Bundesliga

Florian Wirtz: Der bessere Kai Havertz

Was Leverkusens Youngster jetzt schon unersetzlich macht

Florian Wirtz: Der bessere Havertz

Das Tor - ausgerechnet in Köln: Florian Wirtz jubelte nicht zum ersten Mal.

Das Tor - ausgerechnet in Köln: Florian Wirtz jubelte nicht zum ersten Mal. Getty Images

Das Ende tat richtig weh. Der Genickschlag in letzter Minute: 1:2 gegen die Bayern. Tabellenführung futsch. Auch für Florian Wirtz der bittere Abschluss einer zuvor so gigantischen Woche. Noch am Mittwoch hatte der Shootingstar in Köln bei der Rückkehr zu seinem Ex-Klub triumphiert und sein Tor zum 4:0-Endstand gefeiert, statt sich den Jubel unsinnigerweise zu verkneifen: mit beiden Zeigefingern die Mundwinkel weit auseinandergezogen zu einem breiten Grinsen. Vier Tage nachdem er mit seinem 3:1 beim 4:1-Sieg gegen Hoffenheim die Partie vorentschieden hatte, die Bayer erstmals seit 2014 Platz 1 bescherte. Beim Jubel hatte Wirtz den Schriftzug EMIL unter seinem Trikot gelüftet. Ein Gruß an den schwerkranken Bruder eines Freundes.

Was für sieben Tage! Die bislang emotionalste Woche seiner Profikarriere - und das nicht nur, weil diese erst im Mai begann. Wie im Zeitraffer rast Wirtz seitdem durch die Liga, sammelt Superlativ nach Superlativ. Debüt als drittjüngster Spieler aller Zeiten. Jüngster Bundesliga-Torschütze. Das waren die Highlights in der vergangenen Saison nach dem Lockdown. Inzwischen hat das feine wie durchsetzungsfähige Ausnahmetalent schon die nächste Stufe erklommen. Wirtz trumpft groß auf mit unglaublicher Konstanz. Sein kicker- Notenschnitt: 2,77!

Spielersteckbrief Havertz
Havertz

Havertz Kai

Spielersteckbrief Wirtz
Wirtz

Wirtz Florian

Er kann auch dreckig spielen.

Julian Baumgartlinger über Florian Wirtz

Schon jetzt, nach gerade einmal 17 Bundes- ligaeinsätzen, ist der Junge aus Pulheim vor den Toren Kölns schon ein Fixpunkt und ein Phänomen. Leverkusens Trainer Peter Bosz hat ihn längst als festen Bestandteil seiner Startelf abgespeichert. Weil Wirtz einfach so gut ist. Schnell, technisch versiert und mit fantastischer Übersicht inspiriert er als halbrechter Achter im Leverkusener 4-3-3 das Spiel der Werkself. Trifft, bereitet vor, leitet ein. Mit extremer Ruhe am Ball, mit Leichtigkeit selbst in ausweglos erscheinenden Situationen und einer für sein Alter außergewöhnlichen Robustheit beruhigt er aber auch das Spiel, behauptet den Ball und bestimmt den Rhythmus mit.

Wirtz gehört nicht zu den Teenies, die von ihren Trainern gebracht werden, um deren Image als Nachwuchsförderer zu schärfen. Oder wie es Torhüter Lukas Hradecky formuliert: "Niemand hier denkt, dass er seine Einsatzzeiten nur bekommt, weil er ein Talent ist, sondern er bekommt sie, weil man auf ihn bauen kann, er einfach ein Stammspieler ist." Sogar ein Schlüsselspieler. Bei Bayer, nicht in Köln. "Eine der größten Niederlagen der Saison war, dass wir Florian Wirtz verloren haben", sagte FC-Vorstandsmitglied Eckhard Sauren im Sommer und untertrieb damit. Wirtz' Marktwert dürfte schon jetzt jenseits von 50 Millionen Euro liegen.

Florian Wirtz und Kai Havertz

Letzte Saison noch gemeinsam für Bayer am Ball: Florian Wirtz und Kai Havertz. picture alliance

So wie sie in Köln ihrem größten Talent nachtrauern, so dürfen sie sich in Leverkusen für dessen Verpflichtung im Januar feiern lassen. Vor einem Jahr war Bayers Gesamtpaket für Wirtz perfekt: ein gut dotierter Vertrag; eine Mannschaft und ein Trainer, die ideal zu seinem Spiel passen; und die Aussicht auf baldige Einsätze. Dafür reichte den Bossen der Verweis auf andere Teenies, die bei Bayer den Sprung zu den Profis schafften: Julian Brandt, Benjamin Henrichs und natürlich Kai Havertz.

