Bundesliga

Kommentar zum Fall Hübner: Ein DFB-Urteil, aber keine Klarheit

Kommentar

Fall Hübner: Ein Urteil, aber keine Klarheit

Florian Hübner (r.) und Nadiem Amiri in Aktion.

Florian Hübner (r.) und Nadiem Amiri in Aktion. imago images

Florian Hübner muss also zwei Spiele zuschauen und 20.000 Euro Geldstrafe zahlen. Wegen eines "unsportlichen Verhaltens", wie das DFB-Sportgericht festhält. Diese Sanktion dürfte dem Abwehrspieler des 1. FC Union nicht gefallen, angesichts der im Raum stehenden Vorwürfe erscheint sie aber erträglich.

Am wichtigsten ist für den 29-Jährigen, dass der Nachweis einer rassistischen Äußerung nicht erbracht wurde. Ein Freispruch ist das nicht, eher: im Zweifel für den Angeklagten. Ohne Zeugen und Beweise muss das auch in diesem Fall gelten. Zumal Nadiem Amiri, der als Opfer galt, laut DFB nicht ausschließen konnte, dass die im Raum stehende Äußerung ("Scheiß-Afghane") so nicht gefallen ist. Hinzu kommt, dass Jonathan Tah, der den Vorwurf öffentlich erhoben hatte (ohne dabei Hübner zu nennen), nicht Zeuge der fraglichen Äußerung war.

Es ist weiterhin nicht klar, was Hübner gesagt hat

Die Rollen von Amiri und Tah sind demnach mindestens unglücklich. Auch wenn es um den wichtigen Kampf gegen Rassismus geht und die Situation nach einem hitzigen Spiel zweifelsohne emotional herausfordernd ist, müssen insbesondere bei derart schwerwiegenden Anschuldigungen Genauigkeit und Glaubwürdigkeit Pflicht sein. Unbefriedigend ist außerdem, dass auch nach Abschluss des Verfahrens vor der Sportgerichtsbarkeit des Verbandes weiterhin nicht klar ist, was Hübner denn gesagt hat und was an dem Abend genau passiert ist.

So bleibt der Verdacht, dass keine der Seiten daran interessiert ist, alles offenzulegen. Möglicherweise käme dann ja ans Licht, wie viel in der Partie, über die es hinter vorgehaltener Hand heißt, es sei reichlich beleidigt worden, verbal aus dem Ruder gelaufen ist. Gerade in der aktuellen Zeit, in welcher der Fußball unter noch schärferer Beobachtung als ohnehin steht, könnte das abstoßend wirken.

Ein Musterbeispiel für missglückte Kommunikation

Von Transparenz kann also keine Rede sein. Dann aber wenigstens von Gerechtigkeit? Auch schwierig. Hübner hat zugegeben, sich unsportlich verhalten zu haben. Dafür wurde er bestraft. Gleichzeitig sagen sowohl der nun Verurteilte als auch die Verantwortlichen des 1. FC Union, dass Hübner zuerst verbal attackiert worden sei. Demnach wäre die Reaktion des Abwehrspielers zwar überflüssig, nicht clever, aber eben auch eine Reaktion auf ein Fehlverhalten eines anderen (oder anderer). Dieser Aspekt aber kommt in dem Urteil nicht zum Ausdruck - obwohl Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, wechselseitiges Fehlverhalten erwähnt. Wenn sich aber sowohl Hübner als auch Amiri eines Vergehens schuldig gemacht haben sollten, warum wird dann nur einer bestraft? Das verwundert und wirkt inkonsequent, passt aber ins Bild.

Am Freitagabend, nach Unions 1:0-Erfolg gegen Leverkusen, schien die Sache klar, auch nach den Äußerungen auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Partie. Am Samstag folgten dann unterschiedliche Darstellungen, Widersprüche, eine Kommunikation beider Seiten, die bestenfalls schlecht abgestimmt wirkte, wenn sie überhaupt abgestimmt war. Erst dadurch wurde eine Auseinandersetzung, die nach Meinung vieler Alltag im (Profi-)Fußball ist, zu einem Musterbeispiel für missglückte Kommunikation - und zu einem Politikum, stand und steht doch die Glaubwürdigkeit im Kampf gegen Rassismus auf dem Spiel.

Zinglers Seitenhieb: Provokation? Ablenkungsmanöver?

Nun ist ein Urteil gefällt. Die Sache damit aber nicht erledigt. Dazu trug auch Unions Präsident Dirk Zingler bei, der am Donnerstag via Klubmitteilung der Eisernen einen Seitenhieb auf Bayer Leverkusen verteilte (ohne den Klub zu nennen). Das könnte man als Provokation werten, auch als Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. In jedem Fall bleibt abzuwarten, ob damit das Schlusswort gesprochen ist - oder ob Leverkusens Verantwortliche, die sich öffentlich bislang deeskalierend in der Angelegenheit verhielten, darauf reagieren.

Jan Reinold

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