Bundesliga

Er formte auch Bürki und Baumann: Freiburgs Torwarttrainer im Interview

Warum Kronenberg auch die Pädagogik sehr schätzt

Er formte auch Bürki und Baumann: Freiburgs Torwarttrainer im Interview

Er ist in Freiburg für die Entwicklung der Torhüter zuständig: Andreas Kronenberg.

Er ist in Freiburg für die Entwicklung der Torhüter zuständig: Andreas Kronenberg. imago images

Oliver Baumann ist in der sechsten Saison Stammtorwart der TSG Hoffenheim und schwärmt in den höchsten Tönen - vom Torwarttrainer des SC Freiburg. "So ein geiler Typ. Ich liebe ihn, wirklich", sagt Baumann über Andreas Kronenberg, der ihn bei den Breisgauern von 2011 bis 2014 coachte. "Er hat mich extrem weiterentwickelt, im Spiel, aber auch als Persönlichkeit. Er hat eine hohe Fachkompetenz, macht jeden besser", lobt der 29-Jährige seinen 45 Jahre alten Ex-Coach. "Und wenn er Jungs hat, die auch klar im Kopf sind", findet Baumann, "funktioniert das noch besser. Alexander Schwolow ist dafür auch ein gutes Beispiel." Baumanns Fazit: "Kronenberg ist viel zu bescheiden und hat einen hohen Anteil am Erfolg des SC." Und an jenem einiger Bundesliga-Keeper. So feierten Dortmunds Roman Bürki und Unions Rafal Gikiewicz sowie die aktuellen Freiburger Keeper Schwolow und Mark Flekken ihr Debüt im Oberhaus unter seiner Anleitung. Zudem coachte Kronenberg beim SC kurzzeitig auch Düsseldorfs Zack Steffen (2015/16), in der Jugend des FC Bayern hatte er den derzeitigen Paderborner Torwart Leopold Zingerle unter seinen Fittichen. Grund genug, den im schweizerischen Basel geborenen Kronenberg selbst zu Wort kommen zu lassen.

Herr Kronenberg, warum sind Sie als Keeper nicht über vier Zweitliga-Einsätze für LR Ahlen hinausgekommen?

Darüber habe ich mir noch nie viele Gedanken gemacht. Aus der Schweiz hat mich ein Trainer in die dritthöchste deutsche Liga geholt. In Deutschland ist die Konkurrenz sehr groß. Am Ende ist es eine Frage der Qualität, die hat bei mir eben hauptsächlich für die 3. Liga gereicht.

Wo hätten Sie als Torwarttrainer bei sich früher als Spieler angesetzt?

Es war kein Zufall, dass ich mir dreimal das Kreuzband gerissen habe, da waren körperliche Grenzen gesetzt. Auch wenn ich kein Freund vom ersten Blick auf die Größe eines Torwarts bin, brauchst du auf Top-Niveau eine gewisse athletische Voraussetzung, die ich mit 1,80 Metern und langsamer Muskelzunahme sicher nicht hatte.

Yann Sommer ist 1,83 Meter und ein internationaler Top-Keeper. Oft werden ihm aber fehlende Zentimeter unter die Nase gerieben. Wie wichtig ist denn nun die Größe bei Keepern?

Wenn bei Sommer teilweise von den fehlenden fünf Zentimetern gesprochen wird, würde ich gerne die Szenen beleuchten, wo er aufgrund seiner Konstitution schneller am Boden war und einen Ball gehalten hat, der für einen größeren Torwart schwieriger zu parieren gewesen wäre. Viel wichtiger ist es, die Bewegungsabläufe, also Grundstellung, Schrittfolge und allgemein die Beinarbeit des Torhüters zu analysieren.

Wenn man es sich wünschen könnte, dann 1,88 Meter und dazu eine wahnsinnige Athletik, Schnelligkeit und Beweglichkeit.

Gibt es trotzdem eine ideale Torwart-Konstitution?

Wenn man es sich wünschen könnte, dann 1,88 Meter und dazu eine wahnsinnige Athletik, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Diese Attribute leiden oft bei sehr großen Torhütern.

Oliver Kahn hat den Begriff Torspieler geprägt. Lenkt der Fokus auf das Mitspielverhalten der Keeper ein wenig von deren Kernaufgabe ab?

Mitspielen wird immer wichtiger, das ist klar. Auch wenn es natürlich weiterhin Unterschiede gibt, können inzwischen eigentlich alle Torhüter kicken. Beim SC legen wir großen Wert auf das Mitspielverhalten, diese Komponente soll aber im Rahmen des Mannschaftstrainings geschult werden, indem wir die Keeper etwa in Rondo-Spielformen einbinden. Auch wenn Keeper über 90 Minuten mehr mit den Füßen spielen müssen - bei den spielentscheidenden Situationen kommt es auf die Hände an. Deshalb arbeite ich in meinem Training detailliert an den Aktionen gegen den Ball, der Tor- und Raumverteidigung.

