Nationalelf

Hansi Flick im großen Interview über Nationalelf und Katar

Der Bundestrainer über Entscheidungen, Spieler und Katar

Flick im großen Interview: "Warum haben sich in Hoffenheim so viele entwickelt?"

Hat eine Zukunftsvision: Bundestrainer Hansi Flick.

Hat eine Zukunftsvision: Bundestrainer Hansi Flick. Getty Images

Treffpunkt für sein erstes Interview mit dem kicker als Bundestrainer war am vergangenen Mittwoch (29. September) die Villa Kennedy in Frankfurt. Hansi Flick war aus Dortmund angereist, wo er den 1:0-Sieg des BVB in der Champions League gegen Sporting verfolgt hatte. Und er war auf dem Sprung nach München, wo am Abend der FC Bayern auf Dynamo Kiew traf (5:0).

Nach dem siegreichen Start im September gegen Liechtenstein, Armenien und Island steht nun die zweite Tour mit den WM-Qualifikationsspielen gegen Rumänien am Freitag in Hamburg sowie gegen Nordmazedonien am Montag in Skopje an. Eineinhalb Stunden nahm sich Flick Zeit, berichtete bereitwillig über seine ersten Erfahrungen im Amt und erklärte, wie sich der deutsche Fußball im Allgemeinen sowie die Nationalmannschaft im Besonderen auf dem Weg zurück an die Weltspitze entwickeln sollte.

Trainersteckbrief Flick
Flick

Flick Hans-Dieter

WMQ Europa - Tabelle - Gruppe J
Pl. Verein Punkte
1
Deutschland Deutschland
18
2
Nordmazedonien Nordmazedonien
12
3
Armenien Armenien
12
Spielersteckbrief Neuer
Neuer

Neuer Manuel

Spielersteckbrief T. Müller
T. Müller

Müller Thomas

Spielersteckbrief Hummels
Hummels

Hummels Mats

Spielersteckbrief Reus
Reus

Reus Marco

Spielersteckbrief Gündogan
Gündogan

Gündogan Ilkay

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Draxler

Draxler Julian

Spielersteckbrief Rüdiger
Rüdiger

Rüdiger Antonio

Spielersteckbrief Süle
Süle

Süle Niklas

Spielersteckbrief Gnabry
Gnabry

Gnabry Serge

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Goretzka

Goretzka Leon

Spielersteckbrief Werner
Werner

Werner Timo

Spielersteckbrief Hofmann
Hofmann

Hofmann Jonas

Spielersteckbrief Brandt
Brandt

Brandt Julian

Spielersteckbrief Kimmich
Kimmich

Kimmich Joshua

Spielersteckbrief Kehrer
Kehrer

Kehrer Thilo

Spielersteckbrief Klostermann
Klostermann

Klostermann Lukas

Spielersteckbrief L. Sané
L. Sané

Sané Leroy

Spielersteckbrief Havertz
Havertz

Havertz Kai

Spielersteckbrief L. Nmecha
L. Nmecha

Nmecha Lukas

Spielersteckbrief Musiala
Musiala

Musiala Jamal

Spielersteckbrief Wirtz
Wirtz

Wirtz Florian

WMQ Europa - 7. Spieltag
Deutschland - Die letzten Spiele
Armenien Armenien (A)
1
:
4
Liechtenstein Liechtenstein (H)
9
:
0
Deutschland - Vereinsdaten
Deutschland

Gründungsdatum

28.01.1900

Herr Flick, ist es ein anderes Gefühl, in der Funktion des Bundestrainers auf der Bank zu sitzen als im Auftrag eines Vereins?

Es ist eine andere Verantwortung, die ich allerdings als Jogi Löws Assistent schon in ähnlicher Weise gespürt habe. Ich weiß, dass die Position des Bundestrainers eine große Herausforderung darstellt - und ich versuche alles, um mit meinem Team erfolgreich zu sein. Darin unterscheidet sich der Job nicht von meinen vorherigen. Aber ja, es ist zu spüren, dass man nun gemeinsam mit dem Team stellvertretend für das ganze Land steht. Es ist ein besonderes Gefühl, vor den Spielen die Nationalhymne zu hören.

