Nationalelf

Flick tritt an: Der Hoffnungsträger muss schnell liefern

Eine kommentierende Vorausschau

Flicks Dienstantritt: Der Hoffnungsträger muss schnell liefern

Ab sofort als Bundestrainer unterwegs: Hansi Flick.

Ab sofort als Bundestrainer unterwegs: Hansi Flick. imago images

Als Hansi Flick 2014 die Nationalmannschaft verließ, bejubelte Fußball-Deutschland, ja die gesamte Nation den größtmöglichen Erfolg in diesem Sport. Die DFB-Auswahl war in Brasilien Weltmeister geworden. Der Assistent Flick hatte an der Seite des Chefcoachs Joachim Löw maßgeblich mitgeholfen, diesen Triumph zu erringen. Sieben Jahre später übernimmt der vormalige Assistent an diesem Sonntag, 1. August 2021, selbst diese Hauptrolle, er wird der elfte Bundestrainer in der DFB-Geschichte. Seine Anstellung wurde vorerst auf drei Jahre befristet, bis zur Heim-Europameisterschaft 2024.

Seit dem großen Sieg im Finale von Rio de Janeiro am 13. Juli 2014 ging es für die deutsche Nationalmannschaft kontinuierlich bergab, erst flach, dann steil. Bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich reichte es noch zum Halbfinale, wo auch nach Meinung aktiv Beteiligter der kontinentale Titel möglich gewesen wäre. Die WM 2018 brachte statt der angepeilten Titelverteidigung das blamable Aus schon nach den drei Gruppenspielen; und bei der kürzlich veranstalteten paneuropäischen EM erfolgte statt der Korrektur jener WM-Pleite das erneut frühe Aus im Achtelfinale, obwohl das Personal sehr wohl mehr versprochen hatte. Die Nummer eins der Welt, als die sich die deutsche Mannschaft vor sieben Jahren zu Recht verehren lassen durfte, ist auf den zwölften Platz der Weltrangliste abgesunken und allenfalls noch in der zweiten Reihe des globalen Fußballs zu verorten.

Eine disparate, fragwürdige Vereinigung

Zu Flicks Dienstbeginn stellt die deutsche Elite eine disparate, fragwürdige Vereinigung dar. Es ist unklar, für welchen Fußball sie am Ende der Ära Löw stand. Das beschwingte Spiel, das unter jenem Trainer 2010 in Südafrika begonnen und 2014 seinen glorreichen Höhepunkt erreicht hatte, entgleiste 2018 in Selbstgefälligkeit und Disziplinlosigkeit, um 2021 in Ängstlichkeit und Orientierungslosigkeit zu erlahmen. Das einst flotte Passspiel verkam zum Selbstzweck des ineffizienten Ballgeschiebes, der Offensive fehlten die Konsequenz und Klasse. Die 2014 so gefeierte Nationalmannschaft, vom DFB-Direktor Oliver Bierhoff zum von der Öffentlichkeit nie akzeptierten, mittlerweile belächelten und abgelehnten Marketing-Slogan "Die Mannschaft" verkürzt, büßte enorm an Attraktivität ein. Sie muss viel tun und investieren, um diesen Verlust an Interesse und Image, den sie und ihre Repräsentanten selbst verursacht haben, wettzumachen.

Flick weiß, wo er ansetzen muss. Der neue Bundestrainer, ein umgänglicher, leutseliger Charakter, muss und wird die Atmosphäre verbessern, nach innen wie nach außen. Er wird Vertrauen schenken, das Miteinander vorgeben und vorleben, innerhalb seiner Auswahl, aber auch in der gesamten Liga. Flick, als Vereinscoach in München von den Kollegen in den anderen Klubs hochgeschätzt, wird ein sehr präsenter Bundestrainer sein und die Vereine einbeziehen, um ein Klima der Gesamtverantwortlichkeit zu schaffen. Die Peinlichkeit, die sich der deutsche Fußball bei den Olympischen Spielen gönnte, sollte ein zusätzlicher Anschub dafür sein. Mit einem neuen Wir-Gefühl, so Flicks Plan, sollen sich alle einbringen zum Wohle des deutschen Fußballs.

