2. Bundesliga

Klaus Filbry im Interview: "Wir tätigen keine Panikkäufe"

Bremens Geschäftsführer Finanzen im Gespräch mit dem kicker

Filbry im Interview: "Wir tätigen keine Panikkäufe, um öffentliche Meinungen zu befriedigen"

Er stellte sich den Fragen des kicker: Bremens Geschäftsführer Finanzen Klaus Filbry.

Er stellte sich den Fragen des kicker: Bremens Geschäftsführer Finanzen Klaus Filbry. imago images

Herr Filbry, das Credo der neuen Saison beim SV Werder Bremen lautet ja, einen Wiederaufbau zu betreiben. Wie weit ist dieser nach dem 3. Spieltag in der 2. Liga vorangeschritten?

Wir wissen, dass wir auf einigen Positionen noch Qualität brauchen. Wir haben nach dem Abstieg formuliert, wie unsere Ziele aussehen: Dabei geht es um einen Wiederaufbau und einen konkurrenzfähigen Kader für die 2. Liga, der die Wettbewerbsintensität annimmt, um oben mitzuspielen.

Hat das 1:4 gegen den SC Paderborn vom vergangenen Sonntag gezeigt, dass der Weg nach oben weiter ist, als man das vielleicht angenommen hat?

Die ersten drei Spieltage haben uns sehr klar vor Augen geführt, dass es zumindest ein sehr steiniger Weg sein wird, der Rückschläge beinhaltet - und dieses Spiel war auf jeden Fall ein Rückschlag. Aber ich glaube nicht, dass wir das Spiel verloren haben, weil unser Kader nicht wettbewerbsfähig ist. Da waren andere Sachen nicht gut, es gab zu viele individuelle Fehler und wir haben es an den Basics fehlen lassen.

Vor Saisonstart meinten Sie, dass man in Bremen spüre, dass die Leute Lust auf die neue Saison haben - ist diese zarte Euphorie durch das Pokal-Aus in Osnabrück und die Paderborn-Partie schon wieder verflogen?

Sie hat einen Dämpfer bekommen. Dass es an einem Traditions- und Abstiegsstandort per se eine andere Erwartungshaltung gibt, das ist normal in Fußball-Deutschland, dem müssen wir uns auch stellen. Aber die geäußerte Kritik gegen Frank (Baumann, Sportchef, d. Red.) ist aus meiner Sicht unberechtigt.

Es gab Pfiffe und zahlreiche "Baumann raus"-Rufe. Qua Position hätte es auch "Filbry raus" heißen können.

Ich sehe uns in der gemeinsamen Verantwortung, als Geschäftsführung und mit dem Aufsichtsrat, weil wir diesen Kurs zusammen bestimmt haben. Aber auch die Mannschaft muss man einbeziehen. Jeder hat hier seine Verantwortung zu tragen und sich der Kritik zu stellen, und das tun wir geschlossen.

Warum ist die Kritik unberechtigt, wie Sie sagen?

Wir haben es durch die sehr gute Arbeit von Frank und auch Clemens (Fritz, Leiter Profifußball, d. Red.) bis jetzt geschafft - weil wir hart verhandelt haben -, viele vernünftige Transfererlöse in einem unfassbar schwierigen und fast stagnierenden Markt zu erzielen. Damit haben wir unsere wirtschaftlichen Ziele fürs Erste erreicht.

Die ursprünglich wie lauteten?

Wir hatten für die abgelaufene Saison durch den Rashica-Transfer rund zehn Millionen zu erlösen, das ist uns gelungen. Und wir haben für diese Transferphase ein Nettotransfererlös-Ziel von 20 Millionen Euro definiert - dieses Ziel haben wir nun ebenfalls erreicht, obwohl es nur schwer absehbar war, welche Spieler uns überhaupt verlassen werden. Daher konnten wir es uns auch nicht erlauben, Spieler auf Vorrat zu verpflichten.

Weil das Risiko bestand, andere Spieler womöglich nicht noch verkaufen zu können?

