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Eckhard Krautzun wird 80: Der Mann, der einer Katastrophe entging:

Trainer und Weltenbummler

Fergusons Kumpel, der einer Katastrophe entging: Krautzun wird 80

Seit Jahren für einen Trip nach Heidelberg verabredet: Sir Alex Ferguson und Eckhard Krautzun.

Seit Jahren für einen Trip nach Heidelberg verabredet: Sir Alex Ferguson und Eckhard Krautzun. imago images

Würde alles seinen normalen Gang gehen, wäre die Welt nicht von einem Virus befallen, hätte Eckard Krautzun am Montagabend dieser Woche eine Nummer in England gewählt, angerufen und unmittelbar nach der Auslosung der 4. FA-Cup-Runde um ein Ticket für das Spiel Manchester United gegen FC Liverpool gebeten. Und natürlich sofort einen Sitzplatz erhalten, einen der besten, vermutlich direkt neben Sir Alex Ferguson.

Denn mit der schottischen Trainer-Legende von United verbindet Krautzun das, was man eine Männerfreundschaft nennt. Auch zu Jürgen Klopp bestehen gute Verbindungen. Das Premier-League-Duell bereits am kommenden Sonntag in Anfield (17.30 Uhr, LIVE! bei kicker) hätte sich Krautzun wohl selbst zum Geburtstag geschenkt: An diesem Mittwoch wird der deutsche Fußballlehrer und Weltenbummler 80.

Den Knaller auf der Insel wird er daheim vor dem Bildschirm verfolgen - und dabei nicht nur ganz stark darauf hoffen, sondern fest davon ausgehen, bald wieder in einem Stadion Fußball unmittelbar beobachten zu dürfen. "Mit Gelasseneit, Demut, Disziplin und Optimismus schaffen wir das." Mit dieser Haltung ging Kratzun ins Jahr 2021, so geht er in sein neues Lebensjahr.

Würde, wäre, hätte. Konjunktive haben für Krautzun eine besondere Bedeutung. Weil der damalige Präsident von Rot-Weiss Essen, Toni Döbbe, ihn anrief und um einen Termin bat, weil RWE einen Trainer suchte, buchte Krautzun am 21. Dezember 1988 um. Bestieg somit nicht Flugnummer 103 der Airline Pan Am, die Boeing 741, die zwischen London und New York über dem schottischen Lockerbie von libyschen Terroristen gesprengt wurde. Alle 259 Insassen und elf Menschen in dem Ort starben.

Eckhard Krautzun

Seit diesem Mittwoch 80: Eckhard Krautzun. imago images

Krautzun entkam der Katastrophe. Aus dem Engagement in seiner Heimatstadt Essen wurde nichts. Flugzeuge bestiegen hat er immer wieder. In insgesamt zwölf verschiedenen Ländern und auf 32 Stationen hat er Mannschaften betreut. Eine abenteuerliche Karriere mit gelebter Weltoffenheit und einer pausenlosen Beschäftigung mit dem Fußball. Wenn er nicht als Angestellter tätig war, dann eben als Scout für Kollegen oder als Verbandsberater. Heute noch.

Aus einer Spielbeobachtung für einen Abend wurde einst prompt der erste mehrtägige Aufenthalt bei Sir Alex. Da tickten zwei ähnlich, hatten sich so viel zu erzählen. Auch das ist heute noch so. Ein Gegenbesuch "Fergies" beim jetzt im hessischen Heppenheim lebenden Krautzun samt Ausflug nach Heidelberg ist seit Jahren verabredet, steht aber immer noch aus.

Krautzun spielte unter anderem für Union Solingen, Tennis Borussia Berlin und den 1. FC Kaiserslautern. 1970 wurde er Nationaltrainer Kenias. Die Verbände Kanadas, Japans, Malaysias, Tunesiens und auf den Philippinen sowie Chinas sicherten sich ebenfalls seine Dienste. Das nordafrikanische Land führte er zur WM 2002, nahm aber am Turnier in Japan und Südkorea nach Dissonanzen mit der tunesischen Verbandsführung nicht mehr teil.

Eckhard Krautzun

Eckhard Krautzun führte Kaiserslautern ins Pokalfinale. imago images

Mit dem TSV München 1860 schaffte Krautzun 1979 den Aufstieg in die Bundesliga. 1995 kam er mit dem VfL Wolfsburg ins DFB-Pokal-Endspiel, war aber im Finale nicht mehr Trainer. Ein Jahr später holte er in Berlin den Pott mit dem 1. FC Kaiserslautern, musste Lautern aber nach dem gleichzeitigen Bundesliga-Abstieg verlassen. In Mainz (Klopp), Freiburg (Volker Finke) und in der Pfalz (Otto Rehhagel) folgten jeweils große Namen auf Krautzun.

Würde alles seinen normalen Gang gehen, wäre Krautzun auch mit 80 Jahren bei der internationalen Tagung des Bundes Deutscher Fußballlehrer in diesem Jahr präsent. Wenn es, vielleicht mit viel Glück 2021, oder 2022 zum nächsten großen Trainertreffen kommt, dann kann der Weltenbummler und Abenteurer eine der vielen Geschichten erzählen, die er erlebt hat: Wie er Diego Maradona bei einem Jubiläumsspiel von Al-Ahli Dschidda in Saudi-Arabien in seiner Mannschaft hatte.

Jörg Jakob