3. Liga

FCK-Keeper Raab: "Ich habe die Welt nicht mehr verstanden"

Kaiserslauterns Nummer 1 im kicker-Interview

FCK-Keeper Raab: "Ich habe die Welt nicht mehr verstanden"

Sicherer Rückhalt: Raab ist einer der Lichtblicke inmitten des Lauterer Fehlstarts.

Sicherer Rückhalt: Raab ist einer der Lichtblicke inmitten des Lauterer Fehlstarts. Getty Images

Drei Nominierungen für die Elf des Tages - nach erst acht Spielen. Nicht nur beim hitzigen Duell gegen Waldhof Mannhein avancierte der Schlussmann zum Matchwinner. Trotz erst zwölf Drittliga-Einsätzen gibt Raab routiniert den sicheren Rückhalt und ist mit einem kicker-Notenschnitt von 2,56 bisher der beste Keeper der Liga.

Herr Raab, im Derby gegen Mannheim verteidigten mehr als eine Halbzeit lang nur noch acht Feldspieler. Gefällt es Ihnen, als Torhüter durchgehend gefordert zu sein?

Das kommt ganz darauf an, wie es am Ende ausgeht (lacht). Na klar ist es eine reizvolle Aufgabe, 45 Minuten voll unter Spannung zu stehen und jederzeit mit einem Schuss rechnen zu müssen. Aber natürlich spielt man lieber Elf gegen Elf. Denn mit zwei Mann weniger kann es ganz schnell auch böse enden.

In diesem Fall ging es bekanntermaßen gut aus. Was ging ihnen nach der zweiten Roten Karte durch den Kopf?

Es war klar, dass es eigentlich nur noch darum ging, sich in die Pause zu retten und danach so lange wie möglich die Null zu halten. In der Halbzeitpause war eine besondere Stimmung in der Kabine. Jeder von uns war davon überzeugt, dass wir erfolgreich zusammen fighten und uns mindestens den Punkt verdienen werden. Das hat man denke ich auch gesehen.

Haben Sie eine Erklärung, warum genau diese Einstellung zuletzt häufiger vermisst wurde und die Leistungen eklatanten Schwankungen unterliegen?

Das fragen wir uns selbst. Es ist schwer zu beschreiben, aber die vergangene Woche und das Derby haben in uns etwas geweckt. Jeder hat in der Kabine erzählt, wo er die Gründe für unsere Probleme sieht. Gewissermaßen fand ich diese Gespräche etwas befreiend. Jetzt müssen wir diesen Einsatz aber jede Woche zeigen - auch wenn kein Derby oder ein Spiel gegen einen großen Namen ansteht.

Ich habe nie Junioren-Bundesliga gespielt und war in keinem NLZ. Da musst du dir erstmal Respekt verschaffen.

Matheo Raab

Von der öffentlichen Kritik an der Mannschaft waren Sie in den letzten Wochen ausgenommen. Mit starken Leistungen haben Sie stattdessen häufig schlimmeres verhindert. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das habe ich so nie betrachtet. Wir sind eine Mannschaft, die zusammen gewinnt und verliert. Dass es bei mir momentan gut läuft, freut mich natürlich, doch viel wichtiger ist, dass uns jetzt der Neustart gelingt.

Im Sommer 2020 unterschrieben Sie ihren ersten Profivertrag, vor dieser Saison folgte die Beförderung zur Nummer 1. Haben Sie in der Vorbereitung damit gerechnet?

Es ging tatsächlich alles sehr schnell. Die letzte Saison mit dem Profidebüt war schon überwältigend für mich. Natürlich will man dann auf Dauer nicht auf der Bank sitzen. Aber gerechnet habe ich eigentlich nicht damit, denn Avdo Spahic hatte eine super Saison gespielt. Doch der Trainer hatte im Sommer einen offenen Konkurrenzkampf zwischen uns ausgerufen …

… mit dem besseren Ausgang für Sie. Hat sich die Stimmung im Torhüterteam dadurch verändert?

Dass jeder spielen will, ist selbstverständlich. Aber die Stimmung zwischen uns Torhütern ist wirklich überragend. Ich weiß nicht, ob es das im Profifußball so häufig gibt, wir verstehen uns klasse, unternehmen auch außerhalb des Platzes einiges zusammen. Letztlich fördert das die Leistung von uns allen.

Matheo Raab und Sascha Mölders

Geht keinem Zweikampf aus dem Weg: Raab im Duell mit 1860-Stürmer Sascha Mölders. imago images/MIS

Mit 18 Jahren sind Sie von Eintracht Trier auf den Betzenberg gekommen. Auch mit dem Traum von der Bundesliga angesichts der großen Torhütertradition in der Pfalz?

Ich träume immer noch von der Bundesliga (lacht), auch wenn das damals noch meilenweit entfernt für mich war. Ich habe nie Junioren-Bundesliga gespielt, war nie in einem NLZ. Dann kommst du zum FCK und triffst auf gleichaltrige Mitspieler, die schon für die Nationalmannschaft gespielt haben. Wenn die hören, woher du kommst, muss du dir erstmal Respekt verschaffen. Daran musste ich mich gewöhnen, das ging dann aber recht schnell. Der richtig große Dämpfer kam erst ein paar Wochen später.