Bürki, Baumann, Gikiewicz sowie Schwolow und Flekken - diese Saison standen schon fünf Keeper im Bundesliga-Fokus, die unter Ihrer Anleitung das Debüt im Oberhaus feierten oder im Falle von Baumann drei Jahre von Ihnen gecoacht wurden. Sind Sie stolz auf diese Quote?

Das freut mich logischerweise, aber ich war oder bin nur ein Baustein von vielen auf dem Weg dieser Jungs. Ich begleite sie in der täglichen Arbeit und versuche, sie bestmöglich auf den Wettkampf vorzubereiten und zu verbessern. Das ist aber von so vielen Dingen abhängig, dass es anmaßend wäre, mir einzubilden, dass es in erster Linie mit mir zu tun hätte, dass sich die Jungs in der Bundesliga etabliert haben. Entscheidend ist deren Qualität. Und die Spieler entwickeln sich selbst, nicht der Torwarttrainer entwickelt die Spieler.

Wir beim SC bestrafen keinen Spieler, weil er sich verletzt.

Erstmals in Ihrer Amtszeit gab es eine größere Torwartthematik beim SC, weil Flekken als Bundesliga-Neuling und Vertreter des in der Hinrunde lange verletzten Stammkeepers Schwolow außergewöhnlich gut hielt. Einige meinten, Flekken hätte auch nach Schwolows Genesung im Tor bleiben sollen. Eine schwierige Situation für Sie?

Nein, gar nicht. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Flekki so gut gehalten hat. Ein Problem hätten wir gehabt, wenn er das nicht getan hätte. Es ist klar, dass es öffentliche Diskussionen gab, wer im Tor bleiben soll. Aber wenn man tief in der Situation drin ist, sich die Jungs holt und ihnen die Dinge erklärt, ist es nur ein Teil des Jobs. Es war meine Aufgabe festzustellen, dass sich Schwolli verletzt hat, davor aber über Jahre sehr gute und konstante Leistungen gebracht hatte. Wir beim SC bestrafen keinen Spieler, weil er sich verletzt. Die Voraussetzungen, dass Schwolli ins Tor zurückkehren konnte, waren natürlich hundertprozentige Gesundheit und Sicherheit in den Abläufen. Wir haben eine sehr nachvollziehbare Entscheidung getroffen.

Sieht Flekken das auch so?

Auch er, sollte er mal die Nummer 1 sein, wird von unserer Art, mit Torhütern umzugehen, profitieren. Natürlich steht das Leistungsprinzip an oberster Stelle. Schwolli hat keinen Freibrief, sondern sich seinen Status über die Jahre mit Leistung verdient und seit seiner Rückkehr im Januar auch wieder bestätigt.

Vor der letzten Vertragsverlängerung des Trainerteams im Februar 2019 hatten auch Sie andere Optionen. Warum blieben Sie in Freiburg?

Am Ende geht es um die Möglichkeit, so arbeiten zu können, wie es hier der Fall ist. Das ist nichts, was von heute auf morgen entsteht. Für mich ist der Alltag entscheidend. Dieses hier gewachsene Vertrauensverhältnis im seit acht Jahren fast identischen Trainerteam und die Freiheit in der Arbeit gibt man nicht einfach so her.

Was ist das Erfolgsgeheimnis der Schweizer Torwartschule, der etwa Sommer, Bürki und Marwin Hitz entsprungen sind?

Der Verband hat mit Torwarttrainer Patrick Foletti gute konzeptionelle Arbeit geleistet und sorgt für ein hohes Ausbildungsniveau. Die Schweiz ist zwar nicht ganz so ein renommiertes Torwart-Land wie Deutschland, aber es gab dort schon immer gute Torhüter. Vor dem Bosman- Urteil war es schwierig, ins Ausland zu gehen, deshalb hat man hier frühere Schweizer Torhüter mit internationalem Format wie Erich Burgener, Karl Engel oder Joel Corminboeuf nicht so auf dem Schirm. Aber Sommer und Bürki sind Ausnahmetalente, die es nirgendwo alle Jahre gibt.

Was halten Sie von den vom DFB vor einigen Jahren eingeführten Torwarttrainer-Lizenzen und -Fortbildungen?

Sehr viel, warum sollen wir als Torwarttrainer nicht auch eine Ausbildung genießen dürfen, die für fast alle anderen Berufe im Leben Grundvoraussetzung ist? In unserer Branche kommt so etwas meistens zu kurz, weil das Tagesgeschäft so sehr dominiert und die Zeit fehlt. Deshalb war es für mich jedes Mal eine große Bereicherung, eine Woche weg zu sein, etwas dazuzulernen und mich mit Kollegen austauschen zu können.

