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Faszination FA Cup: Heute schreiben Klopp und Tuchel Geschichte

Wimbledon und andere Episoden aus 150 Jahren

Faszination FA Cup: Heute schreiben Klopp und Tuchel Geschichte

Wembley vor 94 Jahren und heute: Die kicker-Ausgabe nach dem FA-Cup-Finale 1928 - und Tuchel mit Klopp beim League-Cup-Endspiel im Februar.

Wembley vor 94 Jahren und heute: Die kicker-Ausgabe nach dem FA-Cup-Finale 1928 - und Tuchel mit Klopp beim League-Cup-Endspiel im Februar. kicker/imago images

In der Plough Lane im Südwesten Londons, unmittelbar an der Grenze zum Stadtteil Wandsworth, steht der ganze Stolz des 2002 von seinen Fans und Mitgliedern wiederbelebten Fußballvereins AFC Wimbledon. Das gleichnamige, in der alten Heimat neu errichtete Stadion umfasst einen engen Raum; für jedermann zugänglich, der in den kleinen Shop des Klubs eingetreten ist. Vorsicht ist dort geboten. Denn wenn John, der Erklärer, Erzähler und Aufpasser von seinem Stühlchen aufgestanden ist, um Besuchern fröhlich von früher zu erzählen, kann es gut sein, dass er eine seiner Brillen einfach auf dem Boden hat liegenlassen. Für einen Tisch ist kein Platz. Also besser auch mal nach unten schauen, nicht nur auf die kostbaren Erinnerungsstücke in den Vitrinen und an den Wänden.

Das Museumsstübchen des Football Club aus dem Tennis-Mekka zeugt von einem sensationellen Erfolg. Am 14. Mai 1988 gewann der damalige Wimbledon FC, der nach einem elfjährigen Durchmarsch aus den Amateurligen eine überraschend starke Erstliga-Saison als Tabellensiebter beendet hatte, den FA Cup. An diesem Samstag ist es also genau 34 Jahre her, dass der krasse Außenseiter den hohen Favoriten und Meister FC Liverpool im alten Wembley mit 1:0 besiegte. So: Lawrie Sanchez köpfelt in der 37. Spielminute eine Freistoßflanke von Dennis Wise ins Tor der Reds. Danach hält Wimbledon vor 98.203 Zuschauern dicht - und Torhüter Dave Beasant nach einer Stunde Spielzeit einen von Liverpools Torjäger John Aldridge getretenen Elfmeter. Es ist das erste Mal, dass ein Schlussmann in einem FA-Cup-Finale einen Elfmeter hält. Die Mannschaft um Vinnie Jones und John Fashanu - Beasant ist ihr Kapitän - geht als "Crazy Gang" in die Geschichte ein. Lady Diana überreicht ihnen die silberne Trophäe.

Erstmals wird ein deutscher Trainer den FA Cup gewinnen

FA-Cup-Finale 2022

Am 14. Mai 2022 heißt es jetzt wieder: Blau gegen Rot. 150 Jahre nach dem allerersten Finale um den englischen Verbandspokal, der Mutter aller Fußballwettbewerbe, steht Liverpool erneut im Endspiel, gegen den FC Chelsea. Wimbledon ist soeben in die Viertklassigkeit der League Two abgestiegen.

Geschichte wird wieder gemacht, das steht schon vor dem Anstoß fest. Mit Jürgen Klopp und Thomas Tuchel stehen sich erstmals zwei deutsche Trainer gegenüber.  Mit Kai Havertz, Timo Werner und Antonio Rüdiger im Trikot der Blues sind auch noch drei deutsche Nationalspieler mitten im Geschehen.  Klopp oder Tuchel - wessen Spielführer erhält den Cup aus den Händen von Prinz William?

"Cupfinal Day" - das war über viele Jahrzehnte wie ein nationaler Feiertag. Im Vereinigten Königreich schienen die Uhren an dem Samstagnachmittag für einen Moment stillzustehen: Die Fans der Endspielteilnehmer aus dem Häuschen, die anderen, nicht nur die Sportinteressierten, mindestens vorm Radio oder Fernsehgerät.

In der Sportschau wurde einst feierlich vom FA-Cup-Finale berichtet

Das Programmheft zum FA-Cup-Finale 1988 zwischen Wimbledon und Liverpool.