Diese EM hat alle Schwächen noch einmal drastisch offengelegt

Da sind viele Baustellen zu bearbeiten. Schon 2015, damals als vorübergehender DFB-Sportdirektor im Juni zu Gast beim kicker, benannte Flick die Problemzonen: Individualität vor der gängigen übertriebenen Kollektivdoktrin, Dribblings, Eins-gegen-eins-Situationen. Verbessert hat sich seither wenig bis nichts. Im deutschen Fußball mangelt es weiterhin - wie von Flick damals angesprochen - an Außenverteidigern und einem typischen Mittelstürmer, mittlerweile auch an Innenverteidigern der internationalen Topklasse. Die EM hat alle diese Schwächen noch einmal drastisch offengelegt.

Flick kennt diese Defizite. Er wird zunächst die Psyche seiner Spieler stärken, damit sie ihre Qualitäten optimal nutzen. Dieser Fußballlehrer wird offensiven Fußball predigen und praktizieren lassen, wie er es beim FC Bayern München vorgab, mit schnellem Passspiel, mit Pressing überall. Die Hochgeschwindigkeitsstürmer Leroy Sané, Serge Gnabry und Timo Werner werden ihre Qualitäten im Torabschluss mehr nutzen müssen als bei der EM; Abwehrspieler Niklas Süle wird gefordert sein und den Kredit auf Vorschuss rechtfertigen müssen. Neue Leute werden getestet werden, gerade im Angriffszentrum, die U-21-Europameister Karim Adeyemi (19/ Salzburg), Lukas Nmecha (22/ Wolfsburg) oder Ragnar Ache (23, Frankfurt) sind Kandidaten.

Höhen und Tiefen: Stationen der 15-jährigen Ära Löw

Was wird aus den vor der EM von Löw völlig zu Recht aussortierten Julian Brandt (25/ Dortmund), Julian Draxler (27/ Paris Saint Germain) oder Thilo Kehrer (24/ Paris)? Kehrt Marco Reus (32/ Dortmund) zurück? Gehören die vor der EM - allerdings zu spät - reaktivierten Mats Hummels (32/ Dortmund) und Thomas Müller (31/Bayern) weiterhin zum Personal?

Nicht das Alter entscheidet

Flick wird vorgehen wie in München, also fällt die Antwort nicht so schwer: Die Leistung entscheidet über Nominierung und Spielzeit, nicht das Alter. Jerome Boateng (32) hatte beim FC Bayern zum Beispiel Süle (25) verdrängt. Und sollten zwei Bewerber gleichwertig sein, wird der jüngere Kandidat den Vorzug erhalten.

Denn der unterbrochene Umbruch muss fortgesetzt werden, allerdings stets mit dem klaren Blick auf den jeweils aktuellen Erfolg. Flick weiß, dass auch er unter Druck steht. Die Erwartungen sind gewaltig - bei der WM 2022 in Katar, für die sich die zurzeit auf Platz 3 der J-Staffel notierte DFB-Auswahl selbstredend als Gruppensieger qualifizieren soll, wie bei der heimischen EM 2024.

Großauftrag mit großer Vorfreude

Flick ist jetzt der Hoffnungsträger, der Kredit verdient und erhalten wird. Aber auch er muss liefern, und zwar schnell, weil die WM in knapp anderthalb Jahren startet. Der neue Bundestrainer geht diesen Großauftrag mit großer Vorfreude an, er war schon nach dem EM-Aus im Hintergrund aktiv. Mit seinem persönlichen Elan und Engagement sowie seinem integrierenden Stil will er diese schwierige Aufgabe meistern. Frischer, mutiger, nach vorne gerichteter, möglichst attraktiver und begeisternder Fußball soll entstehen. Und letztlich natürlich ein erfolgreicher.