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Faszination Pokémon - Europas größtes Turnier

Ein Besuch der Pokémon Internationalmeisterschaften in Frankfurt

Faszination Pokémon - Das passiert bei Europas größtem Turnier

kicker eSport besucht die Pokémon Internationalmeisterschaften in Frankfurt.

kicker eSport besucht die Pokémon Internationalmeisterschaften in Frankfurt. kicker eSport

Frankfurt, Messeglände. 1240 Spieler sitzen an hundertmeterlangen Tischen. Es ist überraschend ruhig. Die Konzentration ist zu spüren. Hier finden die Pokémon "Internationalmeisterschaften" statt, oder European Championships. Es sind Teilnehmer aus 40 Ländern da und es ist eines von vier großen internationalen Turnieren in einer Pokémon Saison. Gespielt werden hier die Karten, das Videospiel, Pokémon Tekken und Go. Nur Unite fehlt.

Es ist das erste Mal in vielen Jahren, dass ein großes Pokémon-Turnier nach Deutschland kommt und laut den Teilnehmern auch das erste Offlineturnier seit zwei Jahren. kicker eSport ist der Einladung von Nintendo gefolgt: 2018 haben wir bereits mit "der unterschätzte eSport" getitelt und nutzen die Gelegenheit uns Pokémon auf höchstem Niveau anzuschauen. Wie läuft das Event ab, was ist anders als bei FIFA?

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Um diese Trophäen ging es in Frankfurt. Nintendo

Teilnehmer von 8 bis 60 Jahren

Das erste was auffällt: Wohl kaum ein anderer fantasiebasierter kompetitiver Wettkampf bringt soviele unterschiedliche Menschen zusammen. Die Halle ist voll mit Spielern von 8 bis 60 Jahren, Frauen wie Männer, unterschiedlichste Nationen, allerdings hier in Frankfurt klar mit Fokus auf Europa. Und es ist integrativ. Nur der Skill zählt, auch die 10-Jährigen schlagen locker Erwachsene. Hier wird nirgendwo ein böses Wort gewechselt, so kompetitiv die Spieler während ihrer Partien sind, so herzlich sind sie davor und danach und beglückwünschen mitunter zu guten Aktionen.

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Eigentlich nur eine Halle mit Tischen: Die Internationalmeisterschaften. Nintendo

Eigentlich ist der Besuch der Internationalmeisterschaft ernüchternd. Viel mehr als eine Messehalle mit endlos langen Tischen und einer Bühne für den Stream gibt es hier nicht - Zwei Shops, die Möglichkeit an Side Events teilzunehmen, und ein paar Foodtrucks im Hof.

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Match um Match reiht sich aneinander. Nintendo

Man könnte aber auch sagen: Es ist alles da was nötig ist, der Fokus liegt schließlich auf den Kämpfen. Und die haben es in sich: Denn Pokémon ist in jeder Ausführung hochkomplex. Selbst die Jüngsten kennen jede Karte, wissen um jede Attacke der Pokémon. Im Videospiel müssen die Kontrahenten wie im Schach mehrere Züge vorausplanen und haben nur Chancen, wenn sie die Strategie des Gegners kontern können.

"Ansonsten wäre das Chaos zu groß" sagt Weltmeister Schulz

Mit den Karten muss jederzeit aus unzähligen Möglichkeiten ausgesucht werden, die das eigene Deck bietet. Der Unterschied zu anderen Sammelkartenspielen: Bei Pokémon ziehen die Spielenden viel und durchsuchen ihr Deck. So können auch komplexe Strategien umgesetzt werden, solange der Gegner natürlich nicht dazwischenfunkt.

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Wie im Videospiel haben die Kontrahenten ein Pokémon im Kampf, und den Rest des Teams auf der Bank. kicker eSport

Und da ist Pokémon nicht anders als andere Sammelkartenspiele: Es gibt eine Handvoll Meta-Decks, die besonders stark sind. Dagegen müssen Strategien erdacht und in die eigene Zusammenstellung aufgenommen werden. Und zwar vorher, denn eine Regel bei Pokémon lautet: Man darf sein Deck während des Turniers nicht ändern.

"Ansonsten wäre das Chaos zu groß", sagt Weltmeister Robin Schulz bei uns im Interview. Einige Decks seien mit nur einer Karte zu kontern, könnte man die nachträglich reinpacken, wäre für viele Spieler das Turnier sofort zu Ende.