Welche Hymne gefällt Ihnen melodisch besser, die Nationalhymne oder die der Champions League?

Die Nationalhymne.

Vermissen Sie nicht die tägliche Arbeit und den Drei-Tage-Rhythmus mit einer Klubmannschaft?

So wie es ist, finde ich es gut, diese Mischung. Aber es stimmt schon: Die Jobprofile unterscheiden sich grundlegend. Insgesamt bietet die Rolle des Bundestrainers mehr Einflussmöglichkeiten.

Die Denkweise, hier der Verein und da der Verband, wollen wir gemeinsam aufbrechen.

Hansi Flick

Inwiefern?

Im ersten Schritt geht es natürlich um den Erfolg der A-Mannschaft. Damit verbunden geht es aber auch um die Ausbildung und die Talentförderung - darum, das Beste für den gesamten deutschen Fußball herauszuholen. Dieser Prozess fordert uns alle - und zwar täglich. Ich möchte, dass wir miteinander agieren und füreinander da sind, der Verband für die Vereine und umgekehrt. Mir wird hier noch zu oft aufeinander gedeutet. Diese Denkweise, hier der Verein und da der Verband, wollen wir gemeinsam aufbrechen. Wir benötigen ein noch besseres Zusammenspiel, eine noch konstruktivere Zusammenarbeit.

Was ist da zu tun?

Es ist wie überall im Leben, zum Beispiel auch in der Familie: Kommunikation, Wertschätzung und Loyalität sind wichtig. Man muss miteinander reden.

Ist die Liga dazu bereit?

Ich empfinde es als ein gutes Miteinander. Dabei ist es eine Hilfe, dass ich in den vergangenen zwei Saisons im Verein gearbeitet habe und entsprechenden Kontakt mit den anderen Klubs hatte.

Als Sie nach dem 6:0 gegen Armenien und vor der Reise nach Island Ridle Baku aus dem Kader strichen, kritisierte Wolfsburgs Geschäftsführer Jörg Schmadtke öffentlich mangelhafte Kommunikation. Das klang dann doch noch nach alter Denke.

Ich hatte wegen Ridle Baku mit seinem Trainer Mark van Bommel und auch mit Sportdirektor Marcel Schäfer gesprochen. Beide fanden es gut, dass wir die Situation offen angesprochen haben. Auch sie fanden es sinnvoll und richtig, ihn nicht mitzunehmen, damit er keine unnötige Reise mitmachen musste, sondern stattdessen zu Hause im Verein trainieren konnte. Es wurde alles sauber kommuniziert.

In welchen Momenten hilft Ihnen Ihre Erfahrung, die Sie als Co-Trainer beim DFB von 2006 bis 2014 gesammelt haben?

Ich kenne noch immer viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gleichzeitig habe ich aber auch die andere Perspektive kennengelernt, weiß also um die Anforderungen und den Druck der Vereinstrainer, um die vielen Spiele und Reisen der Profis. Ich habe Verständnis für die Belange der Vereinstrainer. Auch deswegen war im September ein Sieg gegen Island im letzten der drei Spiele so wichtig. Das hat dazu geführt, dass die Spieler mit einem guten Gefühl und Rückenwind in ihre Klubs zurückkehrten und dort wieder ihre Leistung brachten. Da sind wir wieder bei dem Miteinander und Füreinander, wie wir uns es vorstellen. Von Erfolgen und guten Leistungen in der Nationalmannschaft profitieren die Nationalspieler. Und damit profitieren auch ihre Vereine - und umgekehrt.

Verwundert Sie dieser gute Beginn Ihrer Amtszeit?

