seine "Klappe nicht halten" konnte und obwohl er es in diesem Moment "eigentlich als Frechheit" empfand, hatte Streich seinen Profis bei allem Lob noch auf dem Rasen einen Kritikpunkt übermittelt: Beim nächsten Mal solle sein Team eine Überzahlsituation überlegter ausspielen, weniger lange Bälle schlagen. Das sei allerdings nicht so einfach: "Die Jungs hatten in dem Moment auch etwas zu verlieren." Ein Satz, der für die erstaunliche Entwicklung des SC steht.

Wann kann Freiburg wieder was gewinnen?

Die große Frage lautet nun: Wann kann Freiburg mal wieder was gewinnen? Das könnte dauern. Und schmerzt deshalb. In den ersten Urlaubstagen, die die Profis wie so viele Kollegen auf der Partyinsel Mallorca verbringen, ist das Wissen, als sehr guter Aus- und Weiterbildungsklub auch ohne Titel längst über die Maßen anerkannt zu sein, sicher kein großer Trost. Mit etwas Abstand aber wird es den SC-Akteuren enorm helfen, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen?- und im DFB-Pokal den nächsten Angriff zu starten. Heimlich natürlich.

Carsten Schröter-Lorenz

Bilder zur Partie SC Freiburg - RB Leipzig