Bundesliga

Enttäuschung bei Eintracht Frankfurt, aber kein Scherbenhaufen

Eine kommentierende Analyse der Lage in Frankfurt

Enttäuschung bei der Eintracht, aber kein Scherbenhaufen

In Frankfurt auf der Zielgeraden: Sportvorstand Fredi Bobic (li.) und Trainer Adi Hütter. Mit Ralf Rangnick (re.) laufen Gespräche.

In Frankfurt auf der Zielgeraden: Sportvorstand Fredi Bobic (li.) und Trainer Adi Hütter. Mit Ralf Rangnick (re.) laufen Gespräche. picture-alliance (2)

In Frankfurt müssten Surfbretter normalerweise einen reißenden Absatz finden. Der vierte Tabellenplatz und herzerfrischender Offensivfußball sorgen für eine riesige Welle der Euphorie. Das goldene Tor zur Königsklasse steht sperrangelweit offen und scheint nur darauf zu warten, dass die Eintracht zum historisch ersten Mal hereinspaziert. Doch wie so oft im Leben, ziehen auch in diesen für die Fans eigentlich so glückseligen Tagen plötzlich dunkle Wolken auf, die einen Schatten auf das Waldstadion werfen und die allgemeine Freude schmälern. Am 28. Februar saß Adi Hütter in einem Studio bei "Sky" und ließ sich kein Hintertürchen offen, als er angesichts aufkommender Gladbach-Gerüchte ankündigte: "Ich bleibe." Sechs Wochen später ist klar, dass diese Worte nichts wert waren, viele Anhänger fühlen sich getäuscht. Wie ein Mosaiksteinchen fügt sich der gesamte Vorgang rund um diesen Wechsel in das narzisstische Bild, das viele Protagonisten im Profifußball abgeben und selbst eingefleischte Fans zunehmend abstößt. Die "Ich-AG" ist längst ein geflügeltes Wort, Verlässlichkeit bleibt auf der Strecke. Erstaunlich: Obwohl sich Hütter vielfach beraten lässt, erfuhr die überraschte Mannschaft am Montag aus den Medien von seinem Abgang. Das hätte der Trainer besser lösen können. Seit Wochen eierte er auf Pressekonferenzen herum, sobald es um seine Zukunft ging. Das nährte bereits den Verdacht, dass etwas im Busch ist. Eine Überraschung war die Verkündung seines Abschieds in Richtung Gladbach deshalb nicht mehr.

Erste Gespräche im Februar

Zugutehalten kann man Hütter, dass die Situation auch für ihn nicht einfach war und er wahrscheinlich die Intention verfolgte, die nun aufkeimende Unruhe im Sinne des sportlichen Erfolgs so lange wie möglich hinauszuzögern. Schon unmittelbar nach seinem "Ich bleibe"-Statement war hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass die Aussage in erster Linie dazu diente, für Ruhe zu sorgen. Nicht bekannt ist, wie heiß der Flirt zwischen ihm und Gladbach zu diesem Zeitpunkt bereits war; erste Gespräche hatte es im Februar gegeben. Natürlich wäre es ehrlicher gewesen, wenn der Österreicher seine Zukunft zu jeder Zeit offengelassen hätte. Doch schon der angekündigte Abschied von Sportvorstand Fredi Bobic sorgte Anfang März für einige Turbulenzen, permanente Spekulationen um Hütters Zukunft hätten zu diesem Zeitpunkt für eine noch größere Unruhe gesorgt - die den Erfolg gefährdet hätte? Das bleibt eine hypothetische Überlegung. Aber es ist anzunehmen, dass sich auch der 51-Jährige darüber Gedanken gemacht hat. Deshalb kann man über die Art und Weise seines Vorgehens auch gnädiger urteilen.

Eintracht Frankfurt - Vereinsdaten
Eintracht Frankfurt

Gründungsdatum

08.03.1899

Vereinsfarben

Rot-Schwarz-Weiß

Trainersteckbrief Hütter
Hütter

Hütter Adolf

Eintracht Frankfurt - Die letzten Spiele
FC Schalke 04 Schalke (A)
4
:
3
1. FSV Mainz 05 Mainz (H)
1
:
1

Klar ist außerdem: Der Wechsel ist angesichts der vertraglich vereinbarten Ausstiegsklausel nicht zu beanstanden. Im Gegenteil, die Eintracht muss sogar froh sein, dass Hütter im vergangenen September seinen Vertrag um zwei Jahre verlängerte und einer für Trainer ungewöhnlich hohen Ausstiegsklausel - im Raum stehen 7,5 Millionen Euro - zustimmte. Andernfalls hätte er nun nämlich ablösefrei wechseln können.

Gladbach bietet klarere Zukunftsperspektive - Austausch mit Rangnick

Wann genau sich Hütter für die Borussia entschied und inwieweit die bevorstehenden Abschiede von Bobic und Hübner zu dieser Entscheidung beitrugen, ist bisher nicht bekannt. Vielleicht erläutert er seine genauen Beweggründe auf der am Donnerstag angesetzten obligatorischen Spieltags-Pressekonferenz. Gladbach bietet aktuell jedenfalls eine klarere Zukunftsperspektive, da in Frankfurt noch nicht feststeht, wer auf Bobic folgt. Neuester Kandidat: Ralf Rangnick, mit dem es einen ersten Austausch gab. Spätestens nach der kommenden englischen Woche soll die Nachfolge geregelt sein. Die Einigung mit Bobic erfolgt früher, voraussichtlich wird der Vertrag des 49-Jährigen noch vor dem Spiel in Gladbach zum 30. Juni 2021 aufgelöst.

Gespannt sein darf man, wie die Spieler mit der Situation umgehen. Bisher strebten sie unbeirrt in Richtung Champions League, kostet Hütters angekündigter Abschied nun vielleicht die entscheidenden Prozentpunkte? Das kommende Spiel am Samstag - ausgerechnet in Gladbach - könnte erste Anhaltspunkte liefern. Das intakte Mannschaftsgefüge und der enorme Ehrgeiz der Truppe sprechen gegen einen Einbruch. Für Profis wie Makoto Hasebe, Sebastian Rode, Stefan Ilsanker oder Erik Durm könnte es zudem die letzte Chance in ihrer Karriere sein, noch einmal in der Königsklasse aufzulaufen. Das werden sie sich nicht durch einen Trainerwechsel kaputtmachen lassen wollen. Eine selbst bei einer guten Leistung mögliche Niederlage in Gladbach würde die Diskussionen jedoch befeuern.

Eintracht hochattraktiver Arbeitgeber

Trotz aller Ungewissheit gibt es keinen Grund, den Teufel an die Wand zu malen. Auch wenn angesichts des Vakuums im sportlichen Bereich aktuell viele Fragezeichen im Raum stehen, könnten sich die dunklen Wolken über Frankfurt auch rasch wieder verziehen. Die tolle Entwicklung der vergangenen Jahre und der angepeilte Einzug in die Champions League machen die Eintracht zu einem hochattraktiven Arbeitgeber für zahlreiche kompetente Manager und Trainer. Wenn der Aufsichtsrat beim Sportvorstand eine clevere Wahl trifft und dieser ein glückliches Händchen bei Trainerwahl beweist, ist es dem Klub zuzutrauen, den vor fünf Jahren unter Bobic eingeschlagenen Erfolgskurs auch in den kommenden Jahren fortzusetzen.

So lange laufen die Verträge der Bundesliga-Trainer