Schweiz

Brecher über Breitenreiter: "Hat uns zum Meister gemacht"

Interview mit dem Kapitän des Schweizer Champions

FCZ-Torwart Brecher über Breitenreiter: "Er hat uns zum Meister gemacht"

Stütze im FCZ-Tor und Kapitän des Schweizer Meisters: Yanick Brecher.

Stütze im FCZ-Tor und Kapitän des Schweizer Meisters: Yanick Brecher. imago images/Pius Koller

Herr Brecher, am 1. Mai hat der FCZ mit einem 2:0-Sieg gegen den FC Basel Geschichte geschrieben und nach über zehn Jahren die 13. Meisterschaft mit dem FC Zürich gewonnen. Wie war die Stimmung vor dem Spiel?

Ich wusste schon die ganze Woche, dass wir im Klassiker gegen Basel Meister werden können, das hat man einfach gespürt. An dem Tag selbst war es ähnlich wie bei einem Pokalfinale. Jedem war klar, dass es das entscheidende Spiel sein kann und es an diesem Tag die Entscheidung geben wird.

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Was ging Ihnen dann in den letzten Minuten vor dem Schlusspfiff durch den Kopf, als Sie wussten, dass ihr endlich euer Ziel erreicht habt?

Mit dem Kopf ist man dann natürlich nicht mehr zu 100 Prozent auf das Spiel fokussiert. Man hat ganz andere Gedanken, schaut zu den Fans und nimmt die Atmosphäre noch stärker wahr. Aber auch Gedanken vom Abstiegskampf der letzten Saison kommen nochmal hoch. Wie eine Art Flashback, der einen vor Augen führt, wie hart der Weg bis zur Meisterschaft war.

Im Mai 2009 gewann der FCZ das letzte Mal die Meisterschaft. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie an diesem Tag gemacht haben? Sie waren ja selbst früher als Fan oft im Stadion.

Genau, ich war beim Spiel der Pokalübergabe damals im Stadion. Später war ich auch mit den anderen Fans unten auf dem Platz und habe mich dort bis nach vorne zur Trophäe gekämpft, sodass ich sie wenigstens kurz berühren konnte. Damals habe ich natürlich nie daran gedacht, selbst als Kapitän des FC Zürich den Pokal zu gewinnen und hochzustemmen. Das ist natürlich das I-Tüpfelchen. Das hätte ich mich damals niemals getraut zu träumen.

2009 war ebenfalls das Jahr, wo es der FCZ das erste Mal in die Gruppenphase der Champions League geschafft hat und gegen große Klubs wie Real Madrid, AC Mailand oder Olympique Marseille gespielt hat. Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen, dass sich dieses Szenario in diesem Jahr wiederholen könnte?

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Es ist um einiges schwieriger geworden, da uns drei Qualifikationsrunden bevorstehen. Das hatten wir damals nicht. Man weiß auch nie, wie die Mannschaft zusammenbleibt. Wenn man so unverhofft Meister wird, wird es natürlich auch einige Abgänge und Wechsel geben. Aber klar, von der Champions League träumt jeder. An einem guten Tag ist auch in den drei Champions League Qualifikationsspielen alles möglich, da kannst du jeden schlagen. Für uns und für mich ist einfach das Ziel, eine Gruppenphase in einem europäischen Wettbewerb zu erreichen. Wir wollen in die Champions League, aber wenn das nicht möglich sein sollte, schauen wir, dass wir dennoch in den weiteren internationalen Wettbewerben spielen können.

Sie sagten, dass jetzt, wo ihr Meister seid, auch Spieler den Verein verlassen könnten. Assan Ceesay und Ousmane Doumbia könnten zwei davon sein. Was würde das für eine Auswirkung auf die Mannschaft haben, wenn beide den Verein verlassen würden?

