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"Es gibt kein Geheimrezept, um im eSport erfolgreich zu sein"

Interview: Kommentatorin Rosemary Kelley über Arbeit im eSport

"Es gibt kein Geheimrezept, um im eSport erfolgreich zu sein"

Rosemary 'Nekkra' Kelley kommentiert und moderiert Weltmeisterschaften - und sie hat eine Vorliebe für Rosa und Pokémon.

Rosemary 'Nekkra' Kelley kommentiert und moderiert Weltmeisterschaften - und sie hat eine Vorliebe für Rosa und Pokémon. 'Nekkra'

'Nekkra's Kalender ist dieser Tage immens voll. Die sympathische Amerikanerin hat quasi am Stück die Pokémon Internationalmeisterschaften in Frankfurt und die TFT-Weltmeisterschaften von Zuhause kommentiert. Jetzt ist sie Woche für Woche in der Overwatch League am Start. Zur Einordnung: das wäre im klassischen Sport so etwas wie Handball-EM, Hockey-WM und LaLiga hintereinander.

Rosemary Kelley ist 27 Jahre alt und wohnt in der Ostküstenstadt Philadelphia in den USA. Kennengelernt haben wir sie auf dem Pokémon-Event in Frankfurt beim Abendessen. Jetzt hat sie kicker eSport ein Interview gegeben.

kicker eSport: Wie bist du Casterin im eSport geworden?

"Als Kind habe ich schon immer Videospiele geliebt. Ich habe während meiner Zeit an der Universität sowohl kompetitiv als auch nebenbei gespielt. Für mich war es nur ein Hobby und etwas, das ich zusätzlich zu meinem normalen Beruf tun konnte. Ursprünglich wollte ich meinen Abschluss in Umweltwissenschaften nutzen, um zu lehren und zu forschen, aber ich habe meine Meinung geändert."

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Hauptarbeit für 'Nekkra' ist das Casten. Im eSport meistens im Duo. 'Nekkra'

Warum? Das wäre doch eine sichere Arbeit mit guter Bezahlung?

"Meine Eltern starben nicht allzu lange nach meinem Abschluss an der Universität. Ich hatte bereits eine Zusage für ein Doktorandenprogramm, um meine Ausbildung fortzusetzen, aber ich war nicht mehr davon überzeugt, ein sechsjähriges Studium zu absolvieren.

Stattdessen zog ich nach Philadelphia und beschloss spontan, 2018 die BlizzCon zu besuchen. Dort verliebte ich mich erneut in Videospiele. Die harten Wettkämpfe und die großen Bühnen und Arenen, auf denen diese eSport-Events stattfinden, zu sehen, war unglaublich!
Zuhause beschloss ich, dass ich versuchen würde, im eSport Karriere zu machen."

Das scheint ja geklappt zu haben. Wie sahen deine ersten Schritte aus?

"Vor etwa dreieinhalb Jahren begann ich, ehrenamtlich für Spiele zu casten, in denen ich persönliche Wettkampferfahrung hatte, und übernahm außerdem ein paar andere Arbeiten wie Turnierorganisation und Community-Management. Kurz darauf lief die Kommentartätigkeit für mich richtig gut, und ich konzentrierte mich darauf. Jetzt bin ich ziemlich ausgelastet und arbeite in einem tollen Beruf, mit dem ich sehr zufrieden bin."

"Ich mache praktisch jeden Tag in der Woche etwas, sogar am Wochenende!"

'Nekkra' über die Arbeit als Kommentatorin, die auch Kehrseiten hat

Freizeit hat sie also nur noch wenig, schon ein Interview einzuplanen, war gar nicht einfach. Dennoch findet sie immer noch Möglichkeiten "um jede Menge fernzusehen und lange Wanderungen im Freien zu unternehmen."

Moderation ist mehr als nett in die Kamera lächeln

Es ist eine häufige Annahme, Moderatoren hätten Feierabend, wenn die Kamera oder das Mikrofon ausgeht. Das ist allerdings weit von der Realität entfernt.

Wie sieht die Arbeit als Kommentator oder Moderator aus?

"Viele Leute glauben, dass man als Caster oder allgemeiner als Mensch-Vor-Der-Kamera einfach nur vor der Kamera oder hinter einem Mikrofon steht und die Sendung macht, aber eigentlich ist es viel mehr als das. Manchmal arbeite ich für eintägige eSports-Events, manchmal aber auch für mehrtägige oder sogar monatelange Veranstaltungen. Egal, wie lange die Veranstaltung dauert, ich mache immer die gleiche Menge Arbeit.