Beispiel: Wir wussten nicht, dass wir ein sehr attraktives Angebot aus England für Josh Sargent bekommen würden. Wenn wir zuvor einen Stürmer in einer gehobenen Gehaltsklasse verpflichtet hätten, hätte es sein können, dass wir da überbesetzt gewesen wären. Beispiel: Innenverteidigung. Da sind wir mit Lars Lukas Mai und Anthony Jung ein Risiko eingegangen, was dazu führt, dass wir aktuell vier Innenverteidiger und zwei weitere Spieler haben, die die Position ebenfalls spielen können, und somit ein Überangebot auf der Position besteht. Beispiel: Fredrik Aursnes. Wenn wir ihn verpflichtet hätten, ohne zu wissen, ob Maximilian Eggestein uns verlässt, wären wir zu diesem Zeitpunkt qualitativ und finanziell überbesetzt gewesen. Dann hätten wir unvernünftig gehandelt. Wir mussten erst einmal die wirtschaftliche Stabilität wiederherstellen.

Heute können wir sagen: Die Saison ist auf jeden Fall durchfinanziert.

Klaus Filbry

Wie steht es um diese, Stand August 2021?

Der Abstieg bedeutet Mindereinnahmen von rund 35 Millionen Euro und die Pandemie weitere 35 Millionen. Durch drei Bausteine konnten wir uns stabilisieren: einen Kredit, abgesichert durch die Landesbürgschaft, die Mittelstandsanleihe und durch Transfererlöse. Heute können wir sagen: Die Saison ist auf jeden Fall durchfinanziert. Aber wir haben auch Belastungen durch das Fremdkapital, das wir aufgenommen haben, das sukzessiv zurückgeführt werden muss. Und wir haben nach wie vor eine Unsicherheit, wann wir wieder vor vollem Haus spielen können.

Bislang sind 50 Prozent der Stadionkapazität zugelassen - wie sehr hilft das finanziell weiter?

Natürlich geht das in die richtige Richtung, aber es hilft nicht genug und ist nicht annähernd das, was wir benötigen. Es wird uns langfristig weiterhin vor erhebliche finanzielle Herausforderungen stellen - die aber die gesamte Branche zu tragen hat. Man muss also weiterhin vorsichtig sein. Denn dieser Zustand ist nur bedingt durchhaltbar.

Kann man sagen, dass ein Wiederaufbau nicht so kostenintensiv ist wie das Aufstellen für den direkten Wiederaufstieg?

Wir haben in der Vergangenheit anhand anderer Beispiele gesehen, dass ein hoher Geldeinsatz nicht automatisch bedeutet, dass man den Wiederaufstieg in der Tasche hat. Am Ende geht es darum, einen vernünftigen Wiederaufbau zu leisten, so wie Markus Anfang das betont hat.

…der für seine Art Fußball zu spielen eigentlich andere Spieler benötigt als der bisherige Kader verfügte. Erschwert das den Umbau zusätzlich?

Wir haben mit Leo Bittencourt, mit Abed Nankishi, mit Eren Dinkci, mit Romano Schmid und Felix Agu bereits Spieler im Kader, die über die Flügel kommen können. Aber wir wissen auch, dass Markus für die Außenposition und die zentrale Sturmposition noch Handlungsbedarf sieht. An diesen Personalien arbeiten wir.

Der letzte Bremer Neuzugang wurde am 1. Juli bekanntgegeben.

Aktuell dauert es an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas länger, weil wir bei den Transfers jetzt sorgfältige Entscheidungen treffen müssen. Clemens und Frank arbeiten daran, aber man muss konstatieren, dass es nicht so schnell geht, wie wir uns das alle wünschen würden. Das bedarf Geduld.

Clemens und Frank haben viele Dinge vorbereitet, Optionen aufgebaut.

Klaus Filbry

Hat Anfang diese Geduld?

Er geht sehr konstruktiv mit der Situation um, er wusste auch darüber Bescheid, wie sich die Situation bis zum 31. August darstellen könnte. Wir versuchen die Dinge gerade sehr seriös umzusetzen, agieren da nicht planlos. Clemens und Frank haben viele Dinge vorbereitet, Optionen aufgebaut. Aber das ist für die große Öffentlichkeit natürlich schwierig darstell- und vermittelbar.

Das heißt?

Es ist ja nicht so, dass man in den Supermarkt geht, sich etwas greift und bezahlt. Die Dinge bedürfen einer gewissen Sorgfaltspflicht, um sie zu finalisieren. Sprich: Der Spieler, der Berater, der Verein müssen mitspielen und es muss ein nicht unseriöser Marktwert sein. Wir dürfen also keine Panik-Käufe tätigen, um irgendwelche öffentlichen Meinungen zu befriedigen. Gleichzeitig nehmen wir wahr, dass die Fans unzufrieden sind, a) mit der sportlichen Leistung und b) mit der Geschwindigkeit.

