100 Jahre kicker

Erst Bauerntölpel, dann "Toto nazionale": Als Schillaci Italien träumen ließ

Über den Torschützenkönig der WM 1990

Erst Bauerntölpel, dann "Toto nazionale": Als Schillaci Italien träumen ließ

Vom belächelten Zweitliga-Stürmer zum Nationalhelden: Toto Schillaci bei der WM 1990.

Vom belächelten Zweitliga-Stürmer zum Nationalhelden: Toto Schillaci bei der WM 1990. Getty Images

Das erste Spiel bei einer WM ist nie leicht, erst recht nicht für das Team der Gastgeber-Nation. So tun sich 1990 auch drückend überlegene Italiener schwer, denen gegen Österreichs Teufelskerl zwischen den Pfosten, Klaus Lindenberger, lange Zeit kein Tor gelingen will.

Die hoch gehandelten Azzurri funktionieren als Einheit und sind auf jeder Position bestens besetzt. An den Angriff hat Nationaltrainer Azeglio Vicini gleich sechs der 22 Kader-Plätze vergeben - Italien ist auch vorne glänzend aufgestellt: Gianluca Vialli, Roberto Mancini, Roberto Baggio, Andrea Carnevale und Aldo Serena streiten sich um die zwei Plätze in vorderster Front.

Die letzte Nominierung

Der sechste Angreifer, die 22. und letzte Kadernominierung, hat ein Jahr zuvor noch in der zweiten Liga gespielt. 1989 holte Juventus, damals kein absolutes Top-Team, Salvatore "Toto" Schillaci aus der Serie B nach Turin - der Rest der Liga machte sich über den "Terrone", den Bauerntölpel aus Sizilien, eher lustig.

Stabile, die Müllers und James: Die WM-Torschützenkönige

Mit 15 Toren in seiner ersten Serie-A-Saison überraschte Schillaci die Kritiker durchaus - noch mehr aber überraschte Vicini, als er den 25-Jährigen tatsächlich für die heiß ersehnte WM im eigenen Land nominierte. Wenn auch als 22. Mann im Kader. "Es wäre toll, wenn ich einen der Plätze auf der Bank bekommen würde", weiß Schillaci sein Standing einzuordnen, poliert dieses im letzten Trainingslager vor der WM - auf Juves Trainingsgelände - aber gewaltig auf.

Zwei Tore mit rechts, zwei Tore mit links, zwei Tore mit dem Kopf - und fünfmal das 1:0.

Zwei Tore mit rechts, zwei Tore mit links, zwei Tore mit dem Kopf - und fünfmal das 1:0. Getty Images

Nach drei Minuten ins Glück

Und weil die Viallis, Carnevales und Donadonis Österreichs Lindenberger im Auftaktspiel einfach nicht überwinden können, bringt Vicini für die Schlussviertelstunde einen neuen Angreifer. Aber nicht Baggio, nicht Mancini und auch nicht Serena - sondern Schillaci. Den Bauerntölpel. "Vor einem Jahr war ich noch in der zweiten Liga, was soll mir schon passieren", sagt er sich, um seine flatternden Nerven zu beruhigen, und köpft drei Minuten später, in seinem ersten Pflichtspiel für Italien, den 1:0-Siegtreffer.

Die leuchtenden, weit aufgerissenen Augen eines ungläubigen jungen Mannes haben sich vielen Fußballfans ins Gedächtnis eingebrannt - und die Heim-WM 1990 für alle Italiener, für die Schillaci wie sie selbst vor die TV-Geräte gehört hätte, endgültig eröffnet. Es sollte nicht der letzte exzessive Jubel des unverhofften neuen Nationalhelden bleiben, der sich noch in der Vorrunde in der Startelf festspielte und auch im dritten Gruppenspiel gegen die Tschechoslowakei (2:0), im Achtelfinale gegen Uruguay (2:0) und in der Runde der letzten Acht gegen Irland (1:0) jeweils das wichtige 1:0 erzielte.

Mein Vater wurde wie der Papst gefeiert.

