Europa League

Freiburg beeindruckt mit psychischer Stärke: Streich zieht den Hut

Im Achtelfinale gegen West Ham "keine Touristen"

Freiburg beeindruckt mit psychischer Stärke: Streich zieht den Hut

Freiburg-Coach Christian Streich gab sich von der Moral seiner Mannschaft beeindruckt.

Freiburg-Coach Christian Streich gab sich von der Moral seiner Mannschaft beeindruckt. IMAGO/Steinsiek.ch

Das Karma hat zurückgeschlagen und für Gerechtigkeit gesorgt. Das provozierende Zeitspiel, mit dem die Akteure des RC Lens die Uhr in der zweiten Halbzeit runterlaufen lassen wollten, ging weit über die Grenzen dessen hinaus, was im Fußball für üblich hingenommen wird. Der slowenische Schiedsrichter ließ es durchgehen, der SC Freiburg bestrafte es auf seine Art - mit dem Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit und dem Siegtreffer zum 3:2 in der Verlängerung.

Es war bei weitem nicht die einzige Hürde, die der Sport-Club am Donnerstagabend aus dem Weg räumen musste. Der Matchplan war nach zwei individuellen Fehlern hinfällig. Noah Atubolus schwache Faustabwehr und Manuel Guldes verlorener Zweikampf gegen Elye Wahi resultierten im 0:2. Als nach knapp einer Stunde Merlin Röhl von Lens-Verteidiger Abdukodir Khusanov ohne Aussicht auf den Ball im Strafraum aus dem Weg geräumt wurde und der fällige Elfmeterpfiff ausblieb, verabschiedeten sich wohl einige schon vom Achtelfinal-Traum.

Streichs Schachzüge verändern das Spiel

Nicht aber die Mannschaft.  Der Trainer war davon beeindruckt. "Die Jungs haben immer weiter gemacht und nicht gehadert. Auch Gregerl: Der Kopfball in der 95. Minute, den macht er normal immer. Dann hat er sich geschüttelt und macht in der Verlängerung das Tor. Das waren Momente, in denen sich die Mannschaft psychisch extrem stabil gezeigt hat", erzählte Christian Streich. "Da musst du echt den Hut ziehen, Chapeau, was sie da veranstaltet haben - und zwar alle."

Der 58-Jährige ergriff nach dem unglücklichen 0:2-Rückstand zur Pause die richtigen Maßnahmen. Speziell die Hereinnahme von Michael Gregoritsch veränderte das Spiel komplett. Doch auch der Schachzug, Nicolas Höfler ins Zentrum der Abwehrkette zu verschieben, ging voll auf. Der Routinier gab der Mannschaft mit seiner Ballsicherheit und Übersicht halt. Noah Weißhaupt machte fortan als Linksverteidiger Dampf nach vorne. "Wir haben nach der Pause enorm viel Druck auf den Flügeln bekommen. Das haben wir genau so gewollt", erklärte Streich.

Zwei Spieler stachen aus dem starken Kollektiv heraus. Rolland Sallai verkörperte in jeder Ballaktion den puren Willen, das Spiel drehen zu wollen. Seine beiden Tore waren im Grunde identisch. Sallai stand jeweils goldrichtig, als Lens den Ball nicht aus dem Strafraum klären konnte und der plötzlich vor dem Ungar lag - kompromisslos und wuchtig prügelte der 26-Jährige das Spielgerät in die Maschen. Auch beim Siegtreffer in der Verlängerung war Sallai maßgeblich beteiligt, als er im Laufduell mit Massadio Haidara Gregoritsch den Weg frei machte.

Da stehst du gefühlt mit zwölf oder 13 Mann auf dem Feld. Da entsteht eine Wucht eine Power, das denkt man gar nicht vom kleinen Freiburg.

Michael Gregoritsch

Der österreichische Stoßstürmer blieb eiskalt und erzielte wie schon am Wochenende beim 3:3 gegen Frankfurt als Joker den letzten Treffer des Tages. Der 29-Jährige belohnte sich damit für seine unermüdliche Arbeit gegen die französische Defensive. "Das ist was, was für die Ewigkeit bleibt, ein Spiel, über das wir ewig erzählen werden. Das wir ein Teil davon sein dürfen, ist etwas Besonderes", schwärmte Gregoritsch.

Stimmungstechnisch war diese Europapokalnacht vielleicht ein neuer Höhepunkt im Freiburger Stadion. Auch Gregoritsch war beeindruckt. "So etwas wie heute ist einzigartig. Da stehst du gefühlt mit zwölf oder 13 Mann auf dem Feld. Da entsteht eine Wucht, eine Power, das denkt man gar nicht vom kleinen Freiburg." Einem langjährigen Radioreporter, der sagte, er würde davon leider nicht viel mitbekommen, weil er schließlich sein Headset tragen müsse, antwortete Gregoritsch lachend und kopfschüttelnd: "Selbst schuld."

Letztes Jahr Juventus, jetzt Wiedersehen mit West Ham

Mindestens zwei weitere Auftritte haben sich die Breisgauer auf europäischem Parkett verdient. Im vergangenen Jahr war im Achtelfinale gegen Juventus Turin (0:1, 0:2)  Endstation. Diesmal gibt es ein Wiedersehen mit West Ham United, gegen das der SC schon in der Gruppenphase spielte. Im Hinspiel unterlag Freiburg zu Hause mit 1:2, in London dann mit 0:2. Schon vor der Auslosung gab Gregoritsch die Marschroute vor: "Ich spiele nicht Europa League, damit ich was erleben darf. Wir sind keine Touristen hier." Zumal sie London ja alle schon kennen ...

Moritz Kreilinger

Torjubel SC Freiburg beim 3:2 durch Michael Gregoritsch (SC Freiburg, 38) , Fussball, UEFA Europa League, Play-off 2. Spiel, 2023 2024, SC Freiburg vs. RC Lens, 22.02.2024, Europa-Park Stadion , Freiburg im Breisgau, Deutschland Freiburg im Breisgau Europa-Park Stadion Baden-Wuerttemberg Deutschland *** Goal celebration SC Freiburg at 3 2 by Michael Gregoritsch SC Freiburg, 38 , Soccer, UEFA Europa League, Play off 2 match, 2023 2024, SC Freiburg vs RC Lens, 22 02 2024, Europa Park Stadion , Freiburg im Breisgau, Germany Freiburg im Breisgau Europa Park Stadion Baden Wuerttemberg Germany Copyright: xArnexAmbergx

"Gregoritsch gibt die Marschroute vor": Freiburgs völlig verrückter Fußballabend

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