Ich wusste, dass wir eine gute Mannschaft haben. Darauf hat mich auch Jogi Löw hingewiesen.

Wie oft haben Sie Kontakt mit Löw?

Immer wieder.

Joachim Löw (li.) unterhält sich hier mit Hansi Flick.

Kennen sich bestens aus gemeinsamen DFB-Tagen - u.a. vom WM-Sieg 2014: Joachim Löw (li.) und Hansi Flick. imago/MIS

Was bedeutet es, wenn Sie ein präsenter Bundestrainer sein wollen, wie Sie selbst sagten?

Ich sehe viele Spiele live vor Ort. Es ist ein Privileg, wenn man überall willkommen ist und solche Spiele und Spieler anschauen darf. Aber auch abseits der Spiele wollen wir als Trainerteam präsent sein - für unsere Spieler.

Ihr Assistent Danny Röhl weilte in Paris zur Champions-League-Partie von PSG gegen Manchester City. Julian Draxler, Ilkay Gündogan und Thilo Kehrer spielten keine Minute. Außer Spesen nichts gewesen?

Nein. Wir schauen auf unsere Spieler, aber genauso interessieren uns die Spielweisen der Mannschaften: Was ist möglicherweise brauchbar für uns? Welche Entwicklungen gibt es im internationalen Spitzen-Fußball?

Haben Sie auch Kontakt zu den ausländischen Klubtrainern Ihrer Spieler wie Mauricio Pochettino in Paris?

Natürlich. Mit Pochettino hatte ich erst vor Kurzem einen sehr guten und interessanten Austausch.

Werden Sie als Bundestrainer begrüßt oder als Sextuple-Trainer?

Mir wird teilweise noch gratuliert, aber die sechs Titel sind Vergangenheit (Bundesliga, DFB-Pokal, DFL-Supercup, Champions League, UEFA Super Cup und Klub-WM im Jahr 2020 mit dem FC Bayern; Anm. d. Red.). Es geht immer um die aktuelle Arbeit.

Uns geht es um Begeisterung, um Überzeugung und um Hingabe.

Flick

Haben Sie für sich einen Zeitplan für die einzelnen Etappenziele festgelegt?

Wenn wir unsere Topleistung erst für 2026 veranschlagen würden, hätte keiner in Deutschland dafür Verständnis. Man kann eine perspektivische Idee haben, aber der Erfolg im Jetzt ist immer elementar, im Klub wie in der Nationalmannschaft. Das ist es, worum es geht: Es geht immer um den größtmöglichen Erfolg, also den maximalen Erfolg, der unter den aktuellen Gegebenheiten möglich ist.

Katar ist also kein Zwischenschritt zur Heim-EM 2024?

Nein. Wir wollen bei der WM erfolgreich sein, nicht nur schön mitspielen. Unser Ziel ist es, dass sich alle wieder mit der Nationalmannschaft identifizieren. Das geht nicht nur über den sportlichen Erfolg, sondern auch über die richtige Mentalität, die Intensität, das Engagement, die Gier. Das will der Fan von einer Mannschaft sehen - und diese Eigenschaften fordern auch wir ein. Ich möchte nicht, dass wir bei einer 2:0-Führung das Fußballspielen einstellen, sondern auch noch das dritte und vierte Tor nachlegen wollen. Uns geht es um Begeisterung, um Überzeugung und um Hingabe.

Kapitän Manuel Neuer sagte eingangs Ihrer Zeit als Bundestrainer, er wolle 2022 Weltmeister werden. Realistische Ansage oder frommer Wunsch?

Im November 2019 hätte auch eher niemand gedacht, dass Bayern München 2020 die Champions League gewinnen würde. In der Nationalmannschaft spielen viele Spieler von Bayern München und von Chelsea, die Champions-League-Sieger geworden sind und wissen, wie es sich anfühlt, erfolgreich zu sein. Jeder, der dieses Gefühl einmal haben durfte, will weiter Erfolg haben.

