Bundesliga

"Es ist nicht mehr derselbe Beruf wie vor der Pandemie"

Ein Jahr Geisterspiele

"Es ist nicht mehr derselbe Beruf wie vor der Pandemie"

Werder-Coach Florian Kohfeldt vermisst die Fans und die Emotionalität

Werder-Coach Florian Kohfeldt vermisst die Fans und die Emotionalität picture alliance/kicker

Als Frank Schmidt 2003 in Heidenheim anfing, war er noch Spieler. Er weiß daher aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie es ist, vor einer sehr kleinen Kulisse aufzulaufen. 250 Zuschauer kamen seinerzeit zu den Spielen des damaligen Verbandsligisten. 2007 wechselte Schmidt auf die Trainerbank des aktuellen Zweitligisten, kein anderer im deutschen Profifußball ist länger Coach bei seinem Klub, an den er noch bis 2023 gebunden ist. "Zunächst sind wir alle sehr froh, überhaupt spielen zu können und zu dürfen", merkt der 47 Jahre alte Fußballlehrer im Interview mit dem kicker (Montagsausgabe). "Aber an die Geisterspiele an sich kann und möchte ich mich nicht gewöhnen."

Bei der Spielvorbereitung gegen Düsseldorf wurde er unlängst daran erinnert, wie sich Fußballspiele vor der Pandemie angefühlt haben, als die Ränge noch voll waren. "Da wird einem mit einem Schlag schmerzlich bewusst, was alles fehlt. Gerade mir, der die Emotionalität liebt, lebt und auch braucht, geht die Atmosphäre von den Rängen sehr ab." Und wer weiß, wie 2020 nach dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte mit Platz 3 in der 2. Liga die Relegation gegen Werder Bremen ausgegangen wäre, hätte beim zweiten Aufeinandertreffen im heimischen Stadion (2:2 nach 0:0 in Bremen) eine enthusiastische Fangemeinde die Heidenheimer nach vorne gepeitscht.

Gerade mir, der die Emotionalität liebt, lebt und auch braucht, geht die Atmosphäre von den Rängen sehr ab.

Frank Schmidt

Schmidt gehört zu jenen Trainern, denen der Umgang der Spieler untereinander und die Kommunikation mit ihnen sehr wichtig ist. "Ich brauche meine Spieler", hat er einmal in einem Interview mit der "Zeit" betont. "Als Trainer muss ich ein verlässlicher Partner sein, aber auch jemand, der die Richtung vorgibt, Entscheidungen trifft. Das kommuniziere ich, so gut es geht." Diese Art der Mannschaftsführung dürfte ein nicht ganz unwesentlicher Grund sein, wieso Schmidt seit über 13 Jahren ein und denselben Verein trainiert. "Ich brauche Hierarchien, manche Spieler können mehr Verantwortung tragen und darüber muss man sprechen. Ich hatte Trainer, die haben nichts kommuniziert. Daraus habe ich gelernt."

Was seinen Trainer-Alltag anbelangt, habe sich durch die Geisterspiele wenig verändert, unterstreicht er im Gespräch mit dem kicker. Das Training, die Vorbereitung auf ein Spiel, die Ansprache, das Coaching während des Spiels - alles sei "gleich geblieben. Der größte Unterschied ist, dass die Spieler meine Anweisungen während eines Spiels auch im entlegensten Eck hören können. In einem voll besetzten Stadion gehen die schon mal unter."

Es ist wie zur Arbeit zu gehen und nicht dieser außergewöhnliche Moment.

Florian Kohfeldt

Für Florian Kohfeldt hingegen ist hinsichtlich seiner Jobausübung doch einiges anders geworden. "Es ist nicht mehr derselbe Beruf wie vor der Pandemie", führte Werders Coach in der Spieltags-Pressekonferenz vor dem jüngsten Auswärtsspiel in Köln aus und nannte als ein Beispiel den Kabinenalltag: "Der hat mit der Zeit davor nichts mehr zu tun, weil ein gemeinschaftliches Zusammensein nicht mehr möglich ist." Eine der Neuerungen, die der 38-Jährige einführte, als er Ende Oktober 2017 zum Cheftrainer befördert wurde, war die Umgestaltung des Kabinentraktes, um ein aufgelockertes Ambiente zu erzeugen. Neben einer Dartscheibe und einer Tischtennisplatte gab es fortan sogar eine kleine Lounge. Seit März des vergangenen Jahres sind diese Bereiche abgesperrt. Ein anderes Beispiel sind die Eins-zu-eins-Gespräche zwischen Coach und Spieler. Die dürfen in Kohfeldts Trainerkabine nur mit FFP2-Maske stattfinden, denn die unmissverständliche Ansage des Bremer Gesundheitsamtes lautet: im Kabinentrakt nur mit Maske, sonst gehen alle in Quarantäne.

