EM

Endspiel in Wembley: COVID, what COVID?

Mein Spiel des Jahres: Italien - England 3:2 i.E.

Endspiel in Wembley: COVID, what COVID?

Das EM-Endspiel im rappelvollen Wembley-Stadion.

Das EM-Endspiel im rappelvollen Wembley-Stadion. SvenSimon-Guengoer-GES-Pool

EM-Finale. Neben dem Endspiel der Champions League das wohl bedeutendste Ereignis des internationalen Fußballs im Jahr 2021. Und doch beherrscht mich vor Ort in Wembley das Gefühl, dass es Wichtigeres gibt. Gerade in London, wo zu jener Zeit das Coronavirus sehr viel heftiger um sich greift als im heimischen Deutschland.

Maske als peinliche Übervorsichtigkeit

EM 2021 - Finale

Davon ist aber in der City wenig und rund ums Stadion am Finaltag fast gar nichts mehr zu merken. Die Pubs und Biergärten sind gut gefüllt, die anwesenden Fans - darauf lassen Lautstärke und Artikulation schließen - ebenfalls. Auf dem Wembley Way herrscht die ausgelassene Stimmung einer riesigen Open-Air-Party. COVID, what COVID?

Mit meiner OP-Maske vorm Gesicht komme ich mir peinlich übervorsichtig und irgendwie deplatziert vor und versuche so schnell wie möglich ins Innere der Arena zu kommen. Nicht ohne vorher am Medien-Eingang einen Schnelltest zu machen. Auch bei den VIPs gab es da keine Ausnahme, an den übrigen Einlass-Toren für die "normalen" Fans war mir das allerdings nicht aufgefallen.

Mit Anpfiff geht es nur noch um Fußball

Aber wie es so geht - ist das Spiel einmal angepfiffen, dreht sich alles nur noch um Fußball. Um den EM-Titel. Um vor allem darüber für den kicker zu berichten, sitze ich ja nun auf der Tribüne dieses herrlichen Stadions, in dem unvernünftiger Weise eine grandiose Atmosphäre herrscht. Neutral zu berichten. Was mir ansonsten leicht fällt - an diesem Abend hat sich in den Hinterkopf jedoch ein kleines bisschen Subjektivität eingeschlichen. Der dank geschenktem Elfmeter glückliche Halbfinalsieg der Engländer über die allseits beliebten Dänen wirkt nach. Und außerdem hatte Italien schließlich in einigen Spielen den attraktivsten Fußball an diesem Turnier gezeigt.

Southgates taktischer Kniff

Der Beginn der Partie gehört den Gastgebern. Englands Trainer Gareth Southgate überrascht die Italiener mit dem taktischen Kniff, die Flügel doppelt zu besetzen, und stellt sie vor große Probleme. Schnell fällt das Führungstor durch Luke Shaw, weitere Chancen lassen die Engländer in dieser Phase italienischer Orientierungslosigkeit jedoch ungenutzt, was sich später rächen wird. Erst nach 30 Minuten haben sich die Azzurri gefangen. In einem ausgeglichenen Duell gelingt Leonardo Bonucci in der zweiten Hälfte der Ausgleich. Es geht in die Verlängerung.

Eine unerfüllte Hoffnung

Ich hoffe inständig auf eine Entscheidung bis zur 120. Minute - egal, für wen. Hauptsache kein Elfmeterschießen, dem gegenüber ich einfach eine große persönliche Abneigung hege. Und ein derart wichtiges Finale sollte erst recht, zumindest in meiner Welt, nicht auf diese Weise entschieden werden. Doch meine Welt ist nicht die reale und in der fällt die Entscheidung dann doch vom Punkt. Als Gianluigi Donnarumma den Schuss von Bukayo Saka hält, ist Italien Europameister und England geschockt. Drama pur - auch im Eingangsbereich des Stadions, den Dutzende Fans ohne Tickets zeitweise stürmten, wovon ich jedoch erst nach dem Abpfiff erfuhr.

Ja, es war ein sehr spannendes und teilweise auch wirklich gutklassiges Spiel. Aber besonders in Erinnerung sind mir weniger einzelne Aktionen auf dem Platz als vielmehr die ganz außergewöhnlichen Umstände, unter denen dieses Finale stattfand, geblieben.

Manfred Münchrath

Bilder zur Partie Italien - England