Das Programmheft zum FA-Cup-Finale 1988 zwischen Wimbledon und Liverpool. kicker

Die getragene Endspielhymne "Abide with me" erklingt vor dem ebenso obligatorischen "God save the Queen". Ein Mitglied der königlichen Familie schreitet die beiden Startreihen ab, wechselt ein paar freundliche Worte mit langhaarigen (oder später kahlgeschorenen) Profis, deren Namen es nicht alle kennt: Bilder, die sich in verlässlicher Vertrautheit wiederholten und doch immer wieder ein neues, erwartungsvolles Prickeln verstärkten.

Es waren feierliche Kommentare, mit denen die Kommentatoren der ARD in der Sportschau die wichtigsten Szenen vom heiligen Rasen und von den Rängen für das deutschsprachige Publikum untermalten. Heute wird zu spät gespielt für Häppchen im öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramm. DAZN streamt dagegen das komplette Live-Programm, darf sich, wie schon beim vermeintlich kleinen League-Cup-Endspiel in dieser Saison über eine Paarung freuen, die auch ein Champions-League-Endspiel sein könnte: Chelsea gegen Liverpool. Eine faustdicke Überraschung freilich kann es mit dieser Konstellation nicht geben.

Liverpool's Belgium striker Divock Origi (C) scores his team's fifth goal during the English League Cup fourth round football match between Liverpool and Arsenal at Anfield in Liverpool, north west England on October 30, 2019. (Photo by Paul ELLIS / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE. No use with unauthorized audio, video, data, fixture lists, club/league logos or 'live' services. Online in-match use limited to 75 images, no video emulation. No use in betting, games or single club/league/player publications. /  (Photo by PAUL ELLIS/AFP via Getty Images)

Liverpools Pokal-Highlights: Origi-Seitfallzieher, Fehlschuss im Elfmeterschießen

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Dabei hat dieser Ur-Pokal, der FA Cup, genau das geschaffen und immer wieder neu belebt: die Idee, dass der David den Goliath bezwingen kann. Eine schöne Vorstellung, die dem Mannschaftssport Fußball auch 2022 noch innewohnt, vor allem eben im Pokal- und K.-o.-Modus. Von der dritten Runde, wenn traditionell am ersten Januar-Wochenende die Topklubs erstmals dabei sind, bis zu dem Tag, an dem die Massen zum Wembley Way im Nordwesten Londons drängen.

Schimmel Billy und Sunderlands Premiere

Aus England, von wo die zunächst verurteilte "Fußlümmelei" nach Deutschland gekommen war, berichtete der kicker gleich in seinen Anfangsjahren regelmäßig und bewundernd, ja geradezu ehrfürchtig. Das "Cupfinal", Ausdruck eines Massenphänomens vor allem in der britischen Arbeiterklasse, prägte 1925 (Sheffield United gegen Cardiff City 1:0) und 1928 (Blackburn Rovers gegen Huddersfield Town 3:1) mit Fotos den Titel, die von einem gewaltigen Fan-Interesse zeugten.

1923 hatte der Police Constable George Scorey auf seinem Schimmel Billy das Ereignis gerettet, weil er die Menge besonnen vom Rasen des mit weit über 100.000 Menschen überfüllten Wembley Stadium verdrängen konnte. Die Begegnung der Bolton Wanderers mit West Ham United (2:0) wurde als White Horse Final berühmt.

CÃ sar Azpilicueta of Chelsea back heels the ball into the net but is offside during the FA Cup 4th Round match between Chelsea and Plymouth Argyle at Stamford Bridge, London, England on 5 February 2022. PUBLICATIONxNOTxINxUK Copyright: xKenxSparksx 30870088

Chelseas Pokal-Highlights: Werner & Rüdiger zielsicher, eine Zauberhacke

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Im Cricketstadion Kennington Oval hatte am 16. März 1872 alles begonnen, als die Wanderers aus dem Londoner Stadtteil Battersea die Royal Engineers mit 1:0 bezwangen.

Bis zum 142. Finale an diesem Wochenende hat der älteste Pokalwettbewerb der Welt viele Wimbledons hervorgebracht. Man muss da nur mal nachfragen in Sunderland, das 1973 als erster Zweitligist gewann, noch dazu gegen die damalige Übermannschaft Leeds United (1:0). Oder in Southampton, das 1977 Manchester United ebenfalls mit 1:0 bezwang, als Queen Elizabeth II letztmals höchstpersönlich Sieger - und Verlierer - beehrte. Oder bei Arsenal, das von 1930 bis 2020 insgesamt 14-mal gewann und damit Rekordhalter ist.

Es könnten noch viele weitere Episoden dieser Art angefügt werden, doch um die Geschichte kurz zu halten, soll hier ein Glückwunsch reichen: Happy Birthday, FA Cup!

Jörg Jakob

8 aus 18: Das sind Klopps Endspiele