Falls sie uns tatsächlich verlassen würden, kommt es darauf an, wie diese ersetzt werden. Wenn man da die richtigen Spieler holt, die genauso viel Erfahrung haben, wie die beiden, dann halten sich die Auswirkungen in Grenzen. Es ist immer gut, wenn mal etwas frischer Wind in die Mannschaft kommt. Wichtig ist, dass wir uns in der Breite und in der Spitze des Kaders weiter verstärken. Gerade am Anfang der Saison, werden wir von einer Englischen Woche zur nächsten wandern. Das wird ein Drei-Tages-Rhythmus mit Meisterschaft und Qualifikationen für die internationalen Wettbewerbe. Da ist es schon wichtig, dass wir die Breite im Kader behalten und in diesem Rhythmus Leistung abliefern.

Wenn Sie sich eine Gruppe in der Champions League für Zürich aussuchen dürften, gegen welche Vereine würden Sie am liebsten spielen?

Das ist eine schwere Frage und noch sehr weit weg (lacht). Aber klar, Real Madrid wäre sicher etwas. 2009 war ich beim Spiel in Zürich gegen die "Galaktischen". Wenn du dann zwei Jahre später in die erste Mannschaft kommst und dann mit Spielern, die damals im Bernabeu gespielt haben, sprichst, merkst du schon, dass das ein einzigartiges Erlebnis ist. Das würde ich gerne selbst erleben. Aber auch englische Vereine reizen mich, da der englische Fußball sehr speziell ist und ich diesen noch nicht oft erlebt habe. Außerdem gibt es so viele Stadien, die ihre eigene Geschichte haben. Das ist schon etwas anderes, wenn du als Zuschauer eine Besichtigung machst oder als Spieler auf dem Rasen stehst. 2018 hatten wir mit Leverkusen schon ein Rendezvous in der Europa League, das war auch schon sehr spannend - von daher wären Bundesligisten auch interessante Gegner.

Am Samstag haben Sie gegen den FC St. Gallen gespielt und 2:1 gewonnen. Wie hat sich das erste Spiel als Meister angefühlt?

Statistik

Das war ein tolles Gefühl, endlich als Meister auf dem Platz zu stehen. Ehrlich gesagt, war ich auch von unserer Leistung überrascht. Es war nämlich echt eine spezielle Woche. Viele Feiern, sehr wenig Training, ein spezieller Rhythmus eben. Daher war ich natürlich umso glücklicher, dass wir einen Sieg nachlegen konnten.

Vor einem Jahr hatte der FCZ eine schwierige Phase. Platz 8 von 10 in der Super League 2020/21 unter Trainer Massimo Rizzo. Sie hatten die Befürchtung, dass ihr mit der Leistung nicht weit kommen würdet. Wie hat sich die Mannschaft aus dieser Krise befreit, was war der Schlüsselmoment?

Ganz klar André Breitenreiter, der im Sommer gekommen ist. Er hatte einen enormen Einfluss auf die Mannschaft. Schon von Tag eins an hat man gespürt, was er für eine Persönlichkeit hat und was seine Ziele mit uns sind. Er hat sehr viele Gespräche mit uns geführt und die Mannschaft insgesamt auf einer ganz anderen Ebene abgeholt. Der größte Anteil am Erfolg ist daher sicher ihm zuzusprechen. Aber natürlich auch der Mannschaft, die in diesem Jahr auf einem Top-Niveau konstant ihre Leistung abgerufen hat.

Können Sie sich denn noch erinnern, was André Breitenreiter euch in der Kabine während der Halbzeitpause gesagt hat, nachdem ihr schon 2:0 gegen Basel in Führung wart?

Wir sind in die Kabine gekommen und waren schon positiv gestimmt. Dann kam André rein und meinte: "Das war die schlechteste Leistung seit langem." Da waren wir im ersten Moment natürlich alle etwas perplex (lacht), aber er hatte Recht. Er hat uns in dem Moment wieder etwas auf den Boden der Tatsachen gebracht. In der zweiten Halbzeit waren wir deutlich konzentrierter.