"Unsere Arbeit hat sich verändert", betont Kohfeldt und bezieht das ausdrücklich auch auf die Bereiche Coaching, Ansprache und Taktik. "Wir werden mehr gehört als Trainer, die Spiele haben andere Verläufe genommen, Heimstärke ist nicht mehr so das große Thema, sondern es hat sich ein Stück weit neutralisiert, ob man auswärts oder Zuhause spielt."

Auch der Spannungsaufbau unmittelbar vor einem Spiel muss in irgendeiner Weise kompensiert werden. Normalerweise entsteht er allein durch die Busanfahrt zum vollbesetzen Stadion und die Emotionen von den Rängen beim Reinlaufen. Doch auch das fällt weg. Um für die Spieler vor dem Anpfiff einen Reiz zu setzen, hat Bremens Coach veranlasst, dass am Spieltag in der Kabine ein anderes Licht brennt als beim Training. "Ich kann mich nicht daran gewöhnen und ich will mich nicht daran gewöhnen", sagt Kohfeldt zur Tristesse der Geisterspiele. "Das, weshalb man seinen Beruf so gerne macht, fehlt total: die Emotionen im Stadion. Es ist wie zur Arbeit zu gehen und nicht dieser außergewöhnliche Moment."

Das ist schon deprimierend. Ich konnte das eine Zeit lang verdrängen, aber jetzt ist es schon richtig zäh.

Christian Streich

Reichlich frustriert hatte sich auch Christian Streich vor einiger Zeit zu den Spielen vor leeren Rängen geäußert. "Das ist schon deprimierend und ich muss sagen, das ist nicht besser geworden bei mir. Ich konnte das eine Zeit lang verdrängen, aber jetzt ist es schon richtig zäh", betonte der 55 Jahre alte Chefcoach des SC Freiburg. "Die soziale Komponente ist halt weg, dieses Spiel, dieses Erlebnis, dieses wahnsinnige Freuen über einen unerwarteten Sieg. Und die besondere Niedergeschlagenheit nach einer unerwarteten Niederlage."

Streich, der schon zu normalen Zeiten an der Seitenlinie zu den aktivsten Trainern seiner Zunft gehört, hat sein Coaching noch intensiviert und unterstützt seine Mannschaft aktuell sehr aktiv, emotional und lautstark. "Seinen eigenen Namen oft zu hören, macht nicht immer Spaß, weil man oft das Gefühl hat, was falsch gemacht zu haben", erzählt Nils Petersen. "Er weiß, dass uns direktes negatives Feedback auch mal kurz runterziehen kann, aber wir wissen auch, dass es hilft, wenn er taktisch eingreifen kann, uns antreibt und manchmal nervt. Da kommen wir gar nicht auf die Idee, weniger zu investieren." Sollte es irgendwann wieder Fußballspiele vor ausverkauften Rängen geben, werde ihm "diese Einflussnahme fehlen", glaubt Freiburgs Torjäger, "auch wenn er natürlich ebenfalls volle Stadien liebt."

Ein Jahr Geisterspiele - die große kicker-Titelstory in der Montagsausgabe

Ein Jahr Geisterspiele - die große kicker-Titelstory in der Montagsausgabe kicker

Die Geister, die keiner rief - in der kicker-Montagsausgabe (hier auch als eMagazine abrufbar) blicken wir auf insgesamt 18 Seiten auf ein Jahr Geisterspiele zurück. Was hat sich für Profis, Trainer, Schiedsrichter, Gastro, Amateure und die 90 Minuten verändert? Und vor allem: Was empfinden die Fans? Darüber sprechen Andreas Luthe, Nils Petersen, Frank Schmidt, Manuel Gräfe, junge und ältere Fans, Stadionsprecher Arnd Zeigler, Radioreporter Stephan Kaußen, RWO-Präsident Hajo Sommers, Imbiss-Betreiber Kanniah Jeyakaran.

Christian Biechele, Uwe Röser

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