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Flüthmann: "Lampard, Carrick, Touré - das war hochinteressant"

Der Fußballlehrer über seine Ausbildung in England

Flüthmann: "Lampard, Carrick, Touré - das war hochinteressant"

Engagiert an der Linie zu Braunschweiger Zeiten: Ex-Trainer Christian Flüthmann.

Engagiert an der Linie zu Braunschweiger Zeiten: Ex-Trainer Christian Flüthmann. imago images

Mitte Mai haben Sie beim englischen Verband die Prüfung zum Fußballlehrer abgelegt, jetzt ist Ihr erfolgreicher Abschluss offiziell. Wie lief das ab in Zeiten von Corona, Herr Flüthmann?

"Statt einer Präsenzveranstaltung hat man die Prüfung in einem Videovortrag absolviert. Zugeschaltet waren zwei Prüfer von der Football Association und ein prominenter Gast, in meinem Fall Steve McLaren (ehemaliger Trainer der englischen Nationalmannschaft und des VfL Wolfsburg, Anm. d. Red.). Dazu noch einige Teilnehmer aus unserem Kurs, weil jeder auch verpflichtend drei, vier Vorträge von Kollegen mitzuverfolgen hatte."

Wie lautete Ihr Thema?

"'Der Trainer als Motivator: Wie wichtig ist Selbstmotivation der Spieler?' Das Thema konnte man frei wählen, musste dazu 30 Minuten referieren. Danach folgte ein etwa 20-minütiger Frage-Antwort-Teil zum Vortrag mit den Prüfern und Steve McLaren.

Welche Kernthesen haben Sie vertreten?

"Dass es für Fußballer innerhalb einer Gruppe grundsätzlich drei Schlüsselmotive gibt: Macht bzw. Status, Leistung und Zugehörigkeit. Dementsprechend unterschiedlich muss ein Trainer die einzelnen Persönlichkeiten anpacken. In meinem Vortrag habe ich dann auch auf verschiedene von mir geführte Interviews Bezug genommen, etwa mit Julian Nagelsmann, Philipp Laux (Ex-Bundesliga-Keeper und aktuell Sportpsychologe des BVB), d. Red.) oder Nic Gill, dem Athletik-Trainer der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft."

Der Lehrgang der FA mit seinen acht Themenblöcken vor Ort und vergleichsweise wenigen Präsenzzeiten bietet einige Unterschiede zu dem des DFB. Nicht nur, weil es keine Abschlussnote gibt. Was war inhaltlich charakteristisch?

"Genau zu dieser Frage mussten wir ebenfalls noch einen 20-Minuten-Vortrag ausarbeiten, als zweiten Teil der Prüfung eine Woche nach Teil eins. Im Mittelpunkt stand immer das Thema: Wie schafft man es, ein High-Performance-Team aufzubauen und eine entsprechende Kultur in der Gruppe zu etablieren. Ausgerichtet am eigenen Führungsstil als Trainer, der sehr strikt oder auch kollegial sein kann."

Muss dieser Stil sich je nach Gruppenzusammensetzung ändern?

"Sollte er nicht. Der Teamleiter sollte authentisch bleiben, als Mensch und damit auch als Trainer. Wie gesagt: Der jeweilige Stil lässt sich dann so einsetzen, dass er erfolgreich sein kann."

Welchen Stil vertreten Sie?

"Im Fachjargon würde man sagen: Den charismatischen Führungsstil. Den Begriff habe ich aber nicht für mich erfunden, sondern ich identifziere mich mit den Attributen, die diesem Stil zugeschrieben werden: Entscheidungen trifft nur die Führungsperson, die aber sehr viel Wert darauf legt, im Team zugleich zielorientierte Stimmung, hohe Zufriedenheit und große Eigenmotivation zu schaffen."

Zu ihren Lehrgangskollegen zählten der aktuelle Chelsea-Coach Frank Lampard, Michael Carrick oder Kolo Touré. Was lässt sich von solchen ehemaligen Weltklassespielern womöglich en passant lernen?

"Der Austausch war natürlich hochinteressant. Carrick und Touré haben bei meinem Vortrag zugehört, genau wie ich bei ihren. Touré hatte das Thema: 'Wie lassen sich Spieler im Eins-gegen-eins maximal verbessern?' Er hat sehr überzeugend vermittelt, warum es wichtig ist, jeden Spieler auch individuell möglichst jeden Tag weiterzubringen, nicht nur die Gruppe als solche. Carrick referierte darüber, welche Faktoren dazu beitragen, über Jahre hinweg eine permanente Bereitschaft zur Höchstleistung zu wecken. Diese bedingungslose Bereitschaft ist seiner Beobachtung nach vielen, die sich vor allem am Geld orientieren, leider verlorengegangen."

Gibt es noch eine gemeinsame Abschlussfeier mit den Kursteilnehmern nach Corona?

Ganz sicher will ich nicht möglichst schnell einen x-beliebigen Job übernehmen, nur um wieder im Geschäft zu sein.

Christian Flüthmann

"Auf jeden Fall, darauf bestehen alle. Ins Auge gefasst ist zur Zeit ein Termin im November in London."

England oder Deutschland - wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

"Da bin ich offen. Ich will noch sehr lange im Fußball arbeiten, und da lässt sich nie genau vorhersagen, wohin es einen verschlägt. Und auf welche Position."

Braunschweig war Ihre erste Cheftrainer-Station. Würden Sie also auch wieder als Assistent arbeiten?

"Das wäre für mich kein Makel. Langfristig sehe ich mich in einer Führungsposition. Aber ich habe gerade meinen Fußballlehrerschein gemacht und bin erst 38 Jahre alt. Entscheidend ist für mich bei den nächsten Stationen: Ich will mich auf höchstem Level weiterentwickeln. Um ein stabiles Haus zu bauen, reicht eine Komponente ja auch nicht aus. Ähnlich verstehe ich die Entwicklung als Führungskraft, auch als Trainer. Deshalb möchte ich mich breit aufstellen in meinen Fähigkeiten, immer auch bereit und in der Lage sein, mich in meinem Handeln fundiert zu hinterfragen. Ganz sicher will ich nicht möglichst schnell einen x-beliebigen Job übernehmen, nur um wieder im Geschäft zu sein."

Bei Eintracht Braunschweig fehlte auch nach Ihrem Abschied lange die erhoffte Konstanz. Aktuell scheint das Team ins Rollen zu kommen. Verfolgen Sie das noch?

"Ich schaue noch sehr intensiv hin, intensiver als es mir selbst manchmal recht ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich bisher keinen anderen Verein habe, auf den ich mich voll konzentrieren kann. Es ist schade, dass und wie es in Braunschweig zu Ende ging. Aber ich wünsche dem Klub und vor allem den Fans den größtmöglichen Erfolg."

Interview: Thiemo Müller