Nekkra Auf Der Buhne Bei Pokemon

'Nekkra' moderiert auch auf der Bühne. Hier in Frankfurt mit einem der Pokémon-Gewinner. kicker eSport

Ich bereite mich auf das Event vor und recherchiere über Spieler/Teams und aktuelle Videospiel-Meta-Strategien. Es gibt Proben, in denen für die Show geübt wird. Am Tag stehen Frisur, Make-up und Garderobe an, bevor die eigentliche Sendung beginnt. Nach der Show schaue ich mir meine Arbeit noch einmal an, damit ich daraus lernen und mich für das nächste Mal verbessern kann."

So sähe dann für sie auch eine normale Woche aus, sagt Kelley. Vorbereitung, Recherche, Selbst-Spielen, Proben, und Sendung. "Ich mache praktisch jeden Tag in der Woche etwas, sogar am Wochenende!"

"Bleib offen - In der eSport-Branche gibt es eine Vielzahl von Berufen."

'Nekkra's erster Tipp, für alle, die gerne mal im eSport arbeiten wollen. (Wir suchen übrigens gerade einen Videoredakteur, mehr unter dem Text)
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'Nekkra' ist Pokemon-Fan und hat alle Evoli-Entwicklungen als Stofftiere. Das ist nicht nur hübsch, sondern auch ziemlich wertvoll. 'Nekkra'

Wettkampf im Blut

Mit ihren bunten Haaren fällt 'Nekkra' immer auf, zurzeit sind sie Rosa, eine Lieblingsfarbe der Casterin. Entsprechend ist ihre Lieblings-Evoli-Entwicklung auch Feelinara. Aber nicht nur wegen der Farbe: "Es ist auch ein gutes Pokémon für den kompetitiven Einsatz" in unterschiedlichsten Nintendo-Spielen.

Hier lässt sich der eSport-Bezug spüren: Nicht viele bewerten Pokémon direkt nach ihrer taktischen Eignung, Kelleys zweite Wahl ist entsprechend auch Nachtara, die Evoli-Entwicklung die sogar auf höchstem Wettkampf-Niveau noch zum Einsatz kommt.

Ist Spaß am Wettkampf also ein Skill den man braucht, um Caster zu werden?

"Ich glaube nicht, dass es ein Geheimrezept gibt, um im eSport erfolgreich zu sein, vor allem nicht für die Arbeit als Kommentator oder Moderator. Ich habe an der Universität viele Fähigkeiten gelernt, die sich gut übertragen lassen, zum Beispiel freies Sprechen bei Forschungspräsentationen und Networking. Ich glaube, solange man gut vorbereitet und sachkundig ist, gute Arbeit leistet und es einfach und angenehm ist, mit einem zu arbeiten, dass das schon sehr viel ausmacht."

Mehr zum Thema

'Nekkra' hat einen weiten Weg hinter sich. Sie castet die größten Events und ist fester Teil des Overwatch-Teams.

Sicher hat sie ein paar Tipps für alle, die gerne mal in der Branche arbeiten wollen?

"Ich habe drei Ratschläge für alle, die sich beruflich mit eSport befassen wollen.

1) Bleib offen - In der eSport-Branche gibt es eine Vielzahl von Berufen, und auch wenn Moderation am attraktivsten erscheint, ist es wichtig, viele verschiedene Rollen auszuprobieren, um herauszufinden, welche wirklich für eine Vollzeitkarriere in Frage kommt.

2) Sprich mit Arbeitskollegen - Wissen ist Macht, und es gibt viele Leute, die dir gerne bei allen Fragen helfen, sei es zu Honoraren oder zur Vorbereitung auf eine Sendung.

3) Halte deine Erwartungen realistisch - Vergleiche deine persönlichen Erfolge nicht mit den Erfolgen anderer. Nicht jeder wird den gleichen Weg gehen, um an sein berufliches Ziel zu gelangen. Bei manchen dauert es länger oder kürzer, und wenn das Ziel zu hoch gesteckt ist, wirst du vielleicht nie dort ankommen, wo du hinwillst."

Video Redaktuer 01

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