Nationalelf

Klassentreffen nach 25 Jahren: 96er-Helden feiern EM-Triumph

Zusammenkunft in Rust

Erstes Klassentreffen nach 25 Jahren: 96er-Helden feiern EM-Triumph mit Löw und Becker

Andreas Köpke (li.) und Jürgen Klinsmann hatten ihren Spaß beim EM-Klassentreffen in Rust.

Andreas Köpke (li.) und Jürgen Klinsmann hatten ihren Spaß beim EM-Klassentreffen in Rust. Getty Images for DFB

Alle fünf Jahre treffen sich die Weltmeister von 1990, um im geselligen Beisammensein den Kontakt zu pflegen und sich "damals in Rom" in Erinnerung zu rufen. Franz Beckenbauer hatte diesen Wiedersehens-Rhythmus nach dem WM-Triumph angeordnet, und bis heute halten sich die allermeisten Mitglieder der damaligen Italien-Delegation daran.

Vogts ergriff die Initiative

Die EM-Helden von 1996 brauchten 25 Jahre bis zu ihrem ersten "Klassentreffen", was vor allem der Tatsache geschuldet war, dass schlicht niemand die Sache ernsthaft in die Hand nahm. Bis der damalige Bundestrainer Berti Vogts die Initiative ergriff und gemeinsam mit Kapitän Jürgen Klinsmann die Voraussetzungen für das Wiedersehen schaffte. Am Sonntag und Montag trafen sich 15 der insgesamt 23 EM-Teilnehmer im Europapark Rust, um gemeinsam mit den Mitgliedern des damaligen Betreuerstabs in festlichem Rahmen die Erinnerungen aufleben zu lassen.

Möller: "Es war eine perfekte Nacht"

Neben Ex-Bundestrainer Joachim Löw und Philipp Lahm in seiner Rolle als OK-Chef für die EM 2024 folgte auch Boris Becker der Einladung. Der Tennisstar war 1996 vor dem Halbfinale und dem Endspiel in London ein ständiger Gast im deutschen EM-Quartier, wegen eines Sehnenrisses im Handgelenk gesellte er sich zum prallgefüllten und vom gemeinsamen Vertrauensarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt geleiteten DFB-Lazarett. Er habe vor dem Finale sogar im Mannschaftsbus mit ins Wembleystadion fahren dürfen, sagte Becker, "ein unglaubliches Erlebnis". Von der feucht-fröhlichen Finalnacht wisse er nur noch, dass er am Morgen "im Arm von Andreas Möller" aufgewacht sei. Möllers Kommentar dazu: "Es war eine perfekte Nacht."

Vogts: "Für Euch war es der Arsch der Welt"

Viele Anekdoten machten an diesem geselligen Montagabend die Runde, zum Beispiel um das nach einer Empfehlung von Sir Alex Ferguson gewählte Quartier Mottram Hall vor den Toren von Manchester, wo die DFB-Auswahl ihre Gruppenspiele ausgetragen hatte. Klinsmanns Forderungen nach einem stadtnahen Hotel hatte Vogts - wie er süffisant verriet - in seiner eigenen Sichtweise interpretiert: "Für mich als Trainer war es mitten in der Stadt, für Euch war es der Arsch der Welt."

Klinsmann: "Diese Nackenschläge haben uns geprägt"

Geprägt war dieser steinige Weg zum EM-Titel von vielen Rückschlägen, vor allem von schweren Verletzungen. Für Jürgen Kohler war das Turnier gleich im Auftaktspiel gegen Tschechien frühzeitig wegen eines Innenbandrisses beendet, Fredi Bobic kugelte sich im knallharten Viertelfinale gegen Kroatien die Schulter aus, Steffen Freund erlitt im Halbfinale gegen England einen Kreuzbandriss. Zudem waren Stefan Reuter und Andreas Möller fürs Endspiel gelbgesperrt, was heutzutage nicht mehr möglich wäre. "Diese Nackenschläge haben uns geprägt. Wir hatten so viel erlebt an Problemen und immer irgendwie eine Lösung gefunden", sagte Klinsmann bei seiner Ansprache während des Gala-Dinners im Ballsaal Berlin des Europa-Parks. Und er urteilte: "Es war die EM der Kameradschaft, des brutalen Willens und des Teams hinter dem Team."

Klassentreffen der Europameister von 1996. 

Klassentreffen der Europameister von 1996. Getty Images for DFB

Diesem verdankte Klinsmann auch seine Final-Teilnahme, in Rekordzeit stand er nach einem gegen Kroatien erlittenen Muskelfaserriss in der Wade im Endspiel auf dem Platz. Eingeflogene Erde aus Kroatien sei dafür maßgeblich gewesen, erzählte Müller-Wohlfahrt über die Wunderheilung, und die Tag-und-Nacht-Pflege durch das Physioteam habe ein Übriges getan. In der Dämmerung sei man mit Klinsmann heimlich in den Londoner Regent-Park gefahren, um die Belastung beim leichten Lauftraining zu testen. Erst kurz vor dem Anpfiff des Endspiels stand fest: Klinsmann kann spielen.

Bierhoffs Einwechslung hatte keiner verstanden

Klinsmann war im Finale dabei, die Hauptrolle beim 2:1 gegen Tschechien aber spielte bekanntlich Oliver Bierhoff. Den Moment der Einwechslung schilderte Klinsmann im Rückblick so: "Am Schluss hatte der Chef die geniale Idee, dass er Oliver Bierhoff eingewechselt hat, was wir alle nicht verstanden haben." Auch Vogts‘ Assistent Rainer Bonhof nicht, den der Bundestrainer mit Nachdruck auffordern musste, die Anweisung umzusetzen.

Jürgen Klinsmann und Boris Becker.

Jürgen Klinsmann und Boris Becker. Getty Images for DFB

Klinsmann: "Wir müssen das Klassentreffen zur Regel machen"

Nicht mit dabei in Rust waren aus dem EM-Kader Thomas Strunz, Dieter Eilts, Christian Ziege, Mario Basler, René Schneider, Mehmet Scholl, Oliver Kahn und der neue türkische Nationaltrainer Stefan Kuntz. Vielleicht sind sie beim nächsten Wiedersehen dabei, zu dem es nicht erst in 25 Jahren wiederkommen soll. "Wir müssen das Klassentreffen zur Regel machen", forderte der aus der kalifornischen Wahlheimat eingeflogene Klinsmann, "mindestens alle fünf Jahre."

Oliver Hartmann