Also ich glaube Training kann man das nicht nennen. Es war eher mehr eine Bewegungstherapie.

Yanick Brecher über das "Training danach"

Wann war für Sie der Wendepunkt in der Saison, als Sie realisiert haben, dass die Meisterschaft gar nicht mehr so abwegig ist?

Schon zu Beginn der Saison hat man gemerkt, dass wir eine spezielle Mannschaft sind und wir das Zeug dazu haben, Größeres zu erreichen, solange wir unsere Leistung auf den Platz bringen und unseren Plan nicht aus den Augen verlieren. Dass wir das am Ende wirklich so durchziehen, hätte niemand gedacht. Ich auch nicht. Der Schlüsselmoment war definitiv die Rückrunde, als wir mehrere Punkte Vorsprung hatten und die Konkurrenz Punkte liegenließ. Da gab es schon den Moment, wo ich mir überlegt habe: Wenn wir das in dieser Form weiterhin durchziehen, werden wir Schweizer Meister.

Wie sah dann das erste Training mit der Mannschaft aus?

Also ich glaube Training kann man das nicht nennen. Es war eher mehr eine Bewegungstherapie (schmunzelt). Ich glaube, wenn man uns von außen zugesehen hat und nicht wusste, wer auf dem Platz steht, dann hätten wir auch als Kreisligamannschaft durchgehen können (lacht). Die Fehlerquote war sehr hoch, die Bewegungen waren sehr langsam und träge.

Sie haben erzählt, dass Sie am Tag der großen Feier mit den Fans erst um 4 Uhr in der Früh zu Hause angekommen sind, aber erst um 7 Uhr schlafen konnten.

Innerlich war ich schon um Mitternacht völlig ausgelaugt, weil alles so emotional war. Dann kam eben irgendwann die Müdigkeit und ich habe mich auf den Weg nach Hause gemacht. Dort wurde ich dann von einem riesigen FCZ-Plakat meiner Nachbarn empfangen. Das hätte ich so nicht erwartet. Ich wollte dann eigentlich direkt schlafen gehen, aber keine Chance. Ich habe mir dann auf dem Sofa nochmal die Schlüsselszenen des Spiels angeschaut. Einfach um das Ganze mal von außen zu betrachten. Auf dem Platz ist man so im Tunnel, da sieht man im Fernsehen natürlich mehr Details und verarbeitet die verschiedenen Eindrücke ganz anders.

Das war bestimmt eine besondere Situation für die Mannschaft, nach so langer Zeit ohne Fans, wieder gemeinsam feiern zu können.

Das war wirklich sehr außergewöhnlich in Basel. Dadurch, dass der Gästesektor vergrößert wurde, herrschte eine überragende Stimmung im Stadion. Dann waren wir in Zürich auf dem Balkon beim Helvetiaplatz. Wenn man da diese Menschenmengen sieht, das ist einfach unglaublich. Drei Mal war ich nach Pokalsiegen schon dort, aber die Massen an Fans sind nicht vergleichbar mit denen der Meisterfeier. Das hat einfach einen besonderen Stellenwert.

Es ist natürlich nachvollziehbar, dass er sich Gedanken macht, wenn Vereine aus der Bundesliga Interesse zeigen.

Yanick Brecher über Breitenreiter

Zuletzt hat die Bild-Zeitung davon berichtet, dass verschiedene Vereine Interesse am Meistertrainer André Breitenreiter haben, u.a. Hertha BSC. Was sagen Sie dazu und warum sollte Breitenreiter bleiben?