Letzterer gilt zu Recht als Jahrhunderttalent. Doch Wirtz ist deutlich weiter, als es der deutsche A-Nationalspieler im gleichen Alter war. Ob Tore, Vorlagen, Spiele, Einsatzminuten oder Startelf- einsätze - Wirtz ist seinem Vorgänger in der Kategorie "Wunderkind" in allen Bereichen voraus. Die Einschätzung von Kölns früherem Sportdirektor und Nachwuchsleiter Jörg Jakobs aus dem Mai scheint schon bestätigt: "Florian kann alles. Wenn er gesund bleibt, ist er mindestens ein Spieler der Kategorie Havertz." Mindestens.

Den Bayer-Verantwortlichen, Bosz, Geschäftsführer Rudi Völler und Sportdirektor Simon Rolfes, war schon im Sommer offenbar nicht nur klar, wie viel Potenzial Wirtz besitzt, sondern auch, dass er es bald in hoher Regelmäßigkeit würde abrufen können. Deshalb verzichteten sie darauf, einen Ersatz für den zum FC Chelsea transferierten Havertz zu holen. Ein solcher hätte Wirtz - heute muss man sagen vielleicht - blockiert. Eine mutige Entscheidung auch des Trainers, der im Fall des Misserfolgs der erste Leidtragende gewesen wäre.

Doch auch Bosz kann seine Bewunderung für Wirtz nur schlecht verbergen. Nach dem Hoffenheim-Spiel kritisierte er diesen zwar verhalten für einen leichtfertigen Ballverlust, um den Hype nicht zusätzlich anzufachen. Doch schon zwei Tage später erklärte er 24 Stunden vor Wirtz' Rückkehr nach Köln: Wenn sich dieser nur auf seinen Job konzentriere, "dann wird er auch morgen wieder hervorragend spielen". Und Wirtz tat es einfach.

Schönweitz: "Er ist für uns beim DFB ein Hoffnungsträger"

Das Repertoire, das dieser Spieltag für Spieltag abruft, ist das eines Topstars. Mit 17 ist Bayers Nummer 27 schon kein Zauberlehrling mehr. "Er ist für uns beim DFB ein Hoffnungsträger", urteilte Deutschlands Nachwuchs-Cheftrainer Meikel Schönweitz im Mai offensiv. Bei Bayer besitzt Wirtz jetzt schon den Status Leistungsträger und seit kurzem einen Vertrag bis 2023.

Bosz über Wirtz: "Der Junge kann schwimmen"

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Auch weil er sich um nichts schert, Druck nicht wahrnimmt. Im Gegenteil: Je stärker der Gegner, desto besser ist er, sagen seine Förderer. "Er ist ein frecher Spieler, hat überhaupt keine Angst, keinen Respekt, im positiven Sinne. Er spielt vom ersten Tag an drauflos. Und er spielt nicht wie ein Jugendlicher, mit einem Körper, den andere noch nicht in diesem Alter haben. Das macht ihn so außergewöhnlich", erklärt Julian Baumgartlinger, der Wirtz im defensiven Mittelfeld den Rücken frei hält. Wobei dies nur bedingt nötig ist. "Er kann auch dreckig spielen, auch gegen den Ball arbeiten", zieht Baumgartlinger den Quervergleich, "Kai hat das auch gemacht, aber von der Mentalität her ist das noch etwas anderes." Denn Wirtz ist omnipräsent. Auch im Rückwärtsgang. Trotz Dauerbelastung.

Nur Jeff Bezos hat 2020 mehr Marktwert gesteigert als Florian Wirtz.

Baumgartlinger

Anlaufzeit benötigte er weder auf noch neben dem Platz. "Auch in der Kabine hat er vom ersten Tag an seinen Senf dazugegeben. Egal, was die anderen davon halten. Das zeichnet ihn als Charakter aus. Er ist frech, befreit, berechnet nicht, wie etwas ankommen könnte", erklärt Baumgartlinger. Eigenschaften, die Wirtz bereits zu Kölner Zeiten auszeichneten. Als B-Jugendlicher nahm dieser kein Blatt vor den Mund. Mit U-17-Trainer Martin Heck, wie Wirtz ein Dickkopf, zoffte er sich immer mal wieder, weil er sich unbedingt durchsetzen möchte. Wenn Heck in Trainingsspielen die letzten fünf Minuten ansagte und nach zehn Minuten abpfiff, diskutierte Wirtz trotzdem, warum denn schon Schluss sei. Wirtz gibt immer Vollgas, kann gar nicht anders. Die Basis dafür, um bei den Profis sofort durchzustarten.

Sein kometenhafter Aufstieg lässt selbst einen reflektierten Profi wie Baumgartlinger ins Schwärmen geraten. "Sich in der Kürze der Zeit so festzuspielen, ist nicht normal", sagt er und fügt augenzwinkernd an: "Nur Jeff Bezos hat 2020 mehr Marktwert gesteigert als Florian Wirtz." Der feine Unterschied: Der Gründer und CEO des Onlineversandhändlers Amazon profitierte dabei entscheidend von den Auswirkungen des Coronavirus. Wirtz hat es trotz der Pandemie geschafft.

(Dieser Text erschien erstmals in der kicker-Ausgabe vom 20. Dezember)

Stephan von Nocks

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