Bundesliga

Schiri-Boss Fröhlich: "Die Kommunikation bei uns war nicht optimal"

Der Schiedsrichter-Chef des DFB im kicker-Interview

Fröhlich: "Die Kommunikation bei uns war nicht optimal"

Räumt Fehler ein: Lutz Michael Fröhlich.

Räumt Fehler ein: Lutz Michael Fröhlich. imago images / Martin Hoffmann

Herr Fröhlich, wie fällt Ihre Zwischenbilanz der Schiedsrichterleistungen in dieser Saison aus?

Es gab zwei Schwerpunktthemen, bei denen die Entscheidungsqualität nicht zufriedenstellend war. An den Spieltagen 1 bis 3 ging es um die Abseitsbewertung. An den Spieltagen 5 und 6 stand die Handspielbewertung im Fokus. In beiden Bereichen müssen wir festhalten, dass dort Fehler gemacht wurden, die zum Teil vermeidbar gewesen wären.

In glasklaren Fällen griff der VAR mehrmals nicht ein. Liegt das an grundsätzlich falscher Bewertung der Bilder - oder an falscher Definition der Eingriffsschwelle?

Der Begriff Eingriffsschwelle ist für die grobe Orientierung hilfreich. Aber er darf nicht vom Wesentlichen ablenken. Letztlich geht es darum, die regeltechnischen Kriterien in einem konkreten Ablauf fallbezogen sauber abzuarbeiten. Beim Handspiel heißt das: Die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR darf sich nicht darauf beschränken, wie weit der Arm vom Körper entfernt war. Sondern es muss der ganze Ablauf regeltechnisch eingeordnet werden. Lag eine unnatürliche Vergrößerung des Körpers vor oder war es die Folge einer natürlichen Bewegung oder war das Handspiel vermeidbar? Analog gilt auch beim Foulspiel: Nicht nur das Trefferbild ist maßgeblich, sondern auch der gesamte Ablauf und die Intensität müssen in die Bewertung einbezogen werden.

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Bedeutet für den VAR?

Belegt das Videomaterial deutlich, dass kompletter Ablauf und Trefferbild gegen die Entscheidung auf dem Feld sprechen, dann ist eine Intervention folgerichtig. Die Tendenz, nach einem Teilaspekt zu suchen, der die Schiedsrichter-Entscheidung vielleicht doch noch als nicht ganz falsch erscheinen lässt, widerspricht Sinn und Zweck des Video-Assistenten.

Das nicht geahndete Handspiel von Leverkusens Kossounou in Berlin praktisch auf der Torlinie sorgte für die meiste Aufregung. Warum war es letztlich doch klar strafwürdig?

Der Spieler hat den Arm vom Körper abgespreizt, befindet sich in einer Abwehraktion mit Orientierung zum Ball und macht eine Bewegung mit dem Arm in die Flugbahn des Balles. Erst nach dem Kontakt mit dem Ball gehen die Arme hinter den Körper.

Lehrwart Lutz Wagner erklärte im Sport-1-Doppelpass , warum das Handspiel nicht strafbar gewesen sei, der Sportliche Leiter Peter Sippel drei Tage später das exakte Gegenteil. Wie kann das passieren?

Lutz Wagner hat die Szene im Kontext mit dem Augsburger Handspiel in Bremen erklärt und dazu auch gesagt: wenn Strafstoß, dann eher in Berlin als in Bremen. Aber die Kommunikation bei uns war nicht optimal, keine Frage. Da waren wir alle mit im Boot. Das vermeiden wir, wenn wir künftig Situationen erst dann öffentlich bewerten, wenn das Videomaterial vollständig und präzise gesichtet wurde und wir auch noch mal miteinander gesprochen haben. Dann gibt es keine Irritationen, und wir bringen auch niemanden in die Bredouille.

Diese interne Abstimmung kann aber erfahrungsgemäß dauern …

Wir sind so aufgestellt, dass wir das in aller Regel spätestens am Tag nach dem Spiel hinkriegen.

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27. November 202204:21 Minuten

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Kossounous Handspiel wurde auch auf der folgenden Managertagung mit Ihnen diskutiert. Ist die Schiri-Führung letztlich auf die Linie der Klubs eingeschwenkt?

Nein. Bei dieser Tagung handelte es sich um einen sehr konstruktiven und ich denke für alle positiven Austausch. Das war kein Druck, und wir sind auch nicht eingeschwenkt. Das Thema haben wir intern selbst aufgemacht, weil wir der Auffassung waren, dass wir hier Klarheit schaffen müssen. Wenn wir der Überzeugung gewesen wären, dass die ursprüngliche Entscheidung richtig war, dann hätten wir das bei diesem Austausch auch vertreten müssen.

Haben Sie wirklich noch Hoffnung auf eine nachhaltige Verbesserung der Handspielbewertung?

Wir waren vergangene Saison bei der Handspielbewertung auf einem guten Weg. Sie wurde gut akzeptiert. Und wir arbeiten intensiv daran, dass dieser Weg schnell wieder eingeschlagen wird. Am 7. Bundesliga-Spieltag hat es wieder problemlos funktioniert bei drei Handspielen, die alle richtig entschieden wurden.

Die Namen bestimmter Schiedsrichter und VAR tauchen im Zusammenhang mit krassen Fehlern auffallend häufig auf. Dingert, Zwayer, Schmidt, Perl, Winkmann, Petersen. Müsste da nicht stärker das Leistungsprinzip greifen?

Ein Prinzip ist, dass wir uns an einer öffentlichen Diskussion über Namen nicht beteiligen. Ein weiteres Prinzip betrifft die Leistung: Gute Leistungen sind durch weniger Fehler charakterisiert als zum Beispiel mittelmäßige oder schlechte Leistungen. Und sie sind die Basis für häufigere und regelmäßige Einsätze. Wer genau hinschaut, wird das auch erkennen.

"Niveau im Keller": Lesen Sie eine Aufarbeitung der bisherigen Schiedsrichter-Fehlentscheidungen und wie diese zustande kamen, in der aktuellen kicker-Montagsausgabe oder im eMagazine.

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