Für uns wäre das natürlich extrem schade, wenn er gehen würde. Wir haben eine sensationelle Saison unter seiner Leitung gespielt. Drei Jahre lang standen wir konstant in der unteren Tabellenhälfte. Er hat uns zum Meister gemacht. Sowas ist einmalig, da ist es normal, dass andere Vereine auf ihn aufmerksam werden. Aber mit uns hat er die Möglichkeit, und da glaube ich unterscheiden wir uns von einigen Vereinen, in der Champions-League-Qualifikation zu spielen, was schon immer ein großer Wunsch von ihm war. Das ist ein Argument für Zürich, natürlich neben der tollen Stadt, dem Verein und eben der gesamten Mannschaft, die das bis dato sehr gut gemacht hat. Es ist aber natürlich nachvollziehbar, dass er sich den ein oder anderen Gedanken macht, wenn Vereine aus der Bundesliga Interesse zeigen.

Sie sprechen die Bundesliga an. Vor zwei Jahren haben Sie erzählt, dass Sie sich auch vorstellen könnten, dort zu spielen. Wäre das immer noch eine Option für Sie?

Ja, sicher. Zur Bundesliga darf man nie nein sagen - das ist so. Ich bin sehr glücklich hier in Zürich. Ich bin hier aufgewachsen und meine Kinder wachsen hier auf - das ist mein Verein. Aber sollte es so sein, dass sich ein Bundesligist bei mir melden würde, wäre das für mich sportlich gesehen nochmal eine neue Herausforderung und da ist es logisch, dass ich mir das genau überlege. Da kann man nicht einfach im Vorhinein schon nein sagen.

Im Winter fährt die Schweiz zur WM nach Katar. Dort trifft die Nati in der Gruppe G auf Brasilien, Serbien und Kamerun. Wie sehen Sie die Chancen für die Schweiz bei der WM?

WM 2022 in Katar

Ich glaube es gibt keine leichte Gruppe bei einer WM. Alle Mannschaften sind so eng beieinander, das sieht man ja auch in anderen internationalen Wettbewerben. Die Schweiz hat aber in der letzten Zeit bewiesen, dass wir eine Chance bei großen Turnieren haben. Nach dem Spiel gegen Frankreich im letzten Sommer, hat jeder gesehen, was für eine Qualität die Mannschaft hat. Wenn sie diese Leistung wieder auf dem Platz zeigen, dann haben sie durchaus Potenzial sich für die K.-o.-Phase zu qualifizieren.

Wer sind Ihre Favoriten bei der bevorstehenden WM?

Ich habe noch Vorfahren aus Frankreich, daher ist noch etwas französisches Blut in mir. Frankreich hat eine sehr starke Mannschaft. Ich war daher überrascht, dass die Schweiz sie damals geschlagen hat. Ich denke aber, wenn Frankreich wieder in gewohnter Qualität spielt, dann sind sie sicher einer der Titelfavoriten und auch eine Mannschaft, die ich verfolgen werde.

Wie werden Sie die kommende WM verfolgen?

Meine Tochter ist ein absoluter Fußballfan. Bei jedem Heimspiel ist sie dabei. Sie ist zwar erst zweieinhalb Jahre alt, aber sie übt jetzt schon die Fangesänge des FC Zürich nachzusingen. Daher werde ich sicher mit ihr auch das ein oder andere Spiel im Fernsehen schauen. Ganz sicher werde ich aber die Spiele der Nati verfolgen, das ist natürlich Pflicht für jeden Schweizer (schmunzelt).

Hat nach der gewonnenen Meisterschaft schon der Nati-Trainer bei Ihnen angerufen?

Nein, das nicht. Mein Pech ist, dass wir so viele gute Torhüter in der Schweiz haben, die in der Bundesliga oder in Frankreich spielen.  Von daher ist es für mich selbstverständlich, dass diejenigen, die auf einem Top-Niveau spielen und Woche für Woche abliefern, mit zur Weltmeisterschaft fahren. Natürlich hat jeder Spieler den Traum für die Nationalmannschaft aufzulaufen, aber ich habe kein Problem damit, wenn ich die Spiele mit meinen Kindern von zu Hause aus verfolge.

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