Sie sprechen von ihrem fünften Einsatz für die 2. Mannschaft in der Oberliga. Im Oktober 2017 brachen Sie sich bei einem Zusammenprall das Schienbein. Die Profikarriere schien beendet, bevor sie angefangen hatte.

Die Szene ist mir immer wieder durch den Kopf gegangen. Ich habe anfangs nicht realisiert, wie schlimm es tatsächlich war. Es war ein totaler Schock. Schon zwei Stunden später wurde ich das erste Mal operiert, fünf weitere Operationen folgten binnen einer Woche. Die Ärzte sagten mir, es sei nicht klar, ob ich nochmal richtig laufen, geschweige denn Fußball spielen könne. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden, das musste ich erst einmal verarbeiten.

Was hat Ihnen auf dem Weg zurück geholfen?

Ohne die Unterstützung meiner Familie und von Freunden hätte ich diese Zeit nicht in der Form überstanden und wäre jetzt nicht dort, wo ich bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe die Zeit auch genutzt und ein Sportbusiness-Studium begonnen. Das hat mir sehr geholfen, den Kopf freizubekommen. Später habe ich dann regelmäßig das Torwarttraining für die U 10 bis U 13 im NLZ gemacht. Ich wollte einfach in der Thematik bleiben, auch wenn ich selbst nicht spielen konnte. Darüber hinaus hat es mir sehr viel Spaß gemacht, den jungen Spielern zu helfen.

Die achte OP war wie eine Befreiung. Seitdem gehe ich alles mit einer gewissen Leichtigkeit an.

Matheo Raab

378 Tage nach der Verletzung kam es dann doch zum Comeback …

bei dem ich aber alles andere als schmerzfrei spielen konnte. Ich hatte in der Zeit immer wieder Probleme, mit dem Knie, dem Sprunggelenk und dem Schienbein. Es hat eine ganze Weile gedauert. Erst die insgesamt achte OP war dann wie eine Befreiung.

Erzählen Sie bitte.

Damals wurden die Metallteile aus meinem Unterschenkel entfernt. Erst dann ging alles wieder ohne Einschränkungen. Das war auch vom Kopf her die Erlösung, ich konnte wieder Vollgas geben, Spaß haben und es einfach genießen. Das habe ich nach der langen Leidenszeit brutal wertgeschätzt. Es war ein purer Glücksmoment.

Inwiefern prägt Sie diese Zeit noch heute?

Es hat mir unheimlich geholfen, bei den Profis und in der 3. Liga Fuß zu fassen, da ich seitdem alles mit einer gewissen Leichtigkeit angehe. Es ist in Anführungszeichen eben nur Fußball. Ich bin so dankbar, dass ich wieder spielen kann, das führe mir immer wieder vor Augen. Wenn es Momente gibt, in denen die Motivation zum Trainieren vielleicht mal etwas geringer ist, erinnere ich mich einfach daran zurück, wie knapp ich davongekommen bin. Das ist Antrieb genug.

Matheo Raab und Tobias Sippel

Ehrmann-Schüler unter sich: Raab nach dem Pokalspiel gegen Gladbach mit dem Ex-Lauterer Tobias Sippel. imago images/Thomas Frey

Für die Torwartausbildung in Kaiserslautern war über zwei Jahrzehnte Gerry Ehrmann verantwortlich. Hat sich die Schule seit seinem Abgang im Frühjahr 2020 groß verändert?

Jeder Torwarttrainer trainiert individuell natürlich etwas anders. Aber im Großen und Ganzen machen wir auch jetzt noch vieles von dem, was wir damals unter Gerry gemacht haben. Es ist ja kein Geheimnis, dass diese Arbeit sehr erfolgreich war. Ich durfte gleich nach meinem Wechsel mit 18 Jahren einige Einheiten mit ihm und dem Zweitligateam machen, das war ein Wahnsinnserlebnis.

Mit Ihnen hat sich ein Kreis geschlossen. Wie Roman Weidenfeller haben Sie in der Jugend bei den Sportfreunden Eisbachtal gespielt. Er war Ende der 90er einer der ersten Ehrmann-Schüler, Sie einer der letzten.

Wir kennen uns auch. Sein Bruder hat mich zwischenzeitlich trainiert, darüber ist der Kontakt entstanden. Auch nach meiner Verletzung hat sich Roman bei mir gemeldet, das hat mir viel Kraft gegeben. Seine Karriere war schon etwas ganz Besonderes.

Was ist der nächste Schritt in ihrer Karriere? Der Vertrag mit dem FCK läuft zum Saisonende aus.

Wir sind in Gesprächen, aber das ist ja jetzt noch recht früh. Es ist meine erste Saison, ich will meine Leistungen bestätigen, konzentriere mich auf jedes Spiel und freue mich alles daran zu setzen, dass wir gemeinsam in die Erfolgsspur kommen.

Interview: Moritz Kreilinger

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