Toto Schillaci über die Euphorie während der WM 1990

Vier Wochen lang thronte Schillacis Name ganz oben mit den Maradonas, Matthäus' und van Bastens der Welt, als Toto die Italiener magische Nacht für magische Nacht träumen ließ. Plötzlich war er nicht mehr der Bauerntölpel, der nicht gut genug für die Nationalmannschaft war. Plötzlich sollte er die Azzurri zum Weltmeister im eigenen Land machen. "In Palermo war die Hölle los, vor unserem Haus wurde mein Vater wie der Papst gefeiert", berichtet Schillaci über den kleinen Teil der großen Begeisterung, den er aus dem abgeschotteten Mannschaftsquartier mitbekommt. In diesen Wochen scheint alles für "Toto nazionale" zu laufen, während der WM wird auch sein Sohn Mattia geboren.

Zenga patzt entscheidend

Euphorisierte Medien sehen Parallelen zu Paolo Rossi, der acht Jahre zuvor vom ungeliebten Außenseiter zum Weltmeister-Macher gegen Deutschland avanciert war. "Rossi war ein Champion, ich bin nur ein gewöhnlicher Typ", spielte Schillaci die Vergleiche herunter und schoss auch im Halbfinale gegen Titelverteidiger Argentinien das 1:0.

Ich glaube, dass wir Deutschland im Finale geschlagen hätten.

Toto Schillaci über das Halbfinal-Aus in Neapel

Doch Rückhalt Walter Zenga, der im ganzen Turnier noch kein Gegentor kassiert hatte, patzte zur Unzeit; Donadoni und Serena vergaben im Elfmeterschießen von Neapel vom Punkt - und plötzlich waren die magischen Nächte, war Schillacis unwirklicher Sommer vorbei. "Hätten wir dieses wie bisher jedes Spiel in Rom ausgetragen, wäre es anders gelaufen. Ich glaube, dass wir Deutschland im Finale geschlagen hätten", sagt er noch Jahrzehnte später.

(Kein) Trostpreis: Seine Bronzemedaille trägt Torschützenkönig Schillaci (2.v.l.) nach dem Spiel um Platz drei nicht um den Hals.

(Kein) Trostpreis: Seine Bronzemedaille trägt Torschützenkönig Schillaci (2.v.l.) nach dem Spiel um Platz drei nicht um den Hals. imago images

Nur ein weiteres Tor für Italien

Schillaci gewann Italien noch das Spiel um Platz drei und krönte sich selbst zum Torschützenkönig, ehe der unvermeidliche Alltag zurückkehrte. Mit dem Druck, nicht mehr der Underdog, sondern der Nationalheld zu sein, schoss der keineswegs herausragende Angreifer Schillaci, der vier Wochen lang herausragend gespielt hatte, 1990/91 nur fünf und 1991/92 nur sechs Saisontore. Für Italien traf er nach der WM 1990 nur noch ein einziges Mal.

"Die Erwartungshaltung mir gegenüber war ins Unermessliche gestiegen", haderte ein auch von Verletzungen geplagter Schillaci, der 1994 als erster Italiener - auch aus finanziellen Gründen - nach Japan wechselte. Wo seine Karriere still und heimlich ausklang. "Alle vier Jahre bekomme ich Anrufe aus der ganzen Welt", schmunzelt der Held längst vergangener magischer Nächte, an die er immer dann erinnert wird, wenn wieder eine WM vor der Tür steht.

"Na und?"

Nach seinem unwirklichen Höhenflug ist Toto Schillaci schnell wieder dort gelandet, wo er auch vor der WM 1990 war. Diese nimmt ihm aber keiner mehr, von ihr wird er vielleicht ewig zehren. Zumal er sich nicht daran stört, in den drei Jahren und elf Monaten zwischen den Turnieren nicht mehr in aller Munde zu sein: "Es gibt Spieler, die spielen 20 Jahre und schaffen nicht das, was ich erreicht habe. Es war nur ein Sommer - na und?"

Niklas Baumgart

In Bildern: Deutschlands WM 1990

Unsere Gratulanten