Hat sich Frank Baumann mit seiner Ankündigung vor einem Monat, noch 15-20 Transfers zu tätigen, selbst einen Gefallen getan?

Er hat einfach offen und ehrlich über die Planungen gesprochen - und ich bin mir sehr sicher, dass wir am 31. August in dieser Größenordnung liegen werden.

Das Ende der Transferperiode rückt näher, macht das die Bemühungen um Zugänge eher schwieriger oder einfacher?

Die Vergangenheit hat gezeigt: sowohl als auch. Es kann durchaus sein, dass sich die eine oder andere Opportunität ergibt. Aber mit weniger Zeit können Lösungen auch schwieriger umsetzbar sein.

Welche Spieler kann sich Werder Bremen denn überhaupt leisten? Wie viel Geld der eingenommenen Millionen sind reinvestierbar?

Ich bitte um Verständnis, dass ich Ihnen darauf keine Antwort geben kann.

Kann man sich den niederländischen Torschützenkönig Georgios Giakoumakis leisten?

Am Ende des Tages geht es immer darum, welche Konditionen ausgehandelt werden. Und dann muss man das beurteilen.

Wie viele Spieler werden Werder noch verlassen?

Ich glaube nicht, dass es noch viele sein werden - aber bei dem einen oder anderen ist es nicht auszuschließen. Wir müssen niemanden mehr verkaufen und werden nur noch Spieler abgeben, wenn es wirtschaftlich passt und wir eine Alternative verpflichten können, die uns sportlich weiterhilft.

Wir haben vor der Saison alle Logen verkauft, auch das gab es in der Vergangenheit so nicht.

Klaus Filbry

Muss man, wenn man sich den Status quo in Bremen vor Augen führt, davon ausgehen, dass es für den Klub ein Übergangsjahr in der 2. Liga wird?

Es ist noch zu früh, um das zu beantworten.

Was würde ein nicht gelingender Wiederaufstieg aus wirtschaftlicher Sicht bedeuten?

Fakt ist: Wir sind jetzt mit den Langzeitauswirkungen des Fremdkapitals beschäftigt, das über die nächsten fünf bis sechs Jahre zurückgeführt werden muss. Natürlich muss es da unser Anspruch sein, möglichst schnell wieder erstklassig zu spielen. Und daran arbeiten wir.

Merken Sie, dass die Strahlkraft des SV Werder Bremen nach dem Abstieg bereits abgenommen hat?

Der Unmut der Fans vom Sonntag, dass es schneller gehen soll, wieder erfolgreich zu sein, ist an einem Traditionsstandort legitim - das macht einen solchen Standort auch aus. Was wir aber auch festgestellt haben, war eine Warteliste von 12.000 Menschen beim Dauerkartenverkauf - die längste, die wir jemals hatten. Wir haben vor der Saison alle Logen verkauft, auch das gab es in der Vergangenheit so nicht. Wir haben gute, neue Sponsoren finden können, was in der 2. Liga nicht selbstverständlich ist. Und wir haben so viele Mitgliedereintritte in dieser kurzen Zeit seit dem Abstieg wie nie zuvor in der Geschichte des Vereins verzeichnen können. Wir merken also die Ungeduld, aber auch die Lust.

Wie blicken Sie persönlich der bevorstehenden Wahl der vier neuen Aufsichtsräte am 5. September entgegen?

Ich glaube, dass wir einen Wahlausschuss haben, der sich sehr intensiv, integer und lösungsorientiert mit diesem Thema auseinandersetzt. Alles weitere kann ich aus meiner Warte nicht kommentieren.

Sind Sie besorgt, dass es zu Änderungen kommen könnte - auch in Ihrem Bereich?

Nein. Wir haben mit dem aktuellen Aufsichtsrat sehr konstruktiv und vertraulich gearbeitet - auch kritisch. Wenn dann neue Mitglieder in den Aufsichtsrat kommen, dann werden wir auch mit ihnen auf einer Sachebene sehr gut zusammenarbeiten. Und dann ist es natürlich die Verantwortung eines jeden Aufsichtsrats, die Arbeit der Geschäftsführung zu beurteilen.

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