Der Start mit den Siegen gegen Liechtenstein, Armenien und Island war vielversprechend. Was sagen Ihnen die drei Siege?

Sie haben uns gezeigt, dass die Mannschaft willig ist und alles gibt für den Erfolg. Die Trainingseinheiten waren sehr gut, von Anfang an geprägt von sehr viel Dynamik und Intensität, von großer Qualität. Die Spieler haben unsere Forderungen erfüllt, die Mischung aus Professionalität, Kreativität, Erfahrung und Jugend stimmt. Diese Siege müssen uns Selbstvertrauen geben.

Wird in diesem Herbst die Grundlage gelegt für die WM in gut einem Jahr?

Wir haben angefangen, der Mannschaft unsere Spielidee vorzustellen - und entsprechende Inhalte trainiert. Die Übungsformen waren auf Intensität, Aktivität und eine saubere Passqualität ausgerichtet. Nun erfolgt die Vertiefung. In der Zeit zwischen den Länderspielperioden, gerade in der viermonatigen Pause nach den Spielen im November, sehen wir uns nicht. In dieser Phase müssen wir dennoch Kontakt zu den Spielern halten und sie begleiten. Außerdem werden wir diese Zeit zur verstärkten Analyse nutzen.

Gibt es da Punkte, die Sie schon im Blick haben?

Zum Beispiel müssen wir die Außenverteidigerposition, die wir offensiv interpretiert haben wollen, noch stärker in den Fokus nehmen und den Spielern unsere Vorstellungen noch intensiver näherbringen.

In Island traf Antonio Rüdiger nach einem Freistoß. Ist dieser Treffer schon ein Verdienst des neuen Standardtrainers Mads Buttgereit?

Er hat daran Aktien, ja. Bei einem ruhenden Ball geht es darum, den Gegner zu überraschen, indem du etwas andeutest und dann etwas anderes machst. In dieser einen Situation hat jeder beteiligte Spieler seine Aufgabe, an die er sich in aller Konsequenz halten muss, weil sonst die gesamte Aktion nicht funktioniert, wenn etwa ein gegnerischer Spieler geblockt werden muss und das nicht geschieht. Das kann und muss man trainieren.

Ein Golfball bekommt auch eine andere Flugbahn, wenn du ihn an einer anderen Stelle oder mit einem anderen Bereich des Schlägers triffst.

Hansi Flick

Kann ein solcher Spezialtrainer, indem er lehrt, wie und wo und in welchem Winkel ein Freistoßschütze den Ball treffen muss, Schusstechniken tatsächlich so präzisieren, dass der Ball ins Tor fliegt?

Einem Spieler ohne Schussqualität kannst du durch Üben nicht beibringen, dass er dann Bälle schlägt wie ein Marco Reus, Leroy Sané oder früher Mario Basler. Für die Verfeinerung brauchst du eine Basis. Aber dann kannst du dich noch verbessern. Ein Golfball bekommt auch eine andere Flugbahn, wenn du ihn an einer anderen Stelle oder mit einem anderen Bereich des Schlägers triffst. Mit dem Fußball verhält es sich genauso. Durch die Aufnahme und Vermittlung über Bilder steigt die Überzeugung beim Spieler. Meine Überzeugung ist: Wir können im Fußball noch vieles verbessern.

Bleibt einem Bundestrainer überhaupt ausreichend Zeit, um dem immer wieder wechselnden Personal seine Vorstellungen zu vermitteln?

Auch deswegen ist der Austausch mit dem jeweiligen Vereinstrainer so wichtig. Herrscht da Einigkeit, profitieren alle Beteiligten davon. Aber noch einmal: Dieses Miteinander spüren wir.

Als Jürgen Klinsmann 2004 mit den Gummibändern ankam, wurde er belächelt. Fehlt dem Fußball manchmal die Bereitschaft zur Innovation?

