Bundesliga

Erster Todestag: Lilien gedenken Kämpfer Heimes

"Ohne Johnny wär'n wir gar nicht hier"

Erster Todestag: Lilien gedenken Kämpfer Heimes

Symbolfigur des sportlichen Aufschwungs bei Darmstadt 98: Jonathan Heimes bei den Feierlichkeiten zum Darmstädter Aufstieg im Jahr 2015.

Symbolfigur des sportlichen Aufschwungs bei Darmstadt 98: Jonathan Heimes bei den Feierlichkeiten zum Darmstädter Aufstieg im Jahr 2015. imago

Jonathan "Johnny" Heimes - Symbolfigur des Darmstädter Aufschwungs

Dirk Schuster, Aytac Sulu, Dominik Stroh-Engel und Marco "Toni" Sailer: So heißen jene Akteure, die durch ihre Leistung und auch ihr Auftreten abseits des Rasens besonders stark mit dem Fußball-Märchen in Verbindung gebracht werden, das der SV Darmstadt 98 mit dem Durchmarsch aus der 3. in die 1. Liga sowie dem dortigen Klassenerhalt in der Vorsaison geschrieben hat.

Einen, der zwar nie auf dem Platz stand, aber trotzdem Anteil an einer der bemerkenswertesten Geschichten des deutschen Fußballs in den vergangenen Jahren trägt, darf man indes nicht vergessen: Jonathan "Johnny" Heimes. Vor drei Wochen wäre der Darmstädter und Lilien-Fan 27 Jahre alt geworden. Am heutigen Mittwoch jährt sich sein Tod zum ersten Mal.

Wie kein anderer Anhänger verlieh Heimes den 98ern Flügel. Als die Lilien im Frühjahr 2014 als Drittliga-Dritter in der Relegation nach einer 1:3-Hinspielniederlage gegen Arminia Bielefeld den Aufstieg zu verpassen drohten, sollen seine "Du musst kämpfen"-Armbändchen der Mannschaft in scheinbar aussichtsloser Lage den letzten Glauben daran vermittelt haben, dass noch nichts verloren war. Nach dem "Wunder von Bielefeld", mit dem die Südhessen aufgrund eines 4:2-Siegs nach Verlängerung tatsächlich ins Bundesliga-Unterhaus und ein Jahr später sogar in Liga eins marschierten, stellten dies die Spieler immer wieder auch selbst heraus.

Neben jenen Aufstiegshelden, die die Lilien auf dem Marsch durch die Spielklassen begleiteten, wurde Heimes zur Symbolfigur fürs Darmstädter Selbstverständnis, auch in aussichtslosen Lagen den Kopf nie in den Sand zu stecken. Denn Heimes ging es seit frühen Teenager-Tagen schlecht: Mit 14 Jahren wurde bei ihm erstmals Krebs diagnostiziert, im Juni 2004 in einer sechsstündigen Operation ein Tumor aus dem Kleinhirn entfernt. Damals war der Darmstädter amtierender Jugend-Hessenmeister im Tennis, trainierte zusammen mit der heutigen Weltklassespielerin Andrea Petkovic unter deren Vater Zoran.

Heimes überlebte, lernte das Essen, Trinken und Gehen neu. Als er 19 war, schlug der Krebs ein zweites Mal zu, diesmal mit Metastasen an der Wirbelsäule. Zwei Tage nach der vierstündigen Operation trat das ein, was Heimes besonders gefürchtet hatte: Er spürte seine Beine nicht mehr - Querschnittslähmung. Trotz des Schocks: Noch auf der Krebsstation habe er sich geschworen, weiterzukämpfen, wie Heimes später verriet.

Zusammen mit Andrea Petkovic: Gründung der Initiative "DUMUSSTKÄMPFEN"

Jontahan Heimes und Andrea Petkovic

Gründeten die Initiative "DUMUSSTKÄMPFEN", um an Krebs erkrankte Kinder zu unterstützen. imago

Im Alter von 23 Jahren - da lagen bereits 21 Chemotherapien hinter ihm - bildeten sich Metastasen im Kopf. Doch Heimes sprang dem Tod ein drittes Mal von der Schippe - und fasste den Entschluss, krebskranken Kindern zu helfen. Dies tat er zunächst, indem er Armbändchen mit seiner Durchhalteparole "DU MUSST KÄMPFEN! Es ist noch nichts verloren" verkaufte. Sie wurden nicht zuletzt dadurch bekannt, dass sie Spieler, Offizielle und viele Fans des SV 98 trugen und bis heute tragen. Im Februar 2015 gründete er an der Seite von Andrea Petkovic die gleichnamige gemeinnützige Gesellschaft. Der Bändchenverkauf und Sportevents wie die "DU MUSST KÄMPFEN! Tennis-Trophy" brachten bis heute mehrere hunderttausend Euro ein, die dem Verein "Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt" zur Verfügung gestellt werden.

Immense Beliebtheit im ganzen Umfeld des SV 98 erfuhr Heimes auch deshalb, weil er sich trotz seiner schlimmen, immer wiederkehrenden Krankheit stets eine bewundernswerte Portion Humor und Lockerheit bewahrte - und nie aufgab. Das würdigten öffentlich auch Spieler und Fans, nach den Aufstiegen etwa mit "Ohne Johnny wär'n wir gar nicht hier"-Gesängen. Niemand drückte es bisher aber wohl besser aus als Tennisstar Andrea Petkovic: "Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich erreicht habe - aber was Johnny geleistet hat, wiegt um vieles mehr. Er hat viel, viel mehr erreicht als ich. Wie er sich durchgekämpft hat, wie er dem Krebs die Stirn geboten hat, mit seiner Willenskraft und seinem Durchhaltevermögen, das ist unglaublich."

Mit Sondertrikot gegen Mainz

Rüdiger Fritsch

Darmstadts Präsident Rüdiger Fritsch am Donnerstag mit dem Sondertrikot in Erinnerung an den vor einem Jahr verstorbenen Jonathan Heimes. imago

Nach Heimes Tod im März 2016 verzichtete der Namensrechte-Inhaber des Darmstädter Stadions, der DAX-Konzern Merck, für eine Saison zugunsten des Namens "Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor" auf sein ursprünglich erkauftes Recht. Um Johnny Heimes und sein bleibendes Werk, die Initiative, in Erinnerung zu halten, haben Darmstadts Hauptsponsor Software AG und der SV 98 ein Sondertrikot entworfen, das die Lilien am Samstag beim Heimspiel gegen Mainz tragen werden . Schon ab Donnerstag werden 1898 Exemplare des Sondertrikots verkauft, ein Teil des Erlöses an die Initiative gespendet.

Jens Dörr