Dabei hatten Sie beruflich nach Ihrer Spielerkarriere mit einem Sozialpädagogik-Studium in Freiburg zunächst eine andere Richtung eingeschlagen.

Das hilft mir immer noch. Ich bin froh, dass ich die Pädagogik mit 30 Jahren noch für mich entdeckt habe.

Es ist ein Weltverein, und das hat man auch im Jugendbereich gemerkt.

Die führte Sie im ersten Hauptjob sogar zum Rekordmeister Bayern.

Ja, es war ein Split-Job. Ich war als Pädagoge im Nachwuchsbereich und als Torwarttrainer für U-12- bis U-16-Teams angestellt. Paderborns Leopold Zingerle war damals zwei Jahre einer meiner Keeper, jetzt ist auch er in der Bundesliga. Daran sieht man: Das kann man jetzt unmöglich mit mir als Torwarttrainer in Verbindung bringen ...

Welche Erfahrungen haben Sie aus der Zeit unter den Profi-Trainern Jürgen Klinsmann, Jupp Heynckes und Louis van Gaal an der Säbener Straße mitgenommen?

Es ist ein Weltverein, und das hat man auch im Jugendbereich gemerkt. Ich habe viele Menschen wie den damaligen Nachwuchschef Björn Andersson getroffen, mit denen ich heute noch Kontakt habe. Das war sehr bereichernd und wichtig für mich.

Warum sind Sie dann nach zwei Jahren zum VfB Stuttgart gewechselt?

Als Pädagoge musste ich vor allem die Jungs im Blick behalten, die es nicht zum Profi schaffen. Das war für mich schwierig, weil du bei Bayern München noch mehr damit zu kämpfen hast, die Realität zu vermitteln, dass es die meisten eben nicht packen. Du musst dafür sorgen, dass die Jungs außer dem Fußball ausbildungstechnisch etwas in der Hand haben. Der VfB und der damalige Nachwuchsleiter Markus Rüdt haben mir ein gutes Konzept präsentiert und das Gefühl gegeben, das ist genau das, was ich machen will.

In Stuttgart sind Sie aber auch nur eine Saison geblieben, haben dann Pädagogik und Jugendarbeit für den Torwarttrainerjob beim SC Freiburg eingetauscht. Sind Sie doch den Verlockungen des Profigeschäfts erlegen?

Nein, das glauben mir viele nicht, aber ich wollte es nach dem Anruf aus Freiburg zunächst nicht machen, weil ich damals schon großen Respekt vor diesem Job hatte und nicht Teil des Profi-Karussels sein wollte.

Nein, wenn es die gäbe, würde ich definitiv die Konsequenzen ziehen.

Warum haben Sie das Angebot letztlich dann doch angenommen?

Ich kannte die Leute durch mein Pädagogik-Praktikum in der Freiburger Fußballschule schon, und Chris (Streich, im Sommer 2011 noch Co-Trainer von Marcus Sorg, d. Red.) hat mir dann aufgezeigt, dass es beim SC trotz der Bundesliga-Zugehörigkeit auch viel um die Ausbildung junger Menschen geht. Ich kannte auch Stammkeeper Olli Baumann schon ein bisschen aus der Fußballschule. Ich hatte die Stadt drei Jahre zuvor auch wegen meiner schönen Studienzeit nur schweren Herzens Richtung München verlassen - letztlich hat es mich wieder nach Freiburg gezogen.

Und Sie haben sich mit den Eigenheiten des Profizirkus arrangiert.

Glücklicherweise hat es sich bestätigt, dass meine Tätigkeit nicht wahnsinnig von der vorherigen abweicht. Natürlich ist auch bei uns an den Wochenenden ein bisschen mehr los als bei Jugendspielen (grinst), im Alltag ist allerdings vieles gleich geblieben. Da stehe ich mit jungen Menschen auf dem Platz und versuche, Entwicklungsprozesse anzuschieben.

Aber der Pädagogik-Job fällt weg.

Das stimmt, aber es fehlt mir insofern nicht, weil ich es auf einem anderen Weg habe. Bei uns ist es durch den intensiven Umgang mit den Jungs viel mehr als nur Fußball.

Gibt es nach fast neun Jahren noch keine Abnutzungserscheinungen?

Nein, wenn es die gäbe, würde ich definitiv die Konsequenzen ziehen.

(Dieses Interview erschien erstmals am 23. März in der Print-Ausgabe des kicker)

Interview: Carsten Schröter-Lorenz

Nübels Novum, Haalands Rekord: Spielerfakten der Rückrunde