Die Gummibänder haben heute alle Mannschaften im Einsatz, nicht nur in Deutschland. Jürgen hat da schon etwas bewirkt. Auch in der Bereitschaft der Akteure des Fußballs, neue Dinge auszuprobieren und anzunehmen.

Aktivität, Intensität, Tempo waren die von Co-Trainer Danny Röhl gebrauchten Schlagworte während des ersten Trainingslagers in Stuttgart Anfang September. Wie soll der Stil Ihrer Mannschaft bis zur WM 2022 aussehen?

Der Maßstab ist das 6:0 gegen Armenien. Die Mannschaft hat den Gegner sehr hoch unter Druck gesetzt und versucht, bei Ballverlust ins Gegenpressing zu kommen und den Gegner zu Fehlern zu zwingen. In Ballbesitz hatte sie bei aller Ballsicherung und Ballkontrolle immer den Fokus darauf gerichtet, Chancen zu kreieren und Tore zu erzielen. Für uns gilt: Besteht die Möglichkeit, nach vorne zu spielen, dann wollen wir das tun. Und: In jeder Situation, ob mit oder ohne Ball, muss Aktivität auf dem Platz zu spüren sein. Jeder Spieler hat in jeder Sekunde eine Aufgabe.

Hansi Flick

Hansi Flick: "Ich bin ein Freund des Ballbesitz-Fußballs." AFP via Getty Images

Geht es künftig mehr um Gegenpressing, frühes Attackieren, schnelle Balleroberung und Umschalten als um die früher gepredigte Dominanz mit viel Ballbesitz?

Ich bin ein Freund des Ballbesitz-Fußballs - aber nicht in der Form, dass wir uns permanent den Ball zuschieben. Wir wollen immer ein Ziel sehen, bei jedem Kontakt muss der Gedanke der Offensive sichtbar sein. Es ist ein Unterschied, ob ich den Ball nach hinten prallen lasse oder ob ich nach einem Zuspiel aufdrehe und direkt zum Tor gehen kann.

Wie sehen Sie den Ist-Zustand der Nationalelf: Spiegelt Platz 14 in der Weltrangliste das aktuelle Leistungsvermögen richtig wider?

Diese Wertung spielt für mich keine große Rolle. Aber unser Ziel ist klar: Wir wollen wieder dahin kommen, wo wir einmal waren, in die Weltspitze, an die Weltspitze. Uns ist aber bewusst, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

Ist für eine Nationalelf ein stabiles Grundsystem hilfreicher als die früher gepredigte Variabilität?

Das 4-2-3-1-System hat uns in den ersten drei Spielen Stabilität gegeben, und das sollte es am Anfang. Trotzdem handelt es sich lediglich um eine erste Ausrichtung. Im Spiel selbst erwarten und verlangen wir von den Spielern ganz andere Dinge, je nach Verhalten des Gegners: Wie baut er auf? Wie stellt er uns zu? Mit einem Stürmer? Mit zwei? Oder wie besetzen wir die Außenspur, damit wir uns nicht gegenseitig die Räume versperren? Entsprechend erfolgen Veränderungen in unserer Anordnung.

Wird es auch künftig Debatten über die Dreierkette wie bei der EM geben?

Entscheidend ist immer, was ich aus der Formation mache. Ob mit einer Dreier- oder Fünferkette, es kommt auf die Umsetzung an: Wie sind meine Außenspieler positioniert, wo die Mittelfeldspieler? Schaffe ich mit einer Dreierkette Überzahl im Mittelfeld? Die Viererkette ist unser Standard, die Dreierkette eine Möglichkeit.

Welche Bedeutung hat die Achse?

Die Achse ist immer das Zentrum, Torwart, Innenverteidigung, mittleres Mittelfeld und der zentrale Stürmer. Die Außen sehe ich als Kreativität- und oftmals Unterschiedsspieler. Sie können aber nur voll zur Entfaltung kommen, wenn die Achse eine gewisse Stabilität gibt.

Welche Spieler neben Manuel Neuer, Joshua Kimmich und Leon Goretzka sind unverzichtbare Konstanten in Ihrem Personaltableau?

Das Ganze muss sich noch bilden, das ist ein Prozess. Toni Rüdiger spielt überzeugend, Niklas Süle hat es auch sehr gut gemacht. Beide haben uns in den September-Spielen Stabilität gegeben. Im Mittelfeld zähle ich zu Goretzka und Kimmich auch Ilkay Gündogan mit seiner enormen Klasse dazu.

Und in der Offensive?

Auf der Zehn haben wir Marco Reus, Thomas Müller, Kai Havertz und Florian Wirtz. Havertz kann mehrere Positionen spielen, Müller und Reus können das ebenfalls. Vorne ist es aktuell Timo Werner, aber auch einem Spieler wie Karim Adeyemi trauen wir diese Rolle zu. Und über außen kommen Leroy Sané und Serge Gnabry mit ihrer großen Qualität. Dazu noch Jamal Musiala, bei dem ich hoffe, dass er sich seine unbekümmerte Spielweise lange erhält. Jeder dieser Spieler kann spezielle Elemente und verschiedene Impulse ins Spiel bringen. Wir sind auf allen Positionen mehrfach gut besetzt. Im Tor, auf der Zehn, in der Innenverteidigung, auf Außen. Und wir können manche Spieler variabel aufstellen, Musiala zum Beispiel kann auch als Sechser spielen.

Julian Brandt und Julian Draxler sind seit der EM ausgemustert. Werden beide jemals ihr großes Talent nachweisen?

Ausgemustert ist niemand. Wir haben sie natürlich im Blick, ihre Qualitäten stehen außer Frage.

Sind Sie tatsächlich zuversichtlich, dass Sie auf den begnadeten, aber oft verletzten Reus in einem Turnier bauen können?

Wir sind davon überzeugt, dass wir seine Fähigkeiten brauchen. Ich bin im engen Austausch mit seinem Vereinstrainer Marco Rose.

Müssen Sie Abstriche bei Ihrer Wunschvorstellung machen, weil Sie dafür nicht das geeignete Personal haben?

Nein, nullkommanull. Die Qualität bei uns ist sehr hoch, von meinen Spielern und ihren Möglichkeiten bin ich absolut überzeugt.

Haben sich Süle und Rüdiger als Duo der allernächsten Zukunft im Abwehrzentrum empfohlen?

Sie haben es gut gemacht in den ersten drei Spielen. Ich habe dies registriert und mich sehr darüber gefreut.

Ich will authentisch sein und andere so behandeln, wie ich selbst gerne behandelt werden möchte.

Hansi Flick

Ist Mats Hummels damit weniger wichtig?

Auf keinen Fall. Mats konnte nach der EM wegen seiner Verletzung nicht optimal trainieren. Bei ihm müssen wir einfach noch abwarten. Aber grundsätzlich hat er eine herausragende Qualität. Ich habe lange mit ihm gesprochen und ihm gesagt, dass wir immer offen und ehrlich miteinander umgehen werden. Diese Garantie haben die Spieler bei mir. Ich will authentisch sein und andere so behandeln, wie ich selbst gerne behandelt werden möchte.

Haben Sie in den Jahren als Bayern-Cheftrainer die Erfahrung gemacht, dass ein solch offener und klarer Führungsstil von den Spielern geschätzt wird?

Ja. Allerdings sind klare Worte für einen Trainer nicht immer einfach. Ich gehe nicht gerne zu einem Spieler mit einer schlechten Nachricht. Ich würde ihm auch lieber sagen, du spielst und bist klasse.

Wusste und weiß Leroy Sané Ihre offenen Worte besonders zu schätzen?

Leroy ist ein ganz feiner Kerl, ein großartiger Fußballer, wir freuen uns sehr über seine aktuelle Entwicklung. Uns war klar, dass er Zeit, aber auch Vertrauen braucht. Ich glaube, dass es jetzt bei ihm 'Klick' gemacht hat. Diese Entwicklung war wichtig - und sie kam zum richtigen Zeitpunkt.

Ist Timo Werner vom Typ her ebenso, dass er besondere Fürsprache benötigt und er dieses Vertrauen auch schon zurückzahlt?

Er hat gegen Island sein Tor gemacht, das war sehr wichtig, das war elementar. Wir wollten ihn unbedingt auf dem Platz lassen, damit er noch dieses Tor machen kann - und ich bin froh, dass es so gekommen ist.

Mario Götze und Hansi Flick (re.)

Beobachtet und schätzt Mario Götze, hat offensiv beim DFB aber auch "fast ein Überangebot": Hansi Flick. imago sportfotodienst

Wie weit ist Mario Götze weg von einem Comeback?

Wir haben ihn beobachtet. Mario hat dort Qualitäten, wo wir sie brauchen, im letzten Drittel. Er hat eine gute Technik, einen guten ersten Kontakt, ist torgefährlich, kann aber auch den letzten entscheidenden Pass spielen. Aber auf seiner Position ist die Qualität bei uns einfach sehr hoch, ich habe hier fast ein Überangebot.

Ist Jonas Hofmann als Rechtsverteidiger mehr als ein Experiment?

Er hat es gegen Armenien sehr gut gemacht, auch defensiv, und gezeigt, dass die Aufstellung nicht ganz so falsch war. Seinen Gegenspieler hatten wir als einen der fußballerisch stärksten Armenier empfunden, Jonas hat ihn abgemeldet und auch offensiv Akzente gesetzt. Er hat eine gute Geschwindigkeit, eine Klasse-Technik. Aber auch Lukas Klostermann hat seine Sache nach seiner Einwechslung gegen Island gut gemacht.

Thilo Kehrer ist bei Paris St. Germain kein Stammspieler, warum setzen Sie trotzdem auf ihn?

Es kommt immer auch darauf an, wo man spielt. Musiala macht bei Bayern München auch nicht jedes Spiel, aber seine Qualität steht außer Frage. Genauso ist es bei Thilo Kehrer. Ich bin mir sicher, er wird in Paris auf seine Einsätze kommen. Das nächste Beispiel ist Bernd Leno ...

... der zurzeit seinen Platz bei Arsenal eingebüßt hat.

Er wird Spiele machen in England - und wir hoffen natürlich, dass er bei Arsenal wieder die Nummer 1 wird. Wir sind von seiner Qualität überzeugt. Manuel Neuer ist bei uns die Nummer 1 vor Marc-André ter Stegen, Bernd Leno und Kevin Trapp. Das haben wir den Spielern auch klar so kommuniziert, damit jeder weiß, wo er augenblicklich steht. Jeder hat aber auch die Möglichkeit, sich in dieser Rangliste zu steigern.

Hat das zähe 2:0 gegen Liechtenstein einmal mehr offenbart, wie dringend die deutsche Nationalmannschaft einen klassischen Mittelstürmer braucht?

Da hat es nicht am Mittelstürmer gefehlt, sondern am Selbstvertrauen und an der Überzeugung, ins Eins-gegen-eins zu gehen. Es ging zunächst noch zu sehr darum, keinen Fehler zu machen. Wer aber ins Dribbling geht, kann den Ball natürlich auch verlieren. Wir benötigen die Überzeugung, das Dribbling zu gewinnen, und die Überzeugung, dass nichts passiert, selbst wenn das Dribbling mal nicht gelingen sollte. Das war gegen Armenien und Island schon viel besser. Was den Mittelstürmer betrifft: Lukas Nmecha ist einer, der aus dem Nichts ein Tor machen kann, über ihn habe ich mich schon mit Mark van Bommel ausgetauscht. Er hat Qualität, aber er braucht womöglich noch ein bisschen Zeit.