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2018 hat der Student seinen Pokal errungen, ist diesmal aber früh ausgeschieden und unterstreicht die beiden Punkte: Deckbau und Vorbereitung sind essenziell. Um ein Turnier zu gewinnen, müsse man "Zeit investieren, das richtige Deck zu finden und viel üben." Zwei Wochen will er sich vor den kommenden Weltmeisterschaften mit Freunden treffen und jeden Tag mehrere Stunden üben - Er ist bereits qualifiziert. In Frankfurt hingegen war Schulz "ehrlich gesagt nicht wirklich gut vorbereitet."

Pokémon ist besonders

Die positive Energie und das Gemeinschaftsgefühl, dass ich an dem Turnierwochenende erlebe, macht Pokémon so besonders. Alle Spielenden, mit denen ich spreche, betonen, wie glücklich sie sind, ihre Freunde und Bekannten wieder zu treffen.

Professoren

Die Schiedsrichter besprechen sich. kicker eSport

Hier formen sich mitunter Beziehungen für ein ganzes Leben: Baris Akcos zum Beispiel ist Schiedsrichter, oder in der deutschen Pokémon-Sprache: Professor. Er ist verlobt mit einer der Casterinnen des Turniers und kennt Markus Stadter, der immer wieder Experte für kicker eSport war, seit langem von Events auf der ganzen Welt. "Man kommt viel rum", sagt er.

Baris Akcos

Baris Akcos ist "Head Judge" in Frankfurt. Er ist schon seit vielen Jahren Schiedsrichter und war davor selbst Spieler.

Alle Schiedsrichtenden sind ehrenamtlich hier, beobachten die Spiele, achten auf Regeln, sind für Fragen offen. Je weiter die Teilnehmenden kommen, desto mehr "Professoren" beobachten die Spiele. Die Versuchung zu tricksen wird mit steigendem Preisgeld auch größer. "Es geht um mehr Geld, mehr Prestige, mehr WM-Punkte, da zählt jede Entscheidung."

Macht man gute Arbeit, wird man wieder eingeladen, auch in andere Länder, denn bei den Turnieren sind viele internationale Spieler dabei. Für Akcos ist es diesmal ein Heimspiel, er wohnt in Frankfurt.

Mitmachen kann jeder - Das Niveau ist allerdings hoch

Alle mit denen ich spreche, verstehen sich als Teil einer großen Familie und das Gefühl schwappt auch in den Finals wieder durch die ganze Halle. Zwar sind hier weniger Zuschauer als bei einer ESL One oder in Kattowitz, aber sie sind nicht weniger laut oder investiert. Die Atmosphäre gibt den Kämpfen auf der Bühne noch einmal einen ganz besonderen Reiz.

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Das Niveau ist hoch. Bei den Internationalmeisterschaften gibt es nach der WM das höchste Preisgeld. Nintendo

Die Teilnehmendenzahl sei wegen der Pandemie noch immer begrenzt, verrät Akcos. Aber schon hier ist zu spüren, welch großes Fest um die kleinen Monster von Nintendo veranstaltet wird. Teilnehmen kann prinzipiell jeder, Chancen haben bei Internationalmeisterschaften aber nur wirklich gute Spielende. Das hält die vielen Eltern jedoch nicht davon ab, selbst irgendwo in irgendeiner Disziplin mitzuspielen. Das gibt es selten bei anderen eSportarten.

Drei Tage wird in Frankfurt gespielt, am ersten müssen die Kontrahenten neun Kämpfe bestreiten. Dann geht es im K.o.-System mit Best-of-Three weiter. In Punkto Wettkämpfen ist Pokémon auf einem Level mit FIFA, LoL und Co.

Gewinner Pokemon

Die Gewinner des Video- und Kartenspiels, in jeweils drei unterschiedlichen Altersklassen. kicker eSport

Pokémon ist also nicht nur ein unterschätzter eSport von kräftiger Komplexität, auch die Einstiegshürden sind äußerst gering und Toxizität nicht zu beobachten. Wer also noch nach einem integrativen, internationalen und dennoch hochkompetitiven eSport sucht, dürfte in der Welt der Taschenmonster bestens aufgehoben sein.

Holm Kräusche

Deutsche sichert sich Pokémon-Weltmeistertitel

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