Bekommen Sie Schweißausbrüche bei dem Gedanken, dass Sie schon in gut einem Jahr eine für die WM taugliche Mannschaft präsentieren müssen?

Nein, überhaupt nicht. Wir bleiben mit den Spielern im ständigen Austausch, um ihnen nahezubringen, wie wir Fußball spielen wollen. Und wir haben noch Gelegenheiten, uns einzuspielen.

Wenn man Sie so hört, hat man das Gefühl, dass das Amt für Sie keinerlei Last, sondern nur Lust bedeutet.

Das ist auch so. Ich darf mit den besten Spielern Deutschlands zusammenarbeiten, das ist für mich etwas ganz Besonderes, eine große Ehre. Das macht mir sehr große Freude.

Wie sehr wird diese getrübt durch die Tatsache, dass Sie beim DFB einen Arbeitgeber haben, der in einer großen Vertrauenskrise steckt und sich gerade neu aufzustellen versucht?

Ich habe vorhin ja schon vom Miteinander im Fußball gesprochen. Und das bedeutet, alle mit einzubeziehen und konstruktiv im Team für die Sache zu arbeiten. Natürlich wird es auch immer mal wieder Interessenskonflikte geben. Aber ich glaube: Man tut in jeder Position immer gut daran, wenn man sich nicht so wichtig nimmt.

Wenn der Kaiser Autogramme schreibt, können wir das auch machen.

Hansi Flick

Gibt es einen Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung, seit Sie als Bundestrainer auftreten? Und treten Sie jetzt anders auf?

Die öffentliche Wahrnehmung ist schon in den vergangenen zwei Jahren anders geworden, die Aufmerksamkeit hat stark zugenommen. Das ist nun noch einmal mehr geworden. Aber ich glaube nicht, dass ich mich verändert habe. Ich mache als Bundestrainer nichts, was ich zu Hause in meiner Familie anders machen würde. Ich gebe mich so, wie ich bin. Wenn mich die Leute freundlich nach Selfies oder Autogrammen fragen, bin ich dafür gerne bereit. Das gehört dazu, so wünsche ich mir auch meine Spieler. Franz Beckenbauer war für mich immer das beste Beispiel. Er hat keinen Autogrammwunsch zurückgewiesen - und er war der beste Fußballer, den Deutschland je hatte. Wenn der Kaiser Autogramme schreibt, können wir das auch machen.

Spüren Sie die repräsentative und politische Dimension des Amtes?

Ich weiß und ich spüre, dass Bundestrainer eine exponierte Position ist.

Hansi Flick

Will nicht nur erfolgreichen, sondern auch schönen Fußball mit vielen Toren sehen: DFB-Trainer Hansi Flick. AFP via Getty Images

Sie sagten vorhin, es gehe immer um den größtmöglichen Erfolg. Wann wäre die WM für Sie ein Erfolg?

Wenn du mit der deutschen Nationalmannschaft bei einem Turnier antrittst, dann ist es nicht genug, die Gruppenphase zu überstehen. Von uns wird mindestens das Viertelfinale, besser das Halbfinale erwartet. Das ist aber auch der Anspruch eines jeden Spielers.

Oliver Bierhoff hat vor Jahren als Anspruch des DFB genannt, dass die besten Trainer beim Verband arbeiten sollten. Die jüngsten Beispiele zeigen eher, dass diese Trainer bei der erstbesten Gelegenheit den Verband verlassen. Warum ist das so?

Die These stimmt so nicht. Das aktuelle Beispiel Toni Di Salvo, der jetzt zum Cheftrainer der U 21 aufgestiegen ist, belegt das Gegenteil. Warum haben sich in Hoffenheim unter Bernhard Peters und Ralf Rangnick so viele Trainer entwickelt? Weil es dort klare Strukturen und eine klare Idee vom Fußball gab, weil die Trainer dort gefördert wurden. Genau das muss sich der DFB